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Fußball : Seht her, Ihr könnt es!

Platz zehn soll es werden für den FSV Mainz 05. Jürgen Klopp, ganz Optimist, will nicht einsehen, warum sein Team trotz des geringsten Etats aller Bundesligavereine, trotz nur weniger Zugänge aus unterklassigen Ligen, voller Demut und Vorsicht in das Abenteuer erste Liga gehen sollte.

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          Im Mainzer Presseraum hängt eine große Tabelle der Fußball-Bundesliga. Die Tafeln mit den Vereinsnamen lassen sich tauschen und verschieben, so daß nach jedem Spieltag die aktuelle Rangliste für jeden ersichtlich ist. Vor der Runde, die für den Aufsteiger aus Rheinhessen an diesem Sonntag mit dem Gastspiel beim VfB Stuttgart beginnt, hängt die Mainzer Tafel ganz unten, auf Platz achtzehn - also genau dort, wo die meisten Saisonpropheten den Verein auch am Ende erwarten. Trainer Jürgen Klopp hat sich mächtig über die vorläufige Rangliste in den eigenen vier Wänden geärgert. "Wir werden das ändern", sagt er, und hält das Zeichen an der Wand für eine überflüssig bescheidene Aktion, auch wenn die Rangliste penibel erstellt wurde: nach der Abschlußtabelle der vergangenen Saison und der Reihenfolge der Aufsteiger. Wenn er die Tabelle geordnet hätte, sagte Klopp, hätte er seine Mannschaft in der Nähe von Wolfsburg eingeordnet, "irgendwo bei Platz zehn".

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Platz zehn - da spricht der Optimist, der gar nicht einsehen will, warum die Mainzer trotz des geringsten Etats aller Bundesligavereine, trotz nur weniger Zugänge aus unterklassigen Ligen, voller Demut und Vorsicht in das Abenteuer erste Liga gehen sollten. Das wäre das falsche Signal. Klopp predigt seit Tagen, daß seine Mannschaft in der neuen Umgebung Selbstvertrauen zeigen, daß sie an ihre Stärke glauben müsse. Nach der empfindlichen 1:3-Niederlage im letzten Test am Sonntag gegen den 1.FC Köln hat Klopp seiner Mannschaft noch einmal ausführlich eine DVD vorgespielt, auf der Szenen einer anderen Partie zu sehen sind, gute Szenen aus einem Test gegen den FC Bayern München, die seinen Spielern vor Augen führen sollen: Seht her, Ihr könnt es, Ihr könnt es auch gegen die Besten! Die Mainzer werden am Sonntag mit einer Zweitligamannschaft in die erste Liga einziehen, keiner der vier Neuzugänge hat den Sprung in die Startformation geschafft. Qualitätsprobleme will Klopp daraus nicht abgeleitet wissen, die aktuellen Probleme des Aufsteigers sieht er viel eher auf der Gefühlsebene. Zu viel Willen, zu viel Vorfreude, zu viel Aufregung - darüber war schon im Spiel gegen Köln der Überblick phasenweise verloren gegangen. Alle möglichen Zweikämpfe haben man bestritten, auch die unnötigen, die nur Kraft kosten und Konzentration. "Es ist alles da, was wir brauchen", sagt Klopp. "Uns fehlt nur noch ein bißchen das Timing."

          Daran haben sie gearbeitet in den vergangenen Tagen, und Klopp ist zuversichtlich, daß seine "Jungs" ihre Nerven in den Griff bekommen, und was ihm dabei Hoffnung macht, ist ein Blick auf vergangene große Spiele in der zweiten Liga. "Wir haben unter Druck schon oft unsere Bestleistung abrufen können", sagt er, und so soll es auch am Sonntag wieder werden. "Wir gehen auf den Platz und hauen alles raus, was wir an diesem Tag draufhaben." Ob dies dann zu einem guten Ergebnis reiche, werde sich zeigen. "Wir werden jedenfalls um die Punkte kämpfen, und das mit aller Kraft." Natürlich hoffen die Mainzer auch ein Stück weit darauf, daß der Gegner sie unterschätzen und nicht ganz ernst nehmen wird, in der Rolle des belächelten Außenseiters ließe sich am einfachsten Punkte sammeln.

          Den Gegner haben die Mainzer im Ligapokal gegen Bochum und Bremen zweimal mit vielen Augen beobachtet, und dabei recht unterschiedliche Eindrücke gewonnen. Während der VfB gegen Bochum über weite Phasen des Spiels brillierte, war seine Vorstellung gegen Bremen nicht über die Maßen furchteinflößend. "Wir haben Auffälligkeiten im Stuttgarter Spiel gesehen, mit denen wir arbeiten können", sagt Klopp, um es im weiteren abzulehnen, sich ausführlich über den VfB zu äußern. Viel lieber als mit dem Gegner beschäftigt sich der Mainzer Trainer mit der eigenen Mannschaft. Die sieht er in der Summe "sehr ordentlich vorbereitet" und mit "einer Riesenlust" am Werk, sich endlich in der Bundesliga präsentieren zu dürfen.

          Wie das erste von 34 Mainzer Saisonabenteuern am Sonntag ausgeht, darauf will keiner beim Aufsteiger wirklich wetten, bei allen Ankündigungen ist immer eine ordentliche Prise Ungewißheit dabei. So ganz genau wissen sie nicht, was sie erwartet: Premierenfieber eben vor dem ersten Auftritt auf der richtig großen Fußballbühne.

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