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FSV Mainz 05 : Der Straßenkicker

Respekt? Ja, sagt Mimoun Azaouagh, den empfinde er vor jedem einzelnen Bundesligaspieler. Vor dem Spiel, nach dem Spiel - aber nicht auf dem Platz. "Wenn der Schiedsrichter anpfeift, geht es darum, sich selbst Respekt zu verschaffen."

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          Respekt? Ja, sagt Mimoun Azaouagh, den empfinde er vor jedem einzelnen Bundesligaspieler. Vor dem Spiel, nach dem Spiel - aber nicht auf dem Platz. "Wenn der Schiedsrichter anpfeift, geht es darum, sich selbst Respekt zu verschaffen." So wie vor zwei Wochen gegen Leverkusen zum Beispiel. Da kam Azaouagh, der schmächtige, kaum sechzig Kilogramm schwere Mittelfeldspieler des FSV Mainz 05, nach einer Stunde für den Kollegen Kramny ins Spiel, es war der erste Bundesligaeinsatz für den Einundzwanzigjährigen. Und mit Azaouagh kam Feuer und Frechheit ins Mainzer Spiel, einmal schob der kleine Techniker den Ball sogar Weltmeister Juan durch die Beine, am Ende hatte der Aufsteiger 2:0 gewonnen. "Ich wollte das Spiel an mich reißen", sagt Azaouagh. "Ich wollte das Spiel gewinnen." Das sind forsche Töne für einen jungen Spieler, aber es paßt zur Mainzer Fußball-Mentalität. Selbstbewußtsein, predigt Trainer Jürgen Klopp, sei einer der Schlüssel zum Erfolg. Azaouagh hat das verinnerlicht, nicht erst, seit er in Mainz ist. "So groß ist der Unterschied nicht zwischen erster und zweiter Liga", sagt er.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Sich wehren, sich durchsetzen müssen, das hat der Deutsch-Marokkaner früh gelernt. In Frankfurt aufgewachsen, im Ostend, hat er das Fußballspielen auf der Straße gelernt, von seinem drei Jahre älteren Bruder, von seinem acht Jahre älteren Cousin, der ihm die Tricks gezeigt hat, die der Kleine dann stundenlang übte. "Vor allem mit meinem Bruder habe ich gezockt", sagt Azaouagh. "Immer eins gegen eins, er war ein Riesenkicker, es ist mir fast nie gelungen, an ihm vorbeizukommen." Dann durfte er beim FSV Frankfurt mittrainieren, am Anfang immer nur mit Älteren, weil es in seinem Alter keine Mitspieler gab. "Das Wichtigste ist meine Familie", sagt Azaouagh. "Dann kommt der Fußball, dann kommen meine Jungs." Seine Jungs, das sind die Kumpel von heute, elf, zwölf Freunde, die sich damals in der FSV-Jugend kennengelernt haben. Sie sehen jedes Mainzer Heimspiel vor Ort, und meistens geht es anschließend gleich in Azaouaghs Wohnung. Zum Quatschen, zur Analyse. "Sie kritisieren mich, sie sagen mir, was ich falsch gemacht habe."

          Viel ist das nicht gewesen in den vergangenen Partien. Azaouaghs fixe Gewandtheit und elegante Technik fallen auf in der Bundesliga, er kann aber nicht nur dribbeln und laufen, er kann auch Tore schießen. Beim Pokalspiel in Karlsruhe hat er für die Mainzer getroffen und vergangene Woche auch in der Liga gegen Bielefeld mit einem traumhaften Freistoß aus 25 Metern, nach dem die Experten von seiner Schußtechnik schwärmten. Schußtechnik? "Keine Ahnung", sagt Azaouah. "Ich schieße schon immer so."

          Vor zwei Monaten ist er von Frankfurt nach Mainz gezogen - aber er wird ein Frankfurter bleiben. Das schließt nicht aus, daß er sich in Mainz wohlfühlt. "Es gibt für einen Fußballer nichts Schöneres, als in einem solchen Umfeld Fußball zu spielen", sagt er. "Die Mainzer sind überaus herzliche Leute. Ich freue mich, hier spielen zu dürfen." Er ist Mainzer, aber in erster Linie ist er Frankfurter, er ist Nullfünfer, aber er ist auch Eintrachtler, was sich in diesem besonderen Fall nicht ausschließt. Wenn es der Terminplan zuläßt, sitzt Azaouagh mit seinen Jungs im Waldstadion auf der Tribüne, wenn die Eintracht spielt. Die alte Fußball-Liebe ist auch dadurch nicht getrübt worden, daß er den Klub im ersten A-Jugendjahr verließ - er war mit dem Trainer nicht mehr klar gekommen und hatte erst in Mainz Trainer gefunden, die seine Fähigkeiten richtig einschätzten. "Sie haben gesehen und gefördert, was andere nicht gesehen haben", sagt er. "Uwe Stöver, Colin Bell, Jürgen Klopp - das waren Glücksfälle für mich. Ich weiß nicht, ob ich mich anderswo genau so entwickelt hätte."

          Die Mainzer bauten den fragilen Techniker geduldig auf, in der A-Jugend, bei den Amateuren, bei den Profis. Azaouagh schaffte den Sprung in die deutsche "U21"-Nationalmannschaft und nun, da er den Junioren entwachsen ist - im November wird er 22 -, stellt sich die Frage nach seiner internationalen Karriere aufs Neue. Sein Ziel ist die Weltmeisterschaft 2006. Zwar kann eine Berufung flott zustandekommen, aber realistischerweise ist er von der deutschen Nationalmannschaft noch weit entfernt. Die Alternative heißt Marokko. Der Fußballverband des afrikanischen Landes, in dem Azaouagh eine große Verwandschaft hat, in dem er aber seit acht Jahren nicht mehr war, buhlt heftig um seine Dienste. Er hatte eine Einladung für die Olympiamannschaft, ehe er am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankte, und er könnte jederzeit sein Länderspieldebüt geben. Doch einmal für Marokko am Ball, würde er für die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr spielen können. Azaouagh will sich beide Möglichkeiten offenlassen. "Ich will mich jetzt nicht entscheiden", sagt er. "Ich will in Mainz einfach nur gut Fußball spielen. Dann wird sich alles Weitere ergeben."

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