https://www.faz.net/-gzn-90te0

Eintracht Frankfurt : „Ich kenne den Kevin“

Von Gran Canaria nach Frankfurt: Kevin-Prince Boateng soll Farbe und Fortüne ins Spiel der Eintracht bringen. Bild: dpa

Zweifelhafter Ruf? Zweifelsfreie Qualität! Eintracht-Trainer Niko Kovac hat keine Bedenken bei der Verpflichtung des Mittelfeldspielers Kevin-Prince Boateng.

          Als die in aller Vorsicht formulierte Frage endlich gestellt war, brach Niko Kovac eine Lanze für Kevin-Prince Boateng. „Zu viele Leute maßen sich leider an, über Leute zu urteilen, die sie gar nicht kennen“, sagte Eintracht-Trainer Kovac. „Ich kenne den Kevin, wir waren damals Nachbarn in der Kabine (bei Hertha BSC Berlin, d. Red.). Ich weiß, welche Qualitäten er hat, was er für ein Typ ist.“

          Ein Typ – das ist Kevin-Prince Boateng, der Halbbruder des deutschen Nationalspielers und Bayern-Profis Jerome Boateng, allemal. Dem 30 Jahre alten Mittelfeldspieler, der schon viel von der Fußballwelt gesehen hat (siehe nebenstehenden Kasten), eilt ein zweifelhafter Ruf voraus. Dinge, auf die Kovac nichts gibt und nichts ankommen lässt. Der 45 Jahre alte Kroate, der sich in der vorvergangenen Saison als Retter der Eintracht viele Sympathien erworben hat, die er durch den Einzug in das (verloren gegangene) DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund nochmals steigern konnte, will Boateng so schnell wie möglich in seiner Mannschaft spielen sehen. „Zehn Tore in Spanien, das muss man erst mal machen“, sagte der Frankfurter Fußballlehrer am Mittwoch anerkennend.

           

          Mittwoch, das war auch der Tag, an dem der in Berlin geborene Boateng auf der Urlaubsinsel Gran Canaria einen Schlussstrich unter die Akte UD Las Palmas zog. Ende einer Dienstzeit bei dem spanischen Erstligaverein, dem Boateng eigentlich bis 2020 und vielleicht sogar darüber hinaus per Option für ein weiteres Jahr die Treue halten wollte. Makulatur. Nach Informationen dieser Zeitung gab es Ungenauigkeiten in dem Vertragswerk, die Boateng und seine Berater zu ihrem Vorteil zu nutzen wussten. Statt weiter in Spanien wird Boateng zukünftig seine Schuhe in der Bundesliga für die Eintracht schnüren – vorbehaltlich letzter Details und dem obligatorischen Medizincheck in diesem für die Frankfurter überraschenden Transfergeschäft.

          Ruhig, besonnen, abgeklärt. Die Art und Weise, wie Kovac am Mittwoch nach der ersten öffentlichen Trainingseinheit der wieder einmal runderneuerten Eintracht über die Personalie Boateng sprach, zeigt, dass er große Stücke auf den exaltierten Profi hält. Kovac traut Boateng zu, eine dominante Führungsrolle bei den Frankfurtern zu übernehmen. „Über seine fußballerischen Fähigkeiten braucht man nichts zu sagen, über seine Vita auch nicht. Er ist in einem Alter, in dem er eine Routine hat. Dieser Spieler würde meiner Meinung nach jeder Mannschaft in der Bundesliga weiterhelfen – so auch Eintracht Frankfurt.“

