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Eintracht Frankfurt : Die Gesetzesbrecher der Bundesliga

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Ausgelaugt: Nach dem Tiefschlag gegen Mainz braucht die Eintracht noch einmal eine „Topleistung“. Bild: AFP

Champions League, Europa League – oder kein internationales Geschäft? Eintracht Frankfurt kann es auch am Rande ihrer Belastbarkeit noch schaffen, mit außergewöhnlicher Mentalität Grenzen im Fußball zu verschieben – und Regeln außer Kraft zu setzen.

          Zu Saisonbeginn war die Furcht unter den Eintracht-Fans groß gewesen, dass die zusätzlichen Belastungen durch die Europa League ihre Frankfurter Lieblinge in Abstiegsgefahr bringen könnten. Einen Spieltag vor Ultimo besteht die große Gefahr, dass die extrem lang ausgefallene Reise durch Europa die neuerliche Teilnahme an einem Europapokal-Wettbewerbe kostet. Nichts kennzeichnet die sportliche Entwicklung der Eintracht besser als dieses extrem veränderte Skeptiker-Szenario. Und deshalb ist es auch keine Überraschung, sondern nur angemessen, dass die Eintracht-Profis nach der 0:2-Heimniederlage gegen den Nachbarn Mainz 05 genauso liebevoll-freundlich verabschiedet wurden, wie es im Erfolgsfall geschehen wäre, der die Qualifikation für die nächste Europa-Tournee bedeutet hätte (natürlich nicht ganz so enthusiastisch).

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Bis Mitte April hatten die Frankfurter Profis die außergewöhnlichen Anstrengungen dieser Spielzeit überspielt. Eindrucksvoll lebten sie ihren Grundsatz, Europa als Vergnügen zu sehen und nicht als Belastung. Aber dann zeigte das Mammutprogramm doch Wirkung. Zum letzten Mal wirkte die Eintracht so richtig frisch und dynamisch bei der ersten Niederlage des Jahres 2019. Mit einer Mischung aus Wut und Wucht stemmte sich das Team von Trainer Adi Hütter in Unterzahl im Viertelfinal-Hinspiel der Europa League bei Benfica Lissabon gegen eine Niederlage und hielt sie durch ein Kopfballtor von Paciencia so erfolgreich in Grenzen, dass der Schaden im Rückspiel repariert werden konnte.

          Drei Tage später erfolgte der erste richtige Rückschlag des Jahres 2019. Bei der 1:3-Heimniederlage gegen den FC Augsburg fehlten den Frankfurtern erstmals offensichtlich ein paar Körner, um sich gegen einen widerspenstigen Gegner durchzusetzen. Dieser Eindruck, dass der Eintracht nichts mehr selbstverständlich und leicht von der Hand geht, dass sie sich überwinden und quälen muss, verfestigte sich in den folgenden Wochen immer mehr. Ob beim 2:0 über Benfica, dem letzten Sieg seit dem 6. April auf Schalke, oder bei den glorreichen Unentschieden gegen Chelsea und erst recht bei der 1:6-Niederlage gegen Leverkusen und den Unentschieden in Wolfsburg und gegen Berlin: Die spielerische Qualität litt unter einer Vielzahl von Aussetzern, die mangelnder geistiger und körperlicher Frische geschuldet waren.

          Die Kunst, Regeln außer Kraft zu setzen

          Durch eine ungeheure Leidensfähigkeit und Willensstärke vermochten die Frankfurter Profis diese Schwächen phasenweise zu kompensieren. Aber nicht mehr in ausreichendem Maß, um ihre Erfolgsserie wieder aufzunehmen. Die Frage drängt sich auf, ob Trainer Hütter durch eine defensivere, abwartendere Ausrichtung die Kraft und Kondition seiner Spieler etwas hätte strecken oder die Belastung durch Rotation etwas besser verteilen können. Doch sie zu beantworten, fällt schwer. Sicher ist, dass die Begegnung in Leverkusen mit der defensivsten Grundformation und der größten Anzahl an Ersatzspielern in der Startelf (drei) 1:6 verloren ging. Und die Ergänzungsspieler Toure, Ndicka und Willems empfahlen sich keineswegs für weitere Einsätze.

          Ob ein ausgeruhter Tawatha auf der linken Seite stärker gespielt hätte als Kostic an der Grenze seiner Belastbarkeit? Ob Chandler nach seiner langen Verletzungspause da Costa gleichwertig hätte ersetzen können? Und da Haller erst kürzlich wieder halbwegs einsatzbereit wurde, hätte auch Jovic und Rebic im Sturm nur schweren Herzens eine Pause gegönnt werden können. Paciencia wirkte bei seinen längeren Auftritten auch nicht unbedingt effizienter als der Serbe und der Kroate. Alleine Torro im defensiven Mittelfeld wäre wohl eine echte Alternative gewesen. Dass mit ihm ein Spiel einen günstigeren Verlauf genommen hätte, ist allerdings auch nicht anzunehmen.

          Am Ende setzt sich eben Klasse durch, heißt ein Fußballgesetz. Im Umkehrschluss bedeutet das – am Ende setzt sich mangelnde Klasse eben nicht durch. Aber das gilt nicht immer. Dann hätten sich Mannschaften wie der 1. FC Köln, Hertha BSC, der SC Freiburg oder Mainz 05 nie für den Europapokal qualifizieren dürfen. Mit etwas Spielglück, Unterstützung der Gegner und einer außergewöhnlichen Mentalität lassen sich Grenzen im Fußball verschieben und Regeln außer Kraft setzen. Die Eintracht ist in dieser Saison zu „dem“ Gesetzesbrecher der Bundesliga geworden und hat in ganz Deutschland Sympathien erworben. Vielleicht genügen fünf Tage Wunden lecken, um bei Bayern München ein letztes Mal mit aller Leidenschaft, Aggressivität und Entschlossenheit anzutreten. Tugenden, die die Eintracht so weit gebracht haben, dass sie selbst nach fünf Bundesligaspielen ohne Sieg immer noch eine Chance auf Europa besitzt.

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