https://www.faz.net/-gzn-6mmlf

Basketballer Tim Ohlbrecht : Und immer wieder Nowitzki

Dem Star so nah: Tim Ohlbrecht (rechts) an der Seite des großen Meisters Dirk Nowitzki. Bild: dapd

Tim Ohlbrecht, der bald für die Frankfurt Skyliners spielt, galt mal als Kandidat für die Nachfolge des Stars aus der NBA – bei der EM muss er sich von ihm vorführen lassen.

          3 Min.

          Tim Ohlbrecht macht wieder Schlagzeilen. Dabei hatte er sich gewünscht, in Ruhe Basketball zu spielen – so sehr man halt seine Ruhe haben kann bei der Basketball-Europameisterschaft in Litauen. Noch vor wenigen Jahren als Nachfolger von Dirk Nowitzki besungen, stand er nach seiner zweiten Saison bei den Telekom Baskets Bonn plötzlich ohne Vertrag und vor allem ohne Spielpraxis da; die Playoffs hatte sein Team verpasst. So flog er nach Amerika. Zweieinhalb Monate lang lebte Ohlbrecht bei einer Familie in New Jersey und arbeitete mit einem Trainer täglich an Kraft, Kondition und Händchen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Ich wollte raus aus Deutschland“, erzählt der junge Basketballprofi. „Ich wollte den Kopf frei kriegen, und wenn ich nach Hause komme, ist alles gut.“ Und dann brüllte ihn bei der Niederlage der deutschen Auswahl gegen Serbien am Sonntag der große Star Dirk Nowitzki wegen Nachlässigkeit in der Verteidigung an und forderte aus dem Spiel heraus seine Auswechslung! Eine öffentliche Demütigung. Schöne Schlagzeilen waren das für den Spieler, der in der nächsten Saison einen neuen Verein hat – die Frankfurt Skyliners.

          „Ich bin so fit wie noch nie“

          Dabei schien sich das Exil in den Vereinigten Staaten mit Telefonkontakt lediglich zur Familie und zur Freundin erfreulich ausgewirkt zu haben. Sieben Kilo Muskelmasse hatte der 2,10 Meter lange Power Forward und Center zugelegt, und seine 111 Kilo Körpergewicht fanden auch, da war er sicher, in einer stabilen Mentalität ihren Ausdruck. Der Test mit der Nationalmannschaft Anfang August gegen Finnland, schien das zu bestätigen. Zwar verlor die deutsche Auswahl, doch Ohlbrecht brillierte in seinem fünfzigsten Länderspiel mit Dunks, mit Blocks und mit 24 Punkten. Eine fiebrige Grippe verhinderte, dass er seinen Aufschwung beim anschließenden Turniersieg der Nationalmannschaft in Izmir fortsetzte.

          Hand hoch! Tim Ohlbrecht (links) macht bei der Europameisterschaft auch dem Italiener Marco Belinelli das Leben schwer.

          „Durch Himmel und Hölle gegangen“ titelte der „Kicker“ über die schwierige Reifezeit des Tim Ohlbrecht. „Im Moment bin ich auf solidem Grund“, kommentierte er die Schlagzeile vor wenigen Tagen gut gelaunt. „Ich bin so fit wie noch nie.“ Die Lobeshymnen und die, wie er fand, ungerechtfertigte Kritik, die er bei seinen Streifzügen durch Fachmagazine und Diskussionsforen im Internet früher nicht nur fand, sondern geradezu suchte, trafen ihn bis ins Herz. „Ich habe nie geglaubt, der nächste Dirk zu sein“, erinnert er sich. „Ich hatte ein Riesenproblem damit, dass ich falsch dargestellt wurde.“ Je höher die Erwartungen, desto größer auch die Enttäuschung und der Ärger, den er zu spüren bekam. „Man muss lernen, damit klarzukommen“, sagt er. „Es hat mich bestimmt ein Jahr meiner Karriere gekostet, dass ich es nicht konnte.“

          Sein Vertrag mit den Fraport Skyliners – die Verpflichtung gilt vorerst bis Ende Dezember, mit einer Option des Vereins, ihn für die Spielzeit 2012/13 zu binden – wirkt mit seiner langen Probezeit wie ein Engagement auf Bewährung. Frankfurt wird schon Ohlbrechts vierte Station in der Bundesliga sein. Dabei hat die Nationalmannschaft ihm gerade erst zum Frühstück ein Geburtstagsständchen gesungen: Seit dem 30. August ist Ohlbrecht 23 Jahre alt.

