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Race Across America : „Amerika im Schnelldurchlauf“

  • -Aktualisiert am

Sechs Stunden pro Tag musste jedes Mitglied der „Gentlemen of Speed“ in die Pedalen treten, um den zweiten Platz zu erkämpfen. Bild: Cody Chouinard

Wie lange dauert es wohl mit dem Rad von der amerikanischen West- bis zur Ostküste? Drei Frankfurter und ein Pfälzer haben es in sechs Tagen geschafft. Bei dem Rennen haben sie „vor allem gegen sich selbst“ gekämpft.

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          Trotz einer Reisegeschwindigkeit von im Schnitt etwa 30 Kilometern pro Stunde sei es „Amerika im Schnelldurchlauf“ gewesen. Sagt Tim Böhme, als er und seine drei Mitstreiter in Annapolis mit Blick auf den Atlantik über die Ziellinie gerollt sind. Überanstrengt, übermüdet, aber dank frischen Adrenalinkicks bester Stimmung. Gestartet war das extremradelnde Quartett sechs Tage zuvor in Oceanside mit Blick auf den Pazifik. Race Across America (Raam) nennt sich der Ritt, der bei Kennern Faszination pur auslöst – und die meisten anderen unwillkürlich Unverständnis ausdrückend den Zeigefinger gegen die Schläfe tippen lässt. 5000 Kilometer, 50.000 Höhenmeter, zwölf Bundesstaaten, vier Zeitzonen, Tag und Nacht, ohne Pause und ohne Windschatten. Von Küste zu Küste dauert schon mit dem Auto eine Ewigkeit. Und mit dem Rad? Sechs Tage, eine Stunde und 29 Minuten.

          So lang waren die drei Frankfurter und ein Pfälzer unterwegs und trafen am Samstag ihr Ziel von sechs Tagen fast auf die Minute genau. So schnell wie das Land vor ihren Lenkern vorbeizog, so häufig wechselte auch das Wetter. Nur der ungewöhnliche Gegenwind blieb ein treuer Genosse. „Aufgrund der äußerst widrigen Bedingungen war es sicherlich meine härteste Ausgabe des Rennens“, sagt Peter Smeets, der Raam-Veteran an der Seite von drei Erststartern. „Sonst war es immer sehr heiß mit kurzen Duschen von oben inklusive ständigem Kampf gegen Dehydrierung. In diesem Jahr herrschten dagegen angenehme Temperaturen, nur hat es ständig geregnet.“ Mensch und Material wurden jedenfalls aufs Äußerste gefordert. Soll heißen, dass tagelang jede Stunde ein triefend nasser Radler das Wohnmobil betreten hat.

          Smeets, Böhme, Florian Lechner und Karl Platt haben das Raam in der Kategorie Viererteam auf Rang zwei gemeistert. Dank einem ausgeklügelten Ablaufplan, der das Leben und Fahren von vier Athleten und einem vierzehnköpfigen Begleittross auf engstem Raum in drei Fahrzeugen orchestrierte. Ein Rennfahrer war stets auf der Strecke, die anderen drei konnten ruhen, essen, trinken, (versuchen zu) schlafen. Bedeutete für jeden innerhalb von 24 Stunden: Sechs Mal eine Stunde lang Radfahren am Anschlag. „Man kämpft gegen die anderen Teams, aber aufgrund der Abstände von zeitweise 100 Meilen und mehr zum nächsten Konkurrenten vor allem gegen sich selbst“, sagt Böhme.

          „Das bleibt unvergesslich“

          Der 36-Jährige hat seine Karriere als Mountainbike-Profi im Vorjahr beendet, sich aber für das amerikanische Abenteuer „nochmal fit gemacht“, wie er sagt. Und war gemeinsam mit dem Pfälzer Karl Platt die Zugmaschine des sportlich wie finanziell ambitionierten Unterfangens, für das die Vier sich den Teamnamen „Gentlemen of Speed“ gegeben haben. Der 41-jährige Platt hat fünf Mal beim Cape Epic triumphiert, das als Mountainbike-Pendant zur Tour de France gilt, befindet sich aber auch im Schlussbogen der Profilaufbahn. „Wie Karl und Tim diesen Sport vor deinen Augen leben, das war einfach unfassbar motivierend“, sagt Smeets. Er und Lechner sind zwei Frankfurter Anwälte, deren Arbeitstage selten kürzer als zwölf Stunden dauern. Ihr Radtraining quetschen sie an Randzeiten.

          Sonnenüberflutete Wüsten: Beim Race Across America findet Radfahren unter extremen Bedingungen statt. Bilderstrecke

          Für die beiden war das Raam auch ein Sprung aus dem „Alltag einer zunehmend fordernden Arbeitswelt, in der man am Limit sein Pensum erledigt und dabei immer effizienter wird, um die knappe Zeit stets optimal zu nutzen“, wie der 53-jährige Smeets sagt. Für die beiden Radprofis Böhme und Platt war das Rennen freilich auch komplett Neuland. Es trafen vier Männer aus zwei verschiedenen Welten aufeinander – und es harmonierte. Die vier Familienväter empfanden die Heterogenität des Teams vorher, währenddessen und nachher als großes Plus ihrer Radunternehmung.

          Auch wenn Lechner kein Aufhebens darum macht, muss man wissen: Der 46-Jährige ist ohne Unterschenkel zur Welt gekommen. Die eigens für das Rennen neu angefertigten Prothesen hätten sich ausgezahlt, erzählt Lechner, der 1992 bei den Paralympischen Spielen in Barcelona Bronze im Tischtennis erreichte. Erst vor wenigen Jahren entdeckte er die Liebe zum Sport und dann zum Radsport wieder. „Es war wahnsinnig anstrengend und hat auch oft weh getan. Aber insgesamt war es ein phantastischer Urlaub“, sagt Lechner schmunzelnd. „Ich musste nur Rad fahren, essen und schlafen und mich sonst um nichts kümmern. Ich habe mich vom Kopf her noch nie so erholt gefühlt.“

          Die Mitstreiter beeindruckte, dass Lechner sich sechs Tage lang bei jedem seiner Einsätze mit einem Lächeln auf den Sattel geschwungen hat. Böhmes persönlicher Moment der Tour: „In der Wüste immer gen Osten in den Sonnenaufgang fahren, diese absolute Stille um einen herum. Das bleibt unvergesslich.“ 40 Grad Hitze waren es in der Mojave-Wüste (70 Meter unter Null war der tiefste Punkt des Ritts), 3300 Meter hoch schwang sich die Straße über den Wolf Creek Pass in Colorado. Dort steigerte sich der Starkregen in Hagel- und Schneestürme. Steuerkünstler Platt ließ in der geschlossenen Schneedecke Luft aus seinen Reifen ab, um mehr Grip zu haben. In Kansas dann Tornado-Warnungen – und schnurgerade Straßen aus topfebenem Land, in dem die Fahrer nicht mal zu lenken brauchten. Eisiger Regen dann bei der Fahrt über die Appalachen bis zur Ostküste. Aber spätestens im Ziel überwog die süße Perspektive, das Fertigessen am Streckenrand hinter sich gelassen zu haben.

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