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Fußball : Klopp gibt seinen Profis eine dreiviertel Stunde zum Ärgern

Hundertzwanzig Minuten Fußball mit einem anschließenden Elfmeterschießen können eine eigenartige Wirkung auf die menschliche Psyche haben. So auch beim Spiel zwischen dem Karlsruher SC und dem FSV Mainz 05.

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          Hundertzwanzig Minuten Fußball mit einem anschließenden Elfmeterschießen können eine eigenartige Wirkung auf die menschliche Psyche haben. Die Verlierer sind hinterher wie paralysiert, die Sieger im Sinnesrausch, die Zuschauer je nach Zugehörigkeit zu einer der Parteien restlos begeistert oder völlig zerknirscht. Nach der Pokalniederlage des FSV Mainz 05 beim Karlsruher SC (1:4 nach Elmeterschießen) machte auch KSC-Trainer Lorez Köstner einen mental leicht derangierten Eindruck. Seine Ausführungen auf der Pressekonferenz hatten unter dem Eindruck des für den Zweitligaklub so wichtigen Sieges etwas Skurilles. Gegen eine "große Mannschaft" habe man gewonnen, sagte Köstner in einem Tonfall, als habe sein Team gerade die Weltauswahl geschlagen, und überhaupt sei Mainz ja der attraktivste Gegner, den man sich in der zweiten Pokalrunde hätte wünschen können. Zum Glück fiel ihm gerade noch der FC Bayern München ein, der wohl ein paar mehr als nur 13000 Zuschauer in den Wildpark gelockt hätte, aber nur die Münchner wollte Köstner auf eine Stufe mit den Mainzern stellen - und die hatte der KSC gerade geschlagen. Es ist das Schicksal des Verlierers, daß er zu einer etwas nüchterneren Analyse des Spiels tendiert, und so mußte der Mainzer Trainer Jürgen Klopp etwas schmunzeln, als der Kollege so voller Enthusiasmus vor sich hinplapperte, sein Spielbericht fiel zurückhaltender aus. Fazit: Man habe die vielen Chancen nicht genutzt, die Führung von Azaouagh in der 83. Minute verspielt und schließlich beim Elfmeterschießen Pech gehabt. Die Enttäuschung sei durchaus groß, sagte Klopp, aber ihre Auswirkungen seien überschaubar. Schon am Sonntag steht für den Bundesliga-Aufsteiger mit dem Heimspiel gegen Borussia Dortmund der nächste Fußball-Feiertag auf dem Programm, da bleibt keine Zeit, sich zu grämen. "Eine Dreiviertestunde" gab Klopp den Seinen, um sich zu ärgern. Wer diese Frist verlängere und tags darauf mit langem Gesicht beim Training erscheine, den werde er sich "persönlich vorknöpfen", kündigte der Trainer an. Und die unvermeidliche Frage, ob das Aus im Pokal der in der Liga bislang so erfolgreichen Mannschaft "einen Knacks" versetzen könne, rang Klopp nur ein süffisantes Lächeln ab. "Wer davon einen Knacks bekommt, der hat schon vorher einen gehabt."

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Mehr als das blanke Ergebnis ärgerte Klopp, daß sein Team die Partie mit einigen lädierten Spielern beendete. Am schwersten erwischte es Rechtsverteidiger Abel, der mit gebrochenem Zeh angetreten war und schon früh wegen einer Adduktorenzerrung für Nikolic Platz machen mußte. Weil Klopp am Sonntag auch auf den gesperrten Rose, die Stammkraft auf der linken Abwehrseite, verzichten muß, ist die Personalsituation angespannt. "Aber auch wenn wir nur vierzehn Spieler zusammenbekommen sollten, wird das reichen, um den Dortmundern Probleme zu bereiten."

          Was man den Mainzern nicht vorwerfen konnte, war, daß sie das Spiel nicht ernstgenommen hätten. Der Pokalwettbewerb, räumte Klopp ein, sei für den Verein und die Mannschaft mehr als nur ein möglicher Bonus gewesen, "wir wollten weiterkommen." So spielte die Mannschaft auch, sie kämpfte und kombinierte, aber vergaß das Toreschießen. Daß Azaouaghs Treffer zum 1:0 nicht zum Einzug ins Achtelfinale reichen würde, deutete sich nach Dundees Ausgleich (83.) an. FSV-Manager Heidel jedenfalls hatte es befürchtet: "Wenn man im Pokal den Vorsprung so kurz vor Schluß aus den Händen gibt, dann läuft es meistens genau so, wie es dann gelaufen ist." Man verliert im Elfmeterschießen, wenn auch nicht immer so deutlich. Daß kein einziger Mainzer aus elf Metern traf - da Silva, Casey und Kramny scheiterten, die beiden anderen Schützen durften gar nicht mehr antreten - ist ungewöhnlich. Kritik gab es deshalb nicht, auch der Mainzer Präsident Harald Strutz wollte der Mannschaft keinen Vorwurf machen, "dafür hat sie in dieser Saison schon zu viel geleistet." Enttäuscht war Strutz trotzdem, auch wenn das frühe Scheitern im Pokal für die Mainzer fast schon Routine ist. "Wir sind das gewohnt", sagte Heidel. 240000 Euro Antrittsgeld hätte der Einzug ins Achtelfinale in die Kasse gebracht - Geld, mit dem nun der KSC rechnen kann.

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