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Judoka Alexander Wieczerzak : Weltmeister wird man nicht allein

Überwältigt: Alexander Wieczerzak genießt den sportlichen Höhepunkt seiner Karriere. Bild: AFP

Für Judoka Alexander Wieczerzak liegt der Schlüssel zum Coup von Budapest im Vertrauen des neuen Bundestrainers. Nach dem Gewinn der Goldmedaille genießt er alles – selbst die Schmerzen.

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          Am Morgen danach wachte Alexander Wieczerzak auf, fragte sich kurz, ob alles nur ein Traum war, und fing dann an zu weinen. Vor Glück. „Weltmeister!“, sagte er sich immer wieder: „Ich bin Weltmeister!“ Der 26-Jährige vom Judo Club Wiesbaden (JCW) hatte am Donnerstag zuvor in Budapest die Sternstunden seiner bisherigen Karriere erlebt. Trotz einer extrem schweren Auslosung zweifelte er nicht an seinem Los, stattdessen kämpfte sich der Judoka durch die K.-o.-Runden in der 81-Kilo-Klasse. Und räumte alle Widersacher aus dem Weg: den WM-Dritten von 2015, den Olympiasieger 2016, den Europameister 2017, den aktuellen Weltranglistenersten. Bis er ganz oben auf dem Treppchen stand bei der WM in Budapest, die Nationalhymne ihm zu Ehren gespielt wurde und er auch da schon die Tränen nicht zurückhalten konnte.

          „Weltmeister wirst du nicht alleine“, sagte Alexander Wieczerzak am nächsten Tag im Gespräch mit dieser Zeitung. Und deshalb versäumte er es auch nicht, all jenen zu danken, die ihn unterstützten auf seinem Weg zum WM-Gold. „Ich hab mir gestern Abend noch Zeit genommen, meinen Liebsten zu danken“, sprudelte es geradezu aus ihm heraus. Natürlich hat er seine Eltern angerufen. Dazu Philipp Eckelmann, seinen Mentor, Manager und Freund aus Wiesbaden. „Wir haben beide gar nichts gesagt, sondern nur gelacht“, schildert er das „krasse“ Telefongespräch mit dem Vorsitzenden des JCW. Und dann galt sein Dank vor allem Simon Schnell, seinem Trainingspartner. „Er war immer für mich da“.

          „Jeder hat ein Danke verdient, der an mich dachte“

          In den vergangenen zehn Tagen vor der WM hat Schnell, der in der 90-Kilo-Klasse kämpft, jeden Tag eine Stunde mit ihm auf der Matte verbracht. „Er ist der ideale Partner.“ Unmittelbar nach seinem Finalsieg gegen den Italiener Matteo Marconcini hatte sich Wieczerzak in Budapest vor Bundestrainer Richard Trautmann verbeugt und ihm damit seine tiefe Dankbarkeit gezeigt. „Er hat an mich geglaubt, er hat mich mitgezogen“, sagt Wieczerzak über Trautmann. „Ich habe ihm zehnmal danke gesagt.“ Obwohl der junge Hesse zuvor keine guten Leistungen gezeigt hatte und sogar bei den deutschen Meisterschaften früh gescheitert war, nahm ihn Trautmann mit ins Trainingslager des Nationalkaders nach Teneriffa. Das war der Schlüssel zum späteren Sieg. Hier hatte Wieczerzak wieder das Vertrauen in sein Können geschöpft, das ihm vorher zeitweise abhanden gekommen war. Nach Krankheiten und Verletzungspech hatte er die Olympischen Spiele 2016 verpasst, Dengue-Fieber und Rippenbruch bestimmten sein Leben mehr als Innensichel oder Würgegriff, wie zwei bevorzugte Judo-Techniken heißen. „Vertrauen ist das Wichtigste“, sagt der Athlet über die Beziehung zum Coach, der erst seit 2017 Bundestrainer der Aktiven ist. Unter Trautmanns Leitung war Wieczerzak 2010 Junioren-Weltmeister geworden, nun gelang ihm das gleiche Kunststück in der Meisterklasse.

          Nachdem es geschafft war, tauchte er am Abend in den „Medienwahnsinn“ ein, wie er es nannte. Auf seiner Akkreditierung war Weltranglistenplatz 124 vermerkt, daneben baumelte die Goldmedaille. Eine Story, die viele interessierte. Wieczerzak gab „drei Stunden lang“ Interviews, „mit Filmteam, ohne Filmteam“, für Zeitungen und Radiosender, vor allem auch mit der Fachpresse aus Japan und Südkorea – Nationen, in denen ein Judo-Weltmeister etwas zählt. Immer mit dabei: „Mein Bodyguard“, wie er seinen Aufpasser von der Nada, der Nationalen Anti-Doping-Agentur, nannte. Doch nichts war ihm zu viel. „Ich hab alles genossen“, sagt er am Tag danach. Mehr noch als das Autogrammeschreiben, das erste Bier nach zwei Monaten und schließlich die Feier mit seiner Freundin, deren Eltern und einigen Freunden.

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          Schlafen konnte er sowieso nicht, und so hat er bis halb zwei in der Nacht noch SMS-Nachrichten, Mails und sonstige Gratulationen beantwortet: „Ich finde, jeder hat ein Danke verdient, der an mich dachte“, sagt er – doch er schaffte nur ein Drittel. Und am nächsten Tag waren schon neue Nachrichten eingelaufen. Der Hessische Rundfunk hat ihn für seine Sendung „Heimspiel“ am Montag eingeladen, auch zur Wahl von „Hessens Sportler des Jahres“ wurde er nachträglich nominiert, die Verkündung wird bei der Olympischen Ballnacht am 23. September im Wiesbadener Kurhaus stattfinden. Ute Buss, die Vorsitzende der Wiesbadener Sportförderung, die den BWL-Studenten und Sportsoldaten Wieczerzak seit Jahren unterstützt, denkt natürlich auch schon über eine angemessene Ehrung nach. Ein guter Zeitpunkt wäre der 25-Stunden-Lauf im Kurpark am kommenden Wochenende, bei dem sich Hunderte Hobbysportler zugunsten der Leistungselite an einem Spendenlauf beteiligen. Doch da wird Weltmeister Wieczerzak nicht teilnehmen können. Er fährt am 7. September mit seiner Freundin auf die Malediven. Den Urlaub hat er auch nötig, denn am Morgen nach seinem großen Kampftag sagte er ihr: „Kannst du bitte den Krankenwagen holen.“ Ihm tat alles weh. Wirklich alles. Sogar die Hand vom vielen Händeschütteln.

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