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Ironman : Tränen, Schmerzen, Krisen - drei Triathlon-Schicksale

  • -Aktualisiert am

Zusammen mit seiner Tochter überquerte Lokalmatador Kai Hundertmarck die Ziellinie Bild: dpa

Norman Stadler, Lothar Leder und Kai Hundertmarck, drei deutsche Stars der Triathlon-Szene, erlebten beim Ironman in Frankfurt schwere Stunden. Allesamt kämpften sie sich dennoch ins Ziel auf dem Römerberg.

          Im vergangenen Jahr war er der Triumphator. Stolz und glücklich und locker lief Normann Stadler über die Ziellinie auf dem Frankfurter Römerberg, den Blick zum Himmel, mein Tag, mein Rennen, mein Sieg. Diesmal flossen die Tränen. Stadler schleppte sich durch den Zielkanal, machte den letzten Schritt ins Ziel, bog rechts ab und hielt sich an ein paar Wasserkästen fest, um nicht umzufallen.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Stadler weinte vor Schmerzen, vor Enttäuschung, dann sank er seiner Freundin in die Arme, nicht sein Tag, nicht sein Rennen, nicht sein Sieg. Der Mannheimer, Titelverteidiger in Frankfurt und Hawaii-Champion von 2004, hatte einen seiner schwersten Tage als Triathlet hinter sich gebracht, 8:55:57 Stunden war er unterwegs gewesen beim Ironman Germany. Keine schlechte Zeit, beileibe nicht, aber doch eine mittlere Katastrophe für einen Mann mit den Ansprüchen von Stadler (Siehe auch: Triathlet Zäck gesteht positive A-Probe).

          Tiefrote Blutergüsse

          Nach 3,8 Kilometern Schwimmen und 180 Kilometern auf dem Rad war Stadler als Erster in den Marathonlauf gegangen, aber schon da war ihm klar, daß es ein bitterer Tag werden würde. Auf der Radstrecke war er nach zwanzig Kilometern auf regennasser Fahrbahn schwer gestürzt, tiefrote Blutergüsse am Rücken und an der Hüfte waren die Folge. Und Schmerzen. Beim Kurbeln, beim Luftholen, bei jedem Schritt. Der erste Reflex eines Triathleten nach einem solchen Sturz ist die Frage: Alles in Ordnung? Sie betrifft nicht den eigenen Körper, sondern das Rad.

          Stadlers Maschine rollte noch, und es ging weiter, die Schmerzen kamen erst nach und nach, als sich das Adrenalin wieder auf ein normales Maß reduzierte. Dann beginnt das Leiden des Ironman. Acht Minuten Vorsprung fuhr Stadler, der ein grandioser Radfahrer ist, auf die Verfolger heraus, dann wurde er langsamer. Beim Wechsel zum Laufen waren es schon weniger als vier Minuten. "Ich wußte, daß sie immer näher kommen", sagte Stadler. Und es dauerte nicht lange, bis sein Vereinskollege Timo Bracht an ihm vorbeistürmte. Er wünschte ihm noch viel Glück, was Bracht später als "große Geste" würdigte, danach wurde es bitter. Stadler hielt sich die Seite, mußte gehen, ließ sich behandeln, schleppte sich weiter. Dann, irgendwann, lief Lothar Leder zu ihm auf. "Nicht aufgeben", sagte der Darmstädter, den selbst arge Krämpfe plagten und der selbst ein Bild des Jammers bot. So trotteten sie eine Weile nebeneinanderher, Not und Elend Seit' an Seit'.

          Es wurde immer schlechter

          Stadlers Ruf in der Triathlonszene ist nicht der beste gewesen in all den Jahren, er galt als einer, der zu oft ausscheidet, nach technischen Defekten, nach Platten, keiner, der auf Teufel komm raus das Ziel erreicht, wenn er keine Chance sieht zu gewinnen. Diesmal war es anders. "Ich wollte nicht aufgeben", sagte Stadler. "Ich wollte nicht aufgeben. Es gibt hier Leute, die quälen sich sechzehn, siebzehn Stunden, da kann ich das auch einmal ein paar Stunden lang machen." Auch Lothar Leder, dem Lokalmatadoren aus Darmstadt, ging es schlecht und schlechter.

          Stadler überholte ihn wieder, diesmal kam der Trost von ihm, und weil man auch in der Krise Ziele braucht, hat Stadler sich Kai Hundertmarck ausgesucht. "Ein Radfahrer sollte nicht vor mir sein", sagte er sich und begann wieder schneller zu laufen. Hundertmarck vor Stadler - das wäre für den Hawaii-Champion ein zu großer Affront gewesen, vor allem wenn man bedenkt, daß sich der ehemalige Telekom-Profi nach einem Wadenbeinbruch nur mit der abenteuerlich schlechten Laufleistung von achtzig Trainingskilometern in den vergangenen vierzehn Wochen auf das Frankfurter Triathlon-Abenteuer vorbereiten konnte.

          Hiobsbotschaft zu Beginn

          Für Hundertmarck hatte das Rennen mit einer Hiobsbotschaft begonnen. Neoprenanzüge waren nicht erlaubt worden, weil der Langener Waldsee mit 25 Grad Wassertemperatur zu warm war. Hundertmarck aber hatte als im Vergleich zur Weltklasse schwacher Schwimmer ganz auf den Neoprenanzug als Schwimmhilfe gesetzt. Ohne ihn verlor er schon im Wasser rund zwölf Minuten auf die Spitze. Ein Rückstand, den er auf dem Rad nicht mehr wettmachen konnte. "Ich konnte nicht, wie geplant, beim Schwimmen die Beinmuskulatur schonen", sagte Hundertmarck. "Und deshalb konnte ich auf dem Rad auch nicht die Leistung auf die Pedale bringen, die ich mir vorgenommen hatte." 350 Watt Dauerleistung hatte Hundertmarck im vergangenen Jahr getreten, diesmal war es deutlich weniger. Am Ende war Stadler rund vier Minuten schneller als Hundertmarck. Leder folgte, völlig am Ende, noch einmal zwei Minuten später.

          Stadler Elfter, Hundertmarck Fünfzehnter, Leder Sechzehnter. Drei Schicksale, drei bewegende Leidensgeschichten an einem heißen Frankfurter Triathlontag. Drei Sieger auch, wenn man nach dem Beifall geht, den die Zuschauer auf dem Römerberg spendierten.

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