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Ironman in Frankfurt : An der Grenze zwischen Himmel und Hölle

  • -Aktualisiert am

Moment des Glücks: Jan Frodeno auf den letzten Metern vor dem Ironman-Ziel auf dem Frankfurter Römerberg. Bild: EPA

Vom tiefen Glück in die vollkommene Erschöpfung – Jan Frodeno gewinnt den Ironman in Frankfurt vor dem wacker kämpfenden Sebastian Kienle. Für den Weltmeister Patrick Lange wird das Rennen zu einem Debakel.

          Es ist nur ein kleiner Schritt“, sagte Jan Frodeno später, „ein kleiner Schritt zwischen Himmel und Hölle.“ Für ihn war es an diesem Sonntag tatsächlich ein einziger kleiner Schritt. Es war der Schritt, mit dem der beste Langstreckentriathlet der Welt bei der Ironman-Europameisterschaft nach 3,8 Kilometern Schwimmen, 185 Kilometern Radfahren und 42,195 Kilometern Laufen auf dem Römer die Ziellinie übertrat. Seine Zeit: 7:56:02 Stunden – gewonnen, zum dritten Mal in Frankfurt, dabei Sebastian Kienle, den Freund, nach hartem Kampf vier Minuten auf Distanz gehalten, und Patrick Lange, den ungeliebten Rivalen, deklassiert, mit mehr als 50 Minuten Vorsprung gar vernichtend geschlagen – dem Himmel so nah.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Dann dieser Schritt ins Ziel, der Schritt vom Himmel in die Hölle, vom tiefen Glück in die vollkommene Erschöpfung, aus dem Licht ins Dunkel. Jan Frodeno sank auf den Boden, Helfer kühlten ihn mit Eiswasser wie einen heißgelaufenen Reaktor, dann kämpfte er sich noch einmal zurück ins Rampenlicht, humpelte in den Zielkanal und ließ sich dort von den Zuschauern feiern. Zurück im sicheren Hafen hinter dem Ziel saß er lange kreidebleich an einem Geländer, wieder kühlten sie ihn mit Eiswasser und besorgten Mienen, selten hatte man den zweimaligen Ironman-Weltmeister in einem solch besorgniserregenden Zustand gesehen.

          Es dauerte lange, bis er zurückkehrte – wenn auch nicht in den Himmel, so doch ins normale Leben. „Das sind die Rennen, die uns vielleicht ein paar Jahre kosten“, sagte er, „aber es sind auch die Rennen, die das Leben schön machen.“

          In Frankfurt ein Exempel statuieren

          Frodeno war es nicht nur ums Gewinnen gegangen im Frankfurter Hitzerennen, sondern auch um ein Statement. Um eine Demonstration seiner Klasse und Stärke, adressiert an Patrick Lange, der sich als Champion der Ironman-Szene präsentiert, seit er in den vergangenen beiden Jahren die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii gewonnen hat. Daneben allerdings steht kein einziger Sieg in einem großen Rennen in der Siegerliste Langes, der erst 2016 in der Ironman-Szene auftauchte. Frodeno hingegen hat neben zwei Hawaii-Siegen (2015 und 2016) auch zwei WM-Titel über die Mitteldistanz errungen, außerdem den Olympiasieg 2008 über die Kurzstrecke.

          Zudem hält er die Weltbestzeit über die Ironman-Distanz. Das ist eine Menge mehr, als Lange bisher erreicht hat. Der Aufsteiger aus Hessen, der mittlerweile in Österreich lebt, zählt nicht gerade zu den besten Freunden Frodenos, seine beiden Hawaii-Titel hat er in Jahren gewonnen, in denen Frodeno wegen Verletzungen passen musste. Frankfurt war für Frodeno nun eine willkommene Gelegenheit, ein Exempel zu statuieren. Ein Beispiel seiner großen Klasse, auch noch mit 37 Jahren.

          Kein Start-Ziel-Sieg für Frodeno

          Sebastian Kienle, Hawaii-Sieger von 2014 und zweimaliger Mitteldistanzweltmeister, ging mit ähnlich wilder Entschlossenheit in das Rennen, das weltweit als Nummer zwei hinter dem Klassiker auf Hawaii gilt. Kienle hatte es bereits dreimal gewonnen. Auch der spitze Stein, den er sich bei einer kurzen Landpassage während des Schwimmens in den Fuß lief, diente ihm nicht als Entschuldigung, schon gar nicht als Vorwand, fortan nicht mit letztem Einsatz um den Sieg zu kämpfen. Er transportierte den Stein in seinem Fuß die 185 Kilometer bis zur nächsten Wechselzone, wo ihn eine Ärztin kurzerhand herausschnitt. So erleichtert, lief Kienle bei Kilometer 17 an den führenden Frodeno heran, musste den Kollegen dann aber ziehen lassen.

          Enttäuscht: Für Weltmeister Patrick Lange wird das Rennen in Frankfurt zu einer Tour der Pannen.

          Platz zwei – nur einen kleinen Schritt entfernt vom großen Ziel, damit konnte Kienle zufrieden sein. „Ich kann, ohne ins Lenkrad zu beißen, nach Hause fahren“, sagte er. Frodeno verdarb er einen Start-Ziel-Sieg, als er sich auf der Laufstrecke für ein paar Momente die Pole Position erkämpfte. Bis auf diese kurze Phase hatte Frodeno immer die Nase vorn, schon beim Schwimmen hatte er ernst gemacht und Lange zwei Minuten abgenommen. Seine einfache wie komplizierte Taktik: Ihr seht mich beim Start, ihr seht mich im Ziel, zwischendurch seht ihr mich nicht.

          Weltmeisterschaft im Oktober

          Und Lange? Hatte vor dem Rennen mit offensiven Ansagen seine stärksten Aufritte gehabt. Er wolle in Frankfurt „so richtig einen in den Asphalt brennen und zeigen, zu was ich wirklich in der Lage bin“, hatte er angekündigt. Das ging gründlich schief. Er erlebte ein Debakel. Eine Radpanne, die ihn rund sieben Minuten kostete, war viel zu wenig, um am Ende einen Rückstand von mehr als 50 Minuten zu erklären. Verdauungsprobleme, so Lange, hätten ihn zusätzlich gebremst. Dass ihn Frodeno und Kienle auf dem Laufkurs am Main mit seinen vier Schleifen sogar überrundeten, war die Höchststrafe. Vom Triathlon-Himmel war der aktuelle Weltmeister an diesem Tag ewig weit entfernt. Als er, um Längen abgeschlagen, die Ziellinie erreicht hatte, wollte er nur noch eines: schnell weg.

          Keine Interviews im Zielraum wie von seinen beiden großen Gegenspielern, die längst gegangen waren, um sich frisch machen zu lassen. Nur weg, sagte sich Lange, mit Verlobter und Manager im Schlepp, nur weg vom Ort der bisher größten Schmach als Triathlet. Später dann, als eine Sprachregelung gefunden war, sagte er, er sei stolz, ins Ziel gekommen zu sein, er habe damit die Qualifikation für Hawaii in der Tasche (mehr als Ankommen verlangt das Reglement von einem Weltmeister nicht), und überhaupt, es sei einfach nicht sein Tag gewesen mit all den Verdauungsproblemen und dem Pannenpech.

          Für die deutsche Triathlon-Troika beginnt nun die Vorbereitung auf Hawaii, die Weltmeisterschaft auf Big Island Mitte Oktober ist für Frodeno, Kienle und Lange der Fixpunkt der Saison. Dort wird abgerechnet, endgültig.

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