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Eishockey : Die "Axt von Manitoba" als Wurzel des Erfolgs

Rich Chernomaz, der Dompteur der Eis-Löwen, liebt Ordnung, Kraft und Einstellung. Mit diesem Dreiklang führt er die Frankfurter in ungeahnte Höhen.

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          Fast jeden Morgen das gleiche Zeremoniell. Rich Chernomaz hält auf dem Weg zur Arbeit in Rödelheim kurz an, holt seinen Assistenten Stephane Richer ab, beim Bäcker um die Ecke kaufen die beiden oft eine Tüte frische Brötchen. Kaum in der Eissporthalle angekommem, wird in dem kleinen Kabuff im Kabinengang die Kaffeemaschine angeworfen, paralell läuft meist der Videorekorder mit Spielaufzeichnungen, bis die Cracks nach und nach zum ersten Training eintreffen. Der Chefcoach der Frankfurt Lions und sein erster Adjutant haben sich als Team eingespielt. Und weil es sich mit ihrer Mannschaft seit Saisonbeginn ordentlich anläßt, halten die beiden an ihrem alltäglichen Ritual auch fest. Ein bißchen Aberglaube schadet im Sport schließlich nie.

          Überhaupt ist vor allem Chernomaz ein Prinzipienreiter. Er mag es, wenn das Leben um ihn herum in geordneten Bahnen abläuft. "Disziplin", sagen seine Spieler, sei eines seiner Lieblingswörter. Wer es nicht glaubt, bekommt es am eigenen Leib zu spüren. Als erster und bislang einziger verscherzte es sich bei den Lions bis heute Robert Francz mit dem strengen, bisweilen autoritären Chef, der jedoch von sich sagt, ein "Gerechtigkeitsfanatiker" zu sein. Kurz vor Weihnachten durfte der einstige Publikumsliebling seinen Spind räumen - Chernomaz hatte genug von den eigensinnigen Auftritten des Fünfundzwanzigjährigen, der zuletzt nur noch als Raufbold auffiel und manche unnötige Strafzeit hinnehmen mußte, in der er seine Kollegen in Unterzahl zurück auf dem Eis ließ. Chernomaz, so sein ehemaliger Weggefährte, der Augsburger Manager Karl-Heinz Fliegauf, sei "hart im Nehmen und im Austeilen". Ordnung, Kraft und Einstellung - um diese drei Begriffe drehe sich sein Eishockey-Universum hauptsächlich. "Er duldet es nicht, wenn einer aus der Reihe tanzt und für seine eigene Statistik, den Teamerfolg aufs Spiel setzt." Mit Egoisten, so beschreibt es Chernomaz, der die Lions an diesem Freitag als Tabellenführer ins Spitzenspiel gegen die Berliner Eisbären führt, "kannst du keinen langfristigen Erfolg haben". Und den sucht er in Frankfurt, wo er sich und der Konkurrenz beweisen möchte, daß man "auch mit Fleiß und harter Arbeit" ganz hoch hinaus kommen kann, selbst wenn man nicht übermäßig mit Talent gesegnet ist.

          Für Chernomaz sind die Lions die erste wirkliche Herausforderung auf dem Posten hinter der Bande. Bei seinen vorherigen Stationen Augsburg und Köln (wo er freilich Meister wurde) spielte er den kurzfristig einberufenen Feuerwehrmann, der "nur" noch vollenden durfte, was der entlassene Lance Nethery aufgebaut hatte; in Schwenningen, wo er sein Debüt gab, konnte er sein Potential aufgrund der beengten wirtschaftlichen Verhältnisse nicht wirklich ausspielen. Insgesamt absolvierte der zweifache Familienvater in der nordamerikanischen Profiliga NHL 51 Spiele für Colorado, New Jersey und Calgary. "Rich Chernomaz", sagt Pierre Page, der Trainer des heutigen Gegners, gehöre zu den "charakterlich stärksten Menschen, die mir in meinem bislang 55 Jahre dauernden Leben untergekommen sind". Der heutige Kollege sei als Spieler, wo man sich in Calgary begegnete, "vom Erfolg besessen gewesen: er arbeitete von früh bis spät unglaublich hart daran, sich zu verbessern. Ich nehme an, in seinem Trainerjob hat sich sein Naturell nicht sonderlich verändert."

          In der Tat. Dem neuen Dompteur der Eis-Löwen ist es gelungen, eine Einheit aus zwanzig mehr oder weniger begabten Profis zu formen, in "der jeder nur eines will: gewinnen", wie es Dwayne Norris ausdrückt. Die "Axt von Manitoba", so Chernomaz' Spitzname in Anspielung auf seine Heimat in Kanada und die von ihm bevorzugte Kompromißlosigkeit auf dem Eis, hat den Lions "den Glauben an sich selbst zurückgegeben". Nie in seiner Karriere habe er ausgiebiger und zielgerichteter gearbeitet, bestätigt Patrick Lebeau. Der Dreiunddreißigjährige ist mit 19 Treffern und 34 Vorlagen maßgeblich dafür verantwortlich, daß die Frankfurter in ungeahnte Höhen aufgestiegen sind. Auch für den Trainer zahlt sich der Aufschwung - nicht zuletzt finanziell - aus. Einzelne Siege sind zwar durch das Grundgehalt abgedeckt und werden erst in den Play-offs zusätzlich honoriert; doch sobald der Einzug in die Meisterrrunde tatsächlich perfekt ist, verlängert sich auch sein Vertrag um ein Jahr. Das schafft Sicherheit und läßt Spielraum für private Überlegungen. Nach Frankfurt, wo es sich "gut leben läßt", wird er im Sommer möglicherweise seine Frau Samantha und den sieben Jahre alten Sohn Ryland nachholen. Die Trennung über tausende Kilometer hinweg fällt nicht leicht. Denn auch der Mann, der noch heute täglich Gewichte stemmt und sich mit seinem athletischen Oberkörper kaum von den aktiven Spielern unterscheidet, verbirgt seinen weichen Kern nur geschickt hinter einer vermeintlich harten Schale. Am Donnerstag brach sie auf. Als er erfuhr, daß die Frau von Jesse Belanger schwer an Zucker erkrankt ist, gab er seinem Stürmerstar sofort die Erlaubnis, von Sonntag bis Mittwoch nach Quebec zu fliegen, um Mediziner in der Heimat zu konsultieren. Der Unerbittliche kann eben auch anders.

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