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Eintracht-Spieler Erik Durm : „Ich meide das Rampenlicht“

  • -Aktualisiert am

Angekommen: Erik Durm fühlt sich in Frankfurt zu Hause. Bild: Heiko Rhode

Erik Durm spricht über ekstatische Momente in Brasilien, Heimweh, den Duft frischer Brötchen und warum Arsenal der Eintracht mit Respekt begegnen wird.

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          2014 sind Sie mit Deutschland Weltmeister in Brasilien geworden. Bei Ihnen ist aber immer die Rede davon, dass Sie wie Matthias Ginter und Kevin Großkreutz keine Sekunde gespielt hätten. Empfinden Sie das als respektlos?

          Es ist ja die Wahrheit. Es ist legitim, so zu denken. Aber gespielt oder nicht: Die Zeit dort nimmt mir keiner mehr weg. Ich glaube, dass wir deshalb diesen großen Erfolg hatten, weil wir eine unglaublich tolle Mannschaft waren. Keiner hat irgendwelche Ansprüche gestellt und sich in den Dienst des Teams gestellt. Die Mischung dieser Mannschaft war genial. Auch die Ersatzspieler haben auf ihre Weise ihren Beitrag zum WM-Titel geleistet. Für mich wird Brasilien wohl mein absoluter Karrierehöhepunkt bleiben. Es war ein Mega-Erlebnis.

          Sind Sie irritiert, wie in der Leistungsgesellschaft Dinge eingeordnet werden?

          Jeder darf seine Meinung kundtun. Aber für mich ist wichtig, wie ich, meine Familie und meine Freunde denken. In erster Linie müssen der Trainer und meine Mitspieler mit meiner Leistung zufrieden sein. Andere Bewertungen spielen für mich eine untergeordnete Rolle. Ich habe mir ein bisschen abgewöhnt, zu viel zu lesen. Es gibt Einschätzungen, die unfair dem Spieler gegenüber sind. Manchmal denkt man sich schon, damit sollte jetzt Schluss sein. Ich versuche, mit mir im Reinen zu sein. Das gibt mir persönlich das beste Gefühl.

          Wissen Sie noch, was Sie beim Abpfiff des WM-Finales gegen Argentinien gefühlt haben?

          Das war die totale Ekstase. Ich habe den Titelgewinn bis heute noch nicht richtig realisieren können. Als Fußballprofi hast du wenig Zeit, auch die positiven Dinge zu verarbeiten. Nach der WM hatten wir zweieinhalb Wochen frei. Aber das hat nicht ausgereicht, um das Jahr für mich persönlich zu reflektieren. Jürgen Klopp, mein Trainer in Dortmund, hatte mich vom Stürmer zum Außenverteidiger umfunktioniert. Aus der dritten Liga vom BVB II habe ich es in den WM-Kader geschafft, das war ein Riesensprung. Doch ein halbes Jahr nach dem WM-Titel waren wir mit dem BVB plötzlich Tabellenletzter in der Bundesliga. Es war eine Zeit der Extreme mit wahnsinnig vielen Eindrücken. Als nach dem Titelgewinn Fans zu mir gesagt haben, hier ist ein Weltmeister, mach mal ein Foto mit ihm, habe ich anfangs verdutzt geschaut. Ich konnte es selbst kaum glauben. Heute habe ich immer einen kleinen Flashback, wenn mich Dinge an die WM erinnern.

          Ihre Weltmeister-Medaille ist Ihnen ja zum Glück erhalten geblieben, weil Einbrecher im Haus Ihrer Familie den Wert dieser Medaille offenbar nicht erkannt haben.

          Ich hatte Glück im Unglück. Meine Eltern hatten mich besucht, ich war zu dieser Zeit in der Reha. Wahrscheinlich war ich zu gutgläubig. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir so etwas passieren könnte. Heute liegt die Medaille gut gesichert im Bankschließfach.

          Liebäugeln Sie mit einer Rückkehr in die Nationalmannschaft?

          Nein. Das wäre auch vermessen. Und es wäre der falsche Ansatzpunkt. Es würde nicht meinem Naturell entsprechen, denn ich bin jemand, der im Hier und Jetzt lebt. Meine volle Konzentration gilt Eintracht Frankfurt. Trotzdem fiebere ich weiter mit der Nationalmannschaft mit und verfolge jedes Spiel.

          In den Jahren nach dem Titelgewinn beklagten Sie extremes Verletzungspech mit teilweise langen Ausfallzeiten. Wie sind Sie nach Ihrem Höhenflug damit umgegangen?

          Es war eine sehr deprimierende Phase in meiner Karriere. Irgendwann konnte ich die Behandlungsbänke bei den Physiotherapeuten in Dortmund nicht mehr sehen. Ich brauchte etwas Neues und habe meine Reha in München fortgesetzt. Ich habe dort acht Monate im Hotelzimmer gelebt. Wenn man so viele Rückschläge durchlebt hat wie ich, ist es wichtig, sich aus eigener Kraft aus diesem Kreislauf herauszuziehen. Deshalb habe ich für mich in der Vorsaison in der Premier League mit Huddersfield ein neues Kapitel aufgeschlagen. Ich wollte auch nicht länger vor allem mit Verletzungen in Verbindung gebracht werden.

          Haben Sie daran gedacht, Ihre Karriere zu beenden?

          Nein. Der Gedanke, dass ich es schaffe, war immer da. Ich habe in den schweren Zeiten nie den Mut verloren.

          David Wagner, Ihr Trainer in Huddersfield, sagte über Sie, dass Sie ein ganz feiner Kerl seien. Was meinte er damit?

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