          Einen Platz für Boateng hat Kovac schon. Der Deutsch-Ghanaer soll die Lücke schließen, die sich durch den verletzungsbedingten Ausfall von Marco Fabian aufgetan hat. Der kleine Mexikaner, in gesundem Zustand Spielmacher und Ideengeber der Eintracht, leidet seit Monaten an Problemen an der Lendenwirbelsäule. Um diesem Übel auf den Grund zu kommen und endlich Abhilfe zu schaffen, hat man Fabian auf unbestimmte Zeit aus dem Trainingsbetrieb genommen. Mindestens zwei Monate, so vorsichtige Prognosen, würde Fabian fehlen. Boateng soll mit seinem Esprit, seiner Physis und Präsenz helfen, dass im Eintracht-Mittelfeld kein kreativer Notstand ausbricht. „Es ist doch klar, dass wir uns nach Fabians Ausfall auf dem Markt umgeschaut haben“, sagte Kovac. Der bekannte, dass man sich schon länger mit der Personalie Kevin-Prince Boateng beschäftigt habe. Sportlich, menschlich, medizinisch, charakterlich: In die Analyse der Frankfurter Verantwortlichen um Trainer Kovac, Sportvorstand Fredi Bobic und Sportdirektor Bruno Hübner – auch der stets im Hintergrund werkelnde Kaderplaner Ben Manga nimmt Einfluss – sind viele Faktoren in die Spielerbetrachtung und -bewertung eingeflossen. Knieprobleme, die Boateng während seiner Zeit beim FC Schalke 04 immer wieder behindert hätten? „Es werden viele Sachen kolportiert“, winkte Kovac ab. „Bei Makoto Hasebe hieß es am Anfang auch, er habe schlechte Knie, und jetzt spielt er hier sein fünftes Jahr. Das ist also immer relativ. Kevin hat letztes Jahr 28 Spiele gemacht. Von daher ist es ein Spieler, der seine 25, 30 Spiele in der Saison machen wird – und auch kann.“

          F.A.Z.-Newsletter Familie
          F.A.Z.-Newsletter „Hauptwache“

          So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

          Kevin-Prince Boateng schloss sich im Kindesalter Hertha BSC an. Bei der „Alten Dame“ durchlief er sämtliche Juniorenteams und schaffte auch seinen Durchbruch in den Profibereich. 2007 wechselte er zu Tottenham Hotspur. Allerdings konnte er sich bei den Londonern nicht durchsetzen und wurde in der Rückrunde der Saison 2008/09 an Borussia Dortmund ausgeliehen. Eine Kaufoption für den manchmal impulsiven Mittelfeldspieler nahm der BVB aus finanziellen Gründen nicht wahr. Über die Stationen Portsmouth und CFC Genua landete er nach der Weltmeisterschaft 2010 beim AC Mailand, wo er für drei Jahre wieder eine sportliche Heimat fand („Dort hatte ich meine beste Saison“), ehe er sich Schalke 04 anschloss. Von den Königsblauen kehrte er zwei Jahre später wieder zu Milan zurück, sein zweites Engagement dauerte aber nur sechs Monate.

          Wie lange Boatengs Zeit in Frankfurt sein wird, ist eine der Unbekannten. Kovac sieht der zukünftigen Zusammenarbeit mit seinem ehemaligen Berliner Mannschaftskameraden, mit dem er von 2005 bis 2006 gemeinsam gespielt hat, voller Optimismus entgegen. „Kevin-Prince ist doch erst 30. Er ist noch jung.“

          Jung, viel jünger sogar als Boateng, das ist Simone Falette. Der 25 Jahre alte Franzose, dessen Vater aus Französisch-Guayana stammt, stand bis zuletzt beim FC Metz unter Vertrag. Sein Wechsel zur Eintracht ist am Mittwoch endgültig vollzogen worden. „Es war ein langes Tauziehen“, sagte Kovac am Mittwoch, an dem Tag, an dem sich bei der Eintracht vieles, aber eben nicht alles um Boateng drehte. „Ich bin sehr froh, dass Simone da ist.“ Schon am Sonntag, zum Bundesliga-Auftakt auswärts beim SC Freiburg, könnte Falette sein Debüt geben. Kovacs Freude dürfte noch größer sein, wenn auch der Transfer von Kevin-Prince Boateng endlich in trockenen Tüchern ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.