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Unternehmensgeschichte : Als die Eintracht-Kicker noch Schlappen schneiderten

Schlappe-Kicker vor dem Sportgelände der Frankfurter Eintracht Bild: Wonge Bergmann

Eine zehnte Klasse der Frankfurter Falkschule hat die Geschichte der Firma J. & C. A. Schneider erforscht. Das jüdische Unternehmen galt einst als größte Hausschuhfabrik der Welt.

          Wie jeden Morgen steigt Lukas Wycislok in die Straßenbahn, um von Griesheim ins Gallus zu fahren. Doch sein Schulweg ist nicht mehr das, was er mal war. Die Straßen, Häuser und Plätze, die auf dem Weg zur Falkschule vorüberziehen, bedeuten für ihn etwas anderes als noch vor ein paar Monaten. Das liegt an dem Projekt, mit dem sich der Siebzehnjährige und seine Mitschüler beschäftigt haben. Eine Woche lang erforschte die zehnte Klasse der Falkschule, unterstützt durch ein Team des Sportkreises Frankfurt, die Geschichte der Hausschuhfabrik J. & C. A. Schneider. Mehr als 3.000 Arbeiter und Angestellte waren in den zwanziger Jahren für „JCAS“ (sprich: Ikas) tätig. Damit war die Fabrik einer der wichtigsten Arbeitgeber im Gallus und das größte jüdische Unternehmen in Frankfurt.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Geschichte der Firma begann 1908 in einem Betrieb an der Merianstraße. Dort gründeten die Brüder John und Carl August Schneider die „Frankfurter Spezialfabrik für Babyschuhe“. Drei Jahre später übernahmen die Brüder Adler das Unternehmen, 1914 zog es an die Mainzer Landstraße. Die große Zeit begann nach dem Ersten Weltkrieg, als sich die Adlers mit ihrem Cousin Walter Neumann zusammentaten. Hausschuhe aus dem Gallus wurden unter anderem nach England, Holland, Belgien, Dänemark, Norwegen und Schweden exportiert. Die Firma, die im Volksmund nur „Schlappeschneider“ hieß, habe als größte Hausschuhfabrik der Welt gegolten, sagt Helga Roos vom Sportkreis, die das Schülerprojekt koordiniert hat.

          Eintrachtler auf der Lohnliste des Schlappeschneiders

          Um einen Zugang zum Thema zu finden, suchten die Realschüler die Plätze im Gallus auf, die mit der Jcas-Geschichte in Verbindung stehen. „Zum Beispiel die ehemaligen Werksstandorte an der Mainzer Landstraße“, erinnert sich Lukas. Heute befinden sich dort Gebäude der Commerzbank und des Deutschen Fachverlags. Dort, wo früher die Werkswohnungen waren, verkauft heute der Händler Gravis Computer. Auch auf andere Informationen über den Stadtteil stießen die Schüler: „An den Adlerwerken fahre ich jeden Tag mit der Straßenbahn vorbei. Als ich gehört habe, dass sich dort ein KZ-Lager befand, war ich schockiert.“ Ähnlich sei es auch seinen Mitschülern gegangen. „Viele kommen aus dem Gallus, das Spannende war, dass es um unser eigenes Viertel ging.“ Und noch etwas anderes weckte das Interesse der Schüler: die Verbindung zwischen Jcas und Eintracht Frankfurt.

          Der Nationalspieler und spätere Vereinspräsident Rudi Gramlich verdiente sein Geld beim „Schlappe-Stinnes”

          Firmenchef Walter Neumann, genannt „Schlappe-Stinnes“, war ein großer Freund der Kicker vom Riederwald. Heute würde man den jüdischen Mäzen wohl als Sponsor bezeichnen. Durch seine Zuwendungen stieg die Eintracht in den späten zwanziger Jahren zum Spitzenklub auf. Talentierte Spieler, die zur Zeit des Amateurwesens kein Geld vom Verein erhielten, lockte Neumann mit dem Angebot eines Arbeitsplatzes nach Frankfurt. „Anstrengend waren die Jobs für die Fußballer oft nicht, meistens blieben die Schreibtische leer“, schreiben die Schüler in einer Broschüre, die sie bei der Projektwoche erstellt haben. Auf dem Platz zeigten die Eintrachtler aber vollen Einsatz: 1932 kamen sie bis ins Finale um die deutsche Meisterschaft. Fast die ganze Mannschaft, die seinerzeit gegen Bayern München verlor, stand auf der Lohnliste des Schlappeschneider. Daher kommt die auch heute noch zu hörende Bezeichnung der Eintracht als „Schlappekicker“.

          Ausstellung im Saalbau Gallus

          Der wohl bekannteste Riederwälder, der sein Geld bei Jcas verdiente, war Nationalspieler Rudolf „Rudi“ Gramlich. Es ist eine traurige Geschichte, dass der einstige Ledereinkäufer in der Nazi-Zeit in die Waffen-SS eintrat und mit Billigung des Gauleiters die Eintracht-Führung übernahm, während der Betrieb seines ehemaligen Arbeitgebers „arisiert“ wurde. 1938 mussten Walter Neumann und die Brüder Adler emigrieren. Auf Druck der Nazis unterzeichneten sie einen Verkaufsvertrag; vom Wert des Unternehmens blieb ihnen weniger als drei Prozent. Nach dem Krieg erhielten die Adlers die Firma zurück, 1954 verkauften sie ihre Anteile. Nach Übernahmen durch Phoenix und Contitech ist der Hauptproduktionsort heute Sterbfritz im Main-Kinzig-Kreis.

          Für ihre Recherchen nutzen die Realschüler viele Quellen. Sie nahmen Kontakt mit dem Institut für Stadtgeschichte und dem Hessischen Wirtschaftsarchiv auf, lasen Zeitungsartikel und forschten im Internet. Eine große Hilfe sei ein Treffen mit Matthias Thoma, dem Leiter des Eintracht-Frankfurt-Museums, gewesen, sagt Lukas. Er bedankt sich auch bei den „Jcassianern“. Viele der ehemaligen Mitarbeiter leben noch heute im Gallus, einige standen den Schülern für Gespräche zur Verfügung. Dabei entstand der Kontakt zu einem ehemaligen Obermeister, der Erinnerungsstücke an den „Schlappeschneider“ gesammelt hatte. Eine Auswahl davon, etwa ein Fotoalbum und ein Paar Kinderschuhe, sind nun in einer kleinen Ausstellung im Saalbau Gallus zu sehen. Auf Tafeln, deren Texte die Schüler selbst verfasst haben, ist die Geschichte des Schlappeschneider nachzulesen. Zwei der Tafeln sollen künftig im Eintracht-Frankfurt-Museum ausgestellt werden. Dann, hofft Lukas, werden auch einige Besucher des Museums das Gallusviertel mit anderen Augen sehen.

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