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Niederlage der Eintracht : Schuss vor den Bug

„Vollgas geben“ – das fordert Eintracht-Neuzugang Dominik Kohr (rechts) nach dem blauen Wunder von Bern. Bild: Jan Huebner

Die Eintracht hat nach der ernüchternden 1:5-Niederlage gegen die Young Boys Bern Gewissheit: Es wartet ein Berg von Arbeit. Und die Zeit ist knapp.

          Die Selbstkritik war schonungslos. „Man darf sich nicht so abschlachten lassen“, sagte Dominik Kohr. Der neue Frankfurter Mittelfeldmann, wie die anderen Eintracht-Profis auch 45 Minuten lang am Ball, fand deutliche Worte nach dem Debakel. 1:5 beim Bieler Uhrencup gegen den Schweizer Meister Young Boys Bern: Die Eintracht hat sich zur Mitte ihres Trainingslagers im Land der Eidgenossen gehörig blamiert. „Wir müssen hart arbeiten, eine andere Leistung abrufen und Vollgas geben“, empfahl Neuzugang Kohr, der sich immerhin zugutehalten konnte, erst nach dem Seitenwechsel in der mit 5000 Besuchern ausverkauften Bieler Arena dabei gewesen zu sein. Es war der Abschnitt, den Trainer Adi Hütter in seiner Analyse als „deutlich besser“ einstufte, der aber an seinem Grundsatzurteil nichts änderte: „Das war eine unangenehme und verdiente Niederlage, auch in dieser Höhe.“

          Beim Wiedersehen mit seiner alten Berner Meisterelf war nicht nur dem 49 Jahre alten Fußballlehrer sehr schnell bewusst geworden, „dass YB in allen Belangen besser gewesen ist. Wir waren schlecht und haben noch viel zu tun.“ Der Eintracht-Coach sagte: „Vielleicht war das zum richtigen Zeitpunkt ein Schuss vor den Bug.“ Hütter ließ gegen den sportlich attraktiven und klar überlegenen Gegner nahezu alle seiner in die Schweiz mitgereisten Profis jeweils eine Halbzeit lang spielen. Der Erkenntnisgewinn über den aktuellen Zustand einiger Spieler dürfte Hütter durchaus zu denken geben. Der Brasilianer Tuta als Linksverteidiger: eine wohl einmalige Angelegenheit, denn Tuta war überfordert, mit kapitalen Fehlern an Gegentoren beteiligt. So gut wie nichts lief rund im gehörig stotternden, kaum auf Touren gekommenen Eintracht-Motor. Auch in der Offensive, der Paradeabteilung der vergangenen Saison, blieb fast alles Stückwerk.

          Ante Rebic spielte mehr oder weniger lustlos sein Pensum herunter. Der Kroate kann besser, viel besser spielen. Doch er tat es nicht. Vom agileren Sébastien Haller, der nach der Pause zum Einsatz kam, war mehr zu sehen. Doch im Verbund reichte es am Ende lediglich zu einem Tor durch Neuzugang Dejan Joveljic. Dass im Übrigen der Franzose Haller vielleicht in die englische Premier League zu West Ham United wechselt, wie rund um die Eintracht-Partie gegen Bern kolportiert wurde, hält Mitspieler Marco Russ für ausgeschlossen. „West Ham ist Zehnter. Das macht Haller nicht.“ Trainer Hütter, angesprochen auf seinen 25 Jahre alten Angreifer, gab zu verstehen, „dass ich zum ersten Mal davon höre. Und an Spekulationen beteilige ich mich grundsätzlich nicht.“ Auch nicht an jener, dass angeblich zwischen der Eintracht und Borussia Dortmund endgültig Konsens über eine Rückkehr von Sebastian Rode nach Frankfurt herrscht – für eine Ablösesumme von rund vier Millionen Euro.

          „Meine Spieler müssen alles können“

          Hütter lenkte den Fokus auf das Konkrete, auf das Fassbare, denn unstrittig ist: Bis zum 25. Juli, bis zur ersten Begegnung in der ersten Qualifikationsrunde zur Europa League, hat die Eintracht noch einen Berg voller Arbeit vor sich. „Ich weiß, dass in der Vorbereitung noch nicht alles funktionieren kann“, sagte Hütter und empfahl, eine „gewisse Ruhe zu behalten“. Gleichwohl war ihm gegen seinen alten Verein schon vor Augen geführt worden, „dass annähernd kein einziger Spieler an seine Leistungsgrenze gekommen ist“. Was er im zweiten Spielabschnitt, angeführt vom abermals zuverlässigen und umsichtigen Eintracht-Libero Makoto Hasebe, der zugleich auch Kapitänsaufgaben übernahm, zu sehen bekam, „war zwar deutlich besser – aber noch weit weg von dem, was ich mir vorstelle“. Was sich Hütter vorstellt, hat er schon zu Beginn des Trainingslagers in den Schweizer Bergen gesagt. „Für mich geht es um eine neue Spielanlage.“ Entscheidend sei nicht, ob seine Elf in einer Dreier- oder Viererkette agiere.

          „Wichtig ist, dass wir schnelle Balleroberungen haben wollen. Meine Spieler müssen alles können. Auch im Ballbesitz besser werden.“ Gegen Bern war seine Mannschaft von diesem Anspruch weit entfernt. Hütter will sich davon nicht irritieren und von seinem Weg abbringen lassen. „Wir müssen jetzt die richtigen Schlüsse daraus ziehen.“ Der Eintracht-Coach warnte zugleich davor, die Lage nach der Blamage gegen seinen alten Klub zu dramatisieren. „Manchmal blendet auch ein Ergebnis“, sagte er. Keine Blendung, sondern Tatsache ist: Die Young Boys sind schon länger als die Eintracht im Trainingsbetrieb. In der Schweiz beginnt in eineinhalb Wochen der Ligabetrieb. Die Eintracht hat noch ein paar Tage mehr Zeit, um das Niveau zu erreichen, das die Mannschaft braucht, um die erste Hürde in der Qualifikationsrunde zur Europa League zu nehmen. Hütter ist sicher: „Ich werde in naher Zukunft eine Mannschaft beisammen haben, mit der ich in die Saison gehe – aber die habe ich jetzt noch nicht.“

          Marco Russ, der als langgedienter Eintracht-Profi auch in der kommenden Saison die meisten Pflichtspiele von außen sehen wird, war nach diesem Test, „der vom Ergebnis her heftig war und nicht so war, wie wir uns das vorgestellt haben“, um Augenmaß bemüht. „Nach Ulm vor einem Jahr waren wir Absteiger Nummer eins und der Trainer der erste, der fliegt“, erinnerte sich der demnächst 34 Jahre alt werdende Russ. „Und nach der Saison waren wir die Superstars.“ Die Eintracht-Spieler sind weder das eine noch das andere. Der Klub ist derzeit damit beschäftigt, wieder eine schlagkräftige Mannschaft zusammenzustellen. Schon am Freitag, den 12. Juli, gibt es die Möglichkeit, die Blamage gegen Bern ein Stück weit vergessen zu machen. Von 20 Uhr an, wieder in der Bieler Arena, wartet im zweiten Spiel des Uhrencups der FC Luzern auf die Eintracht.

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