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Fußball : Die Temperatur steigt

Mainzer Jubel Bild: AP

Es war das achte Spiel gegen den Nachbarn - und der erste Sieg. Nach dem 3:2 gegen Frankfurt fiebert ganz Mainz mit dem FSV.

          Es war das achte Spiel gegen den großen Nachbarn. Und es war der erste Sieg. Damit ist vieles gesagt über die Gefühlslage beim FSV Mainz 05 nach dem 3:2 gegen die Frankfurter Eintracht. Draußen vor dem Stadion waren die Schwarzhändler nicht rot geworden, hundert Euro für ein Ticket zu verlangen, und drinnen sorgten die 14 000 Mainzer unter den 18 700 Zuschauern für eine grandiose, im Bruchwegstadion noch nie erlebte Stimmung. Sogar die Frankfurter Fans, gewohnt, auch auswärts die Stimmung vorzugeben, mußten diesmal eine Niederlage hinnehmen. Auch sie wußten nicht so recht, wie sie die Mainzer beeindrucken sollten. Den kleinen Nachbarn vom Rhein als "Karnevalsverein" verhöhnen, das macht sich immer gut, doch was tun, wenn die sangesfreudige Mainzer Stehplatzgemeinde das Lied selbst und noch dazu mit Inbrunst anstimmt: "Wir sind nur ein Karnevalsverein"? Wenn sich der andere zum Anderssein bekennt, dann fehlt plötzlich der Angriffspunkt, und wenn er auf dem Feld dann noch mehr rennt, mehr Zweikämpfe gewinnt und zu allem Überfluß auch noch mehr Tore schießt, dann tut das doppelt und dreifach weh - und sorgt auf der anderen Seite für ein verdammt gutes Gefühl.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          "Es macht Spaß, die Großen zu ärgern", sagte der Mainzer Manager Christian Heidel nach dem Sieg am Montag. "Denn seien wir ehrlich: Wenn Mainz gegen Frankfurt spielt, dann ist das immer noch David gegen Goliath." Daran ändert für Heidel auch das aktuelle Tabellenbild nichts. Dort allerdings steht der kleine Klub aus Rheinhessen nun drei Punkte vor den ebenso kleinen Fürthern und der noch immer großen Eintracht auf Rang drei.

          Noch drei Spieltage, und wieder steht der FSV knapp vor dem Aufstieg in die Bundesliga. Dieses Ziel elektrisiert in Mainz anders als in Frankfurt. Am Main geht es um die Rückkehr in eine über Jahrzehnte bekannte Klasse, im Selbstverständnis der handelnden Personen ist nur die erste Liga der passende Spielplatz für die traditionsreiche Eintracht, für Mainz aber wäre der Aufstieg viel mehr als die Rückkehr in die vermeintliche Normalität: Er wäre die Erfüllung eines Traumes, so wie das damals für die Freiburger war, als sie das erste Mal ganz nach oben aufgestiegen sind.

          So fiebert in Mainz nun eine ganze Stadt den letzten drei Spieltagen entgegen. Und im Hinterkopf lauert eine böse, eine demütigende Erinnerung, die den Traum und die Sehnsucht nur noch größer macht. Im vergangenen Jahr, genau am 5. Mai 2002, trauerte ganz Mainz, nachdem die Mannschaft am allerletzten Spieltag in Berlin den sicher geglaubten Aufstieg noch verspielt hatte. Was immer sie später auch erzählten, dieser Tag war ein Niederschlag, ein schwerer K.o., aber sie haben sich davon erholt, haben drei ihrer besten Spieler verloren und dennoch mit ihren bescheidenen Mitteln wieder eine starke Mannschaft aufgebaut. Und auf den Tag genau ein Jahr nach dem Desaster von Berlin haben sie am Montag den übergroßen Nachbarn aus Frankfurt geschlagen.

          Nun sind es noch drei Spiele, in Ahlen, gegen Lübeck, in Braunschweig, und wieder haben sie es in der Hand. "Wenn wir sieben Punkte holen", sagt Heidel, "sind wir aufgestiegen." Aber soweit ist es noch lange nicht. "Im Prinzip", sagte Heidel am Montag abend, "ist heute gar nichts passiert. Wenn wir nächsten Montag in Ahlen verlieren, ist der Vorsprung wieder weg." Deshalb und mit der bitteren Erfahrung des vergangenen Jahres im Kopf will auch Trainer Jürgen Klopp aus dem Montag nicht mehr als diese Gewißheit ziehen: "Wir sind jetzt bis zum Schluß dabei, bis zur Entscheidung." Ausruhen, Kraft tanken, die nächste Partie spielen, möglichst unaufgeregt - so soll es weitergehen.

          Während in Mainz - wie im vergangenen Jahr - die Temperatur steigt und eine ganze Stadt dem Aufstieg entgegenfiebert, muß Klopp kühl bleiben. Aber auch er zündelt mit dem Feuer der Begeisterung, das in Mainz nicht mehr zu übersehen ist. Vor dem Spiel gegen die Eintracht schrieb Klopp in der Kabine über die Wichtigkeit der bevorstehenden Partie vier Worte an die Tafel. Ziemlich klein: "Für uns!" Sehr groß darunter: "Für Mainz!" Genau das haben sich die Spieler zu eigen gemacht. Andrej Woronin etwa, gegen die Eintracht der mit Abstand beste Spieler auf dem Platz, hat seinen Platz in der ersten Liga längst sicher, doch sein bevorstehender Wechsel nach Köln hat seinen Elan nicht gebremst, im Gegenteil: Der Ukrainer setzt seinen ganzen Ehrgeiz darin, die Mainzer in die Bundesliga zu schießen. "Die Mannschaft und die Zuschauer", sagt er, "haben es verdient."

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