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Leichtathletik-EM in Berlin : Newcomer ohne Scheu

Zufrieden: Zehnkämpfer Niklas Kaul bei der Leichtathletik-EM in Berlin. Bild: EPA

Gelassenheit und Nervenstärke zählen zu den großen Trümpfen von Zehnkämpfer Niklas Kaul. Das hilft ihm auch bei seinem EM-Abenteuer in Berlin.

          Es gibt kein schöneres Gefühl, als am Ende von zwei Wettkampftagen völlig fertig zu sein“, erklärt Niklas Kaul seine Faszination vom Zehnkampf: „Am Boden liegen und die Gewissheit fühlen, es geschafft zu haben.“ So gesehen, muss man sich den Mainzer derzeit als glücklichen Mann vorstellen. Denn er darf sich bei der Europameisterschaft in Berlin bei rekordverdächtiger Hitze austoben, vermutlich bis zur Erschöpfung. Und damit war bis vor wenigen Tagen noch nicht zu rechnen.

          Eigentlich war die EM-Saison für ihn abgehakt. Mit 8205 Punkten, die er bei seinem Debüt in Götzis trotz einer im Speerwerfen erlittenen Rückenverletzung erzielte, hatte sich der Zwanzigjährige  in seiner ersten Saison bei den Aktiven zwar auf Anhieb unter den besten deutschen Mehrkämpfern eingereiht – aber eben nur auf Rang vier. Doch weil sich der WM-Dritte Kai Kazmirek aufgrund muskulärer Probleme kurzfristig abmeldete, rückte der Junioren-Weltmeister vom USC Mainz doch noch in den EM-Kader auf.

          Newcomer mit Abenteuerlust

          Dass er eigentlich gar keinen Zehnkampf mehr in diesem Sommer bestreiten wollte und auch nicht hundertprozentig vorbereitet in das große Ereignis starten konnte, machte den Mainzer aber nicht weiter nervös: „Ich kann in Berlin nur gewinnen.“ Gelassenheit und Nervenstärke zählt er ohnehin zu seinen Trümpfen.

          Also packte Kaul Ende vergangener Woche schnell seine Sachen und ging Anfang dieser Woche das Abenteuer EM-Zehnkampf ohne übertriebene Scheu an. Gleich im ersten von vier 100-Meter-Läufen war der Newcomer zum Auftakt am Dienstag früh gefordert. Unterstützt vom Berliner Publikum, rannte er die lange Gerade in ordentlichen 11,36 Sekunden entlang – nicht allzu weit hinter seiner Bestzeit (11,20) zurückbleibend. Auch im Weitsprung kam er seiner eigenen Hausmarke recht nahe: 7,20 Meter sind nur neun Zentimeter unter seinem Spitzenwert – und vor allem besser als nichts.

          Streben nach dem Maximum

          Denn gleich vier Zehnkämpfer brachten im Olympiastadion keinen einzigen gültigen Versuch zustande, darunter auch Topfavorit Kevin Mayer aus Frankreich und der Ulmer Mathias Brugger. Nachdem Kaul im Kugelstoßen das dicke Eisen auf 13,85 Meter gewuchtet hatte, ging er „schon zufrieden“ in die Mittagspause: „Es hätte überall ein Ticken mehr sein können“, meinte er. Aber generell sei er froh, überhaupt dabei sein zu dürfen. Im Hochsprung am Abend brachte er dann die Kurve zum Klatschen und überwand alle Höhen bis 2,02 Meter auf Anhieb. Schließlich standen 2,08 Meter für ihn in der Ergebnisliste Nach dem abschließenden 400-Meter-Lauf, den er in 49,18 Sekunden absolvierte, übernachtete Kaul mit 4089 Punkten auf Rang 13; sein Teamkollege Arthur Abele (Ulm) liegt mit 4285 Zählern auf dem zweiten Platz.

          Leichtathletik bedeutet Kaul „ganz viel“, wie der Lehramtsstudent betont. „Ich bin damit groß geworden“ – was sicherlich familiär begründet ist. Seine Mutter Stefanie war österreichische Meisterin über 400 und 800 Meter sowie über 400 Meter Hürden, sein Vater Michael deutscher Meister im Hürdenlauf. Beide sind heute gemeinsam die Trainer ihres Sohnes. Der hat die guten Gene gern angenommen: „Ich stehe jeden Tag auf dem Platz. Es macht mir Riesenspaß.“

          Training bei Minusgraden

          In seiner Jugend spielte er auch Handball, was seinem guten Armzug im Speerwerfen nicht schadete, doch dann entschied er sich ganz für die Leichtathletik. Am Zehnkampf liebt er natürlich die Vielseitigkeit, den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung – aber auch das Miteinander im Wettkampf, selbst unter vermeintlichen Einzelkämpfern.

          Den ganzen Winter über ackern, um im Sommer zu sehen, was dabei rauskommt: Zehnkampf ist stets auch der Versuch, sich selbst ein Versprechen für die Zukunft zu geben, denn viele Wettkämpfe pro Saison sind nicht drin. Mit 90 Kilogramm Körpergewicht auf 1,90 Meter Größe besticht Kaul schon in jungen Jahren mit starker Physis. Dass er es so schnell „zu den Großen“ geschafft hat, beeindruckt ihn sogar selbst ein wenig. Die Wettkämpfe empfindet er als „ganz andere Nummer“ im Vergleich zu den Junioren.

          Schon jetzt baut er sich langfristig für die Olympischen Spiele 2020 auf. Die aktuelle EM kam ihm nun dazwischen – doch natürlich nahm er das Geschenk dankend an. Auch seine Eltern-Trainer haben alles stehen und liegen gelassen und sind ebenfalls in die deutsche Hauptstadt gereist. Allerdings als Zuschauer, nicht als Betreuer. So können sich die beiden aufs Daumendrücken konzentrieren. Ihr cooler Sohn wird das Sportliche im Stadion schon richten. Schließlich will er an diesem Mittwochabend nach dem 1500-Meter-Lauf so richtig glücklich fertig sein.

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