https://www.faz.net/-gzn-zeyz

FSV-Profi Mike Wunderlich : Es geht nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Abschied: Mike Wunderlich sucht Abstand vom Profi-Betrieb. Bild: Wonge Bergmann

Burn-Out-Syndrom: Der FSV-Profi Mike Wunderlich zieht sich in seine Heimatstadt Köln und in die fünfte Liga zurück. Er will zu sich selbst finden – aber nicht aufgeben.

          Björn Schlicke, der Kapitän des FSV Frankfurt, hat nichts gemerkt. Sein Mannschaftskollege Mike Wunderlich sei „immer gut drauf“ gewesen, berichtete der Innenverteidiger am Donnerstag. „Und er hatte Lust auf Fußball und ließ sich nie hängen.“ Deshalb, so der Dreißigjährige, „war Mike auch der Letzte, bei dem ich diese Krankheit vermutet hätte“. Wunderlich, der seit dem 15. April krankgeschrieben ist, leidet an einem Burn-out-Syndrom. Das teilte der Zweitliga-Verein am Mittwoch mit.

          Die Bornheimer leihen den Mittelfeldspieler deswegen für ein Jahr an seinen Heimatverein Viktoria Köln aus. „Derzeit gibt es in meiner Karriere einen kleinen Knick, den ich aber nur als kurzen Stopp ansehe“, sagte Wunderlich in einem von seiner Beratungsagentur „SportsTotal“ veröffentlichten Gespräch. Bei dem Fünftliga-Klub, der den Durchmarsch in die Regionalliga plant, möchte der Fünfundzwanzigjährige „in Ruhe einen Neuanfang suchen“. Schlicke sagte dazu: „Es ist besser, sich selbst rauszunehmen, bevor Schlimmeres passiert.“ Und weiter: „Man sieht, dass es immer wieder vorkommen kann. Robert Enke war kein Einzelfall. Davor war es ein Tabuthema, heute kann man offener darüber reden.“ Der frühere Nationaltorwart, der unter Depressionen litt, nahm sich im November 2009 das Leben.

          „Ich konnte mir nicht vorstellen, täglich nach Aachen zu fahren und dort voll zu trainieren“

          Wunderlich hatte nach einer hervorragenden Hinrunde in Frankfurt irgendwann das Gefühl, „leer zu sein“. Es fiel ihm schwer, sich zu motivieren. Trotzdem trainierte und spielte der gebürtige Kölner weiter – „bis ich schließlich gemerkt habe, dass es so nicht mehr geht. Zuerst habe ich alles in mich hineingefressen, keiner wusste Bescheid“. Vor einem Training – vermutlich im April – informierte er schließlich seinen Vater und sagte ihm, dass er „da jetzt nicht hin“ könne. Franz Wunderlich, der bei Viktoria Köln Sportdirektor ist, kam danach sofort nach Frankfurt.

          Das Fehlen Wunderlichs, der in 28 Spielen fünf Treffer erzielte und fünf Torvorlagen gab, begründete der FSV damals mit einer schweren Grippe. Er zog sich in dieser Zeit in seine Heimatstadt zurück und entschied sich, vorerst nicht mehr für die Bornheimer zu spielen. Zusammen mit seinen Beratern suchte er stattdessen einen Verein im Westen und stand eigenem Bekunden nach kurz vor der Einigung mit Alemannia Aachen: „Doch dann kamen leider wieder diese Probleme“, sagt Wunderlich. „Ich konnte mir nicht vorstellen, täglich nach Aachen zu fahren und dort voll zu trainieren.“ Angeblich hatte der Spielmacher weitere Angebote aus der ersten und zweiten Liga.

          Irgendwann will Wunderlich seine Profikarriere fortsetzen

          Leistungsdruck sieht Wunderlich nicht als Ursache für seine Erkrankung. „Das hat mich nicht aus der Bahn geworfen“, meinte er er. Seit der vergangenen Saison ist der Familienvater in Behandlung. Seine Probleme habe der Arzt anfangs auf den Umzug nach Frankfurt zurückgeführt, so Wunderlich. „Dass ich einfach nicht der Typ bin, der aus seinem Umfeld raus will. Er hielt es daher für nötig, dass ich wieder nach Köln zurückkomme. Die Sache mit Aachen ließ uns dann jedoch zweifeln. Derzeit betreiben wir Ursachenforschung.“

          Im Moment ist Wunderlich, der sagt, er sei „ein sehr familiärer und ruhiger Mensch“, ein- bis zweimal in der Woche beim Arzt. Ansonsten hilft er seinem Vater in dessen Gebäudereinigungsfirma. „Ich bin froh, dass es jetzt vorangeht und freue mich sehr, dass ich bald wieder gegen den Ball treten kann“, sagt Wunderlich, der ankündigt, mit seiner Krankheit offensiv umgehen zu wollen. Mit dem Fußball aufzuhören, „wäre grob fahrlässig“ – so hatte er sich vor kurzem in einem Gespräch mit dieser Zeitung geäußert. Er sagte auch, dass ihm der Weggang vom FSV schwer genug fallen würde. „Es ist ein kleiner Verein, sehr familiär. Deshalb habe ich mich dort auch sehr wohl gefühlt.“

          Irgendwann will Wunderlich seine Profikarriere fortsetzen. „Das klingt momentan sehr schwer für mich, aber mein Ziel war es immer, in der Bundesliga zu spielen – und daran glaube ich.“ Per Option könnte der FSV ihn im Sommer 2012 ein weiteres Jahr an sich binden. Hans-Jürgen Boysen hofft jedenfalls, dass Wunderlich wieder der Alte wird. Mehr möchte der Trainer nicht sagen. „Es geht um die Gesundheit eines Menschen. Das gilt es zu respektieren.“ Schlicke würde sich freuen, wieder mit Wunderlich zusammenzuspielen: „Mike ist ein Top-Typ. Er fehlt uns sportlich und menschlich.“

          Weitere Themen

          Harmonie in der Kampfzone

          DFB und DFL : Harmonie in der Kampfzone

          Der designierte DFB-Präsident Fritz Keller erfährt überwältigende Zustimmung von den Profis und den Amateuren. Aber die Kleinen im Profifußball setzen den Großen zu.

          Topmeldungen

          Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

          Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?
          Frankfurts David Abraham (l.) und Goncalo Paciencia (r.) können Lebo Mothiba von Racing Straßburg nicht stoppen.

          Frankfurt patzt in Straßburg : Alle Hoffnung auf Teil zwei

          Eintracht Frankfurt muss um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League bangen. Im Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg konnte der Bundesligist vor allem in der ersten Hälfte nicht überzeugen und verlor mit 0:1.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.