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Lutz Wagner : Der Schiedsrichter von nebenan

  • -Aktualisiert am

Einer der bekanntesten deutschen Schiedsrichter: Lutz Wagner Bild: ddp

Nach sechs Monaten der Leidenszeit ist Lutz Wagner zurück auf der Bühne Bundesliga. In Wolfsburg pfeift der volksnahe Mann aus Kriftel bereits sein 165. Bundesligaspiel.

          Er ist nicht mehr auf Entzug. Damit keine Missverständnisse aufkommen – Lutz Wagner ist nicht süchtig. Aber die Zwangspause vom Fußball hat er doch als Leidenszeit empfunden. Eine Knieverletzung am Ende der letzten Saison hat Hessens einzigem Bundesliga-Schiedsrichter arg zugesetzt. Aber jetzt, nach einem guten halben Jahr, ist er wieder mittendrin im Geschehen und prompt zurück in den Schlagzeilen.

          Vergangenes Wochenende, in Cottbus, haben sie sich vorab auf ihn gefreut, wegen der „nur guten Erfahrungen mit Schiedsrichter Wagner“ in der Vergangenheit, wie auf der Homepage des Klubs zu lesen war. Nach der Partie gegen Leverkusen, in der der Unparteiische kurz vor Spielende einen Foulelfmeter zugunsten der Westdeutschen pfiff, lasen sich die Kritiken im Osten ausgesprochen unfreundlich. Wagner reagiert darauf mit der Gelassenheit eines Spielleiters, der sich schon vieles anhören musste. Es habe in den neunzig Minuten „sieben, acht enge Entscheidungen“ gegeben, doch selbst die Fernsehsender hätten mit Hilfe von virtueller Linie und 3-D-Animation die strittigen Entscheidungen nicht zweifelsfrei klären können.

          220 Entscheidungen in 55 Minuten Nettospielzeit

          Zusammen mit dem Schiedsrichter-Beobachter, der inzwischen zum „Schiedsrichtercoach“ umbenannt wurde, ist das Schiedsrichter-Gespann von Cottbus die kniffligen Szenen durchgegangen, ohne im Nachhinein eingestehen zu müssen: Da haben wir aber einen gravierenden Fehler gemacht. Daheim in Kriftel hat sich Wagner in aller Ruhe noch einmal die DVD seiner 164. Bundesligapartie angesehen, ohne zu anderen Schlüssen gekommen zu sein als spontan auf dem Rasen. Im Schnitt, so belegt es die Statistik, fällt ein Unparteiischer in 55 Minuten Nettospielzeit circa 220 Entscheidungen. Ein einziger gravierender Fehler reicht, um durch den Kakao gezogen zu werden.

          Einem wie Wagner, der 1994 mit Bochum gegen Dresden sein erstes Bundesligaspiel pfiff, ist nichts Menschliches fremd. Vielleicht ist der Hesse, dem man seine Herkunft anhört, der volkstümlichste unter den 18 Eliteschiedsrichtern. Vielleicht liegt es auch daran, dass er nach Markus Merk der dienstälteste der Gilde ist. Im Mai wird er 45 Jahre alt und kann auf dreißig Jahre Schiedsrichterei zurückblicken. In seiner Heimatgemeinde ist er so stadtbekannt wie sein Joggingpartner Paul, ein zotteliger, freundlicher, in die Jahre gekommener Hütehund. Die Firma Heinrich Wagner KG hat ihr hundertjähriges Bestehen hinter sich. Lutz Wagner braucht nur über die Straße zu gehen, um von seinem Wohnhaus zum Arbeitsplatz zu gelangen. Seinen Job als Betriebsleiter einer Firma (Polar), die Papierschneidemaschinen für die Druckindustrie herstellt (zum Beispiel für Geldnoten), nennt Wagner ein „Standbein, das Sicherheit gibt“. Polar gewährt ihm die zeitliche Unabhängigkeit, die das Amt im Sport erfordert.

          Am Freitag etwa ist Wagner um 16.39 Uhr erster Klasse per Zug von Hofheim nach Wolfsburg aufgebrochen, wo er an diesem Samstag die Partie gegen Duisburg zu leiten hat. Die Anreise hat jeweils am Vortag zu erfolgen. Waren es bei seinem Bundesligadebüt noch 72 Mark, die der Deutsche Fußball-Bund für den Dienst an der Pfeife überwies, sind es inzwischen 3600 Euro.

          Aus dem Kreis der glorreichen 18

          Spätestens in der übernächsten Saison erreicht Wagner die Altersgrenze für erstklassige Schiedsrichter – mit 47 Jahren ist schließlich Schluss mit der Bundesliga. Wollte er weitermachen, wäre das nur auf Kreis- oder Bezirksebene möglich. Wagner wird der Schiedsrichterei in einer Funktion für Fortgeschrittene treu bleiben – in der Weiterbildung von Schiedsrichtern. Als Verbandslehrwart des Hessischen Fußball-Verbandes weiß er schon heute, wovon er spricht.

          Er sieht sich als einer von 80.000 „Schiris“ in der Republik und ist doch einer aus jenem exklusiven Zirkel der glorreichen 18, die auf Schritt und Tritt erkannt werden, um Autogramme angegangen werden, sich aber auch anhören müssen, was sie da wieder zusammengepfiffen hätten. Ständig in der Kritik zu stehen schweißt zusammen, erklärt für Wagner den Zusammenhalt der Gilde. Das ist ihm gerade in jenen Monaten deutlich geworden, als er die Bundesliga vor dem Fernseher verfolgte, er mit den Kollegen litt, wenn ihre Auftritte im Nachgang „auf allen Kanälen rauf und runter“ seziert wurden.

          Seit ein paar Wochen ist Lutz Wagner wieder eine handelnde Figur in diesem Einpersonenstück mit 22 Darstellern. Nach einem Fitnesstest musste er sich erst wieder in der altvertrauten Rolle bewähren: mit je zwei Spielen in Oberliga sowie Regionalliga. Dann eine Partie in der Junioren-Bundesliga, bevor der Weg über die Zweite Bundesliga (Koblenz gegen Aachen) zurück in die Spitze führte. Der Einstand geriet ein wenig turbulent und passte irgendwie zum Schiedsrichter aus Kriftel, der mit Leib und Seele dabei ist.

          Anderes außer Fußball

          Seine Frau Petra liefert gelegentlich den Hinweis, dass es noch etwas anderes gibt neben dem Fußball. Hinter seinem Holzhaus mit Hinterhofflair grasen fünf Graugänse. Die Grenze zwischen Hofheim und Kriftel verläuft mitten durch das Grundstück der Wagners. 85 Prozent der Grundsteuer entfallen auf Kriftel, 15 auf Hofheim. In beiden Gemeinden reklamieren sie den Marathon-Schiedsrichter der Bundesliga als den ihrigen. Das ist ein Votum ganz nach dem Geschmack von Lutz Wagner. Er versteht sich als der Mann von nebenan. So ist er, so redet er, und so leitet er auch.

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