          „Die Chemie im Team stimmte nicht“

          Schon mit 17 Jahren trainierte der in Wuppertal geborene Ohlbrecht mit den Profis von Bayer Leverkusen. Dafür gab er die Schule vor dem Abitur auf; eine mögliche Zusammenarbeit mit Holger Geschwindner, dem Entdecker und Privattrainer von Nowitzki, kam auch deshalb nicht zustande. „Wenn man sich konzentrieren kann, ist man stärker“, sagt Ohlbrecht. „Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung.“ Um mehr Einsatzzeit in der ersten Liga zu bekommen, wechselte er mit 18 nach Bamberg. Es ging steil bergauf. 2008 wurde er mit dem Team von Trainer Bauermann deutscher Meister, nach der Saison nahm ihn Bauermann in seiner Eigenschaft als Bundestrainer mit zu den Olympischen Spielen nach Peking. Dort spielte der Neunzehnjährige an der Seite desjenigen, in dessen Fußstapfen er nach der Erwartung vieler bald treten sollte: Nowitzki.

          Dieser sei der beste Spieler der Welt, wird Ohlbrecht bis heute nicht müde zu sagen. Doch er habe damit nichts zu tun: „Ich bin Tim Ohlbrecht.“ Nach der Saison 2008/2009 wechselte er zu den Telekom Baskets Bonn, im Jahr drauf war er bereit für den Schritt in die NBA. Drei Wochen lang trainierte er in den Vereinigten Staaten, konnte aber keinen Klub davon überzeugen, ihn zu verpflichten. Beweglichkeit und einen guten Wurf bescheinigte ihm das „Draft Profile“, das die Scouts von ihm verfassten, doch auch mangelnde Durchsetzungsfähigkeit. Mit diesem Urteil – begabt, aber zu brav – kämpft Ohlbrecht bis heute.

          „Ich muss nicht täglich einen Schweinekopf essen“

          Bonn ließ ihn nach der vergangenen Saison ziehen, in der sein Punkteschnitt im Vergleich zum Vorjahr von 10,5 (15 in den Playoffs) auf 6,7 gefallen war. „Die Chemie im Team stimmte nicht“, sagt Ohlbrecht. Derweil verspricht sein nächster Trainer, Muli Katzurin, dass er Ohlbrecht in Frankfurt helfen werde, sich weiterzuentwickeln und sein Spiel zu verbessern.

          Man müsse nicht böse und egoistisch sein, um erfolgreich Basketball spielen zu können, findet Ohlbrecht. „Ich muss nicht täglich einen Schweinekopf essen oder Holz hacken“, sagt er. Im Gegenteil, in einem Mannschaftssport müsse man auch mal zurückstecken. Das klang anders, als Nowitzki ihn angefahren und Bauermann ihn sogar angefasst hatten. Da schimpfte und tobte Ohlbrecht nicht jugendfrei. Nowitzki sei im Recht gewesen, sagte er, nachdem er eine Nacht drüber geschlafen hatte: „Wenn wir keine Emotionen hätten, wäre alles lustlos.“ Im Übrigen sieht er sich als „lieben, netten Menschen, aber wenn‘s in die Zone geht, packe ich meine Ellbogen aus“. Im Spiel gegen Titelverteidiger Spanien wird er das an diesem Mittwoch möglicherweise beweisen müssen.

          Weitere Themen

          Das große Dazwischen

          Neue Nowitzki-Biografie : Das große Dazwischen

          Thomas Pletzingers umwerfende Biografie „The Great Nowitzki“ erzählt die Geschichte der Würzburger Basketballegende Dirk Nowitzki. Im Interview verrät der, wie er sich sein Leben zwischen Deutschland und Dallas künftig vorstellt.

          Topmeldungen

          Mario Draghi und seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

          Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

          Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi, der am 31. Oktober abtritt, auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

          Video-Filmkritik: „Terminator 6“ : Killermaschinistinnen vor!

          Der sechste Film der „Terminator“-Reihe ignoriert die Teile drei, vier und fünf zugunsten einer gigantischen Karambolage zahlreicher Gegenwartsprobleme und Zukunftsaussichten: „Terminator: Dark Fate“ ist ein Katalog der Körperpolitik für Menschen und Maschinen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.