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Fußball und Religion : Eine Frage des Glaubens

In den Händen Gottes: Mesut Özil. Bild: DPA

Das Stadion wird zur modernen Pilgerstätte und der Fußball zur Religion – manchen in Kirche und Sport missfällt die Entwicklung: Viele Athleten wollen gar nicht vergöttert werden.

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          Jedes Tor ist ein Geschenk von Gott. Als der heutige Fußballnationalspieler Cacau vor neun Jahren in der Bundesligapartie zwischen Nürnberg und Leverkusen ein Tor geschossen hat, zog er jubelnd sein Trikot über den Kopf und präsentiert ein T-Shirt mit der Aufschrift „Jesus lebt und liebt dich“. Zwei Minuten später glich der Brasilianer Ze Roberto für den Gegner aus. Seine Botschaft unter dem Trikot: „Jesus liebt dich“. Jahrelang waren solche Gesten nicht nur in der Bundesliga beliebt. Mittlerweile sind die religiösen Botschaften auf dem Fußballrasen jedoch verboten – Cacau jubelt nur noch mit gen Himmel gerichteten Zeigefingern. Für den Internationalen Fußballverband (Fifa) hat die Religion im Sport nichts zu suchen. Die Wissenschaft hingegen wird immer häufiger fündig.

          Seit Jahren befassen sich Soziologen und Theologen ausführlich mit der Bedeutung der Religion für den Sport. Unzählige Bücher wurden verfasst, zahlreiche Studien durchgeführt. Gerade im Massenphänomen Fußball finden die Wissenschaftler viele Beispiele, die das Ereignis fast zu einer religiösen Veranstaltung werden lassen, ohne dass sich Sportler, Fans und Funktionäre dessen bewusst sind. „Es gibt immer mehr religionsähnliche Facetten zu entdecken“, sagt der Frankfurter Sportsoziologe Professor Robert Gugutzer. So werde das Stadion zu einer Pilgerstätte, die einmal in der Woche aufgesucht werde, um gemeinsam einer Zeremonie zu folgen, Lieder zu singen, zu jubeln oder zu trauern. „Mitglieder eines mächtigen Chores“ nennt der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer die Fans, die, wenn sie in die Gesänge einstimmen, von einer „gemeinsamen Moral“ erfüllt und als Mitglied der Gemeinschaft anerkannt werden. Nach dem gleichen Prinzip funktioniere auch das Public Viewing: Selbst wer sich sonst nicht für Fußball interessiert, fühlt sich aufgrund der gleichen Gesänge, Kleidung und Emotionen als Mitglied der Fangemeinschaft. Außerdem pflegten Sportfans eine in der Religion sehr verbreitete Erinnerungskultur. Permanent werde auf vergangene Triumphe, Niederlagen und außergewöhnliche Ereignisse zurückgeblickt. Letztlich seien die Anhänger, die sich auf die Jagd nach Autogrammen oder Erinnerungsfotos von Fußballprofis, Formel-1-Weltmeistern oder Leichtathletik-Weltrekordhaltern machen, so etwas wie Reliquiensammler, die ihre Helden wie Heilige verehren. Doch während viele Sportler einen solchen Status nur allzu gern annehmen, sehen andere darin auch Probleme.

          Nicht beten auf dem Platz

          „Ich bin nicht glücklich damit, wenn junge Menschen mich in dieser Form zum Vorbild nehmen“, sagt zum Beispiel die Frankfurter Hochspringerin Ariane Friedrich. Sie habe sich selbst als Jugendliche beinahe eine spätere Dopingsünderin zum Vorbild genommen und danach ernsthaft an ihrem Sport gezweifelt. Mit dem Gedanken, angehimmelt oder vergöttert zu werden, kann sie sich deswegen nicht anfreunden. „Die Leute können doch gar nicht wissen, wie ich wirklich bin“, sagte sie. Ariane Friedrich wolle lediglich Botschafterin ihres Sportes sein, keine religiöse Figur. Auch Helmut Digel, ehemaliger Vorsitzender des deutschen Leichtathletikverbandes, hält nichts von Vorbildern im Sport. Bei einer Veranstaltung in Wiesbaden warnte Digel davor, den Sport zu überhöhen oder zu instrumentalisieren. Politik, Gesellschaft und auch die Kirche würden dem Sport in seiner Bedeutung bereits sehr viel, manchmal zu viel zumuten und den Athleten zu sehr in die Pflicht nehmen. Dass der Sport der Religion helfen soll, glaubt Sportsoziologe Gugutzer hingegen nicht. „Das wird nicht verlangt“, sagt er. Vielmehr gebe es von Seiten der Kirche weniger Berührungsängste mit dem Sport als umgekehrt. So stehen den deutschen Athleten während der Olympischen Spiele ein evangelischer und ein katholischer Pfarrer zur Verfügung, um religiösen Beistand zu leisten. Meist müssen diese jedoch auf die Sportler zugehen. „Wenn wir nur abwarten würden, würde wohl kaum jemand zu uns kommen“, sagt der katholische Olympiapfarrer Hans-Gerd Schütt. Allenfalls bei herben Niederlagen würden manche Rat suchen.

          Darüber hinaus gibt es in einigen Sportarenen in Deutschland mittlerweile eine Kapelle. Genutzt werden diese meist nur, wenn zwei Fans den Bund der Ehe schließen, oder Touristen durch das Stadion geführt werden. Und als sich der Jungnationalspieler Lewis Holtby nach einer vergebenen, eher harmlosen Torchance im Länderspiel im November gegen Schweden bekreuzigte, wurde darüber diskutiert, ob solche Gesten zu theatralisch sind. Holtby erklärte, in Zukunft sparsamer damit umzugehen.

          „Es gibt allerdings Unterschiede zwischen dem ausgeübten und dem institutionalisierten Sport“, sagt Gugutzer. Der vor dem Anpfiff betende Fußballspieler oder der sich vor dem Start bekreuzigende Leichtathlet seien an sich eigentlich kein Problem. Erst wenn die Sportler nach Treffern, Torchancen oder Zieleinläufen die Aufmerksamkeit der Medien und der Massen auf sich ziehen, sind solche Gesten unerwünscht. So verbot die Fifa für die Weltmeisterschaft in Südafrika jegliches religiöses Verhalten der Spieler, nachdem der Brasilianer Lucio nach dem Gewinn des Confederations-Cup ein Jahr zuvor vor den Augen von Millionen Fans auf den Rasen sank und inbrünstig betete. „Diese Verbote haben vor allem Merchandising- und Werbegründe“, sagt Gugutzer. Viele Sponsoren wollten nicht mit einer Religion in Verbindung gebracht werden. Der Fan dürfe hingegen alles tun, um seiner Religion zu huldigen. Dem Fußball.

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