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Abriss am Böllenfalltor : Sentimental bis nachdenklich

  • -Aktualisiert am

Beleuchtet: Die Fans vom SV Darmstadt 98 verabschieden die Gegengerade am Böllenfalltor mit einer Pryo-Show. Bild: Imago

Darmstadt 98 nimmt einen stimmungsvollen Abschied von der Gegentribüne. Auf dem Spielfeld bringt der Klub beim 1:1 gegen Ingolstadt die Fans aber ins Grübeln.

          Sein Fußballtrikot mit der Nummer 17 besitzt jetzt ein stolzer „Lilien“-Anhänger. Sandro Sirigu, der Darmstädter Rechtsverteidiger, warf es ihm nach dem 1:1 gegen Ingolstadt zu. Es ist ein besonderes, ein sentimentales Souvenir, erhalten an einem außergewöhnlichen Tag, denn am vergangenen Samstag wurde im Stadion am Böllenfalltor bewegende (Abschieds-)Geschichte geschrieben. Zum letzten Mal war die geschichtsträchtige Gegengerade, bevölkert von einer blau-weißen Wand aus farbig gekleideten SVD-Anhängern, in Betrieb, von diesem Montag an wird das Relikt aus alten Zeiten abgerissen.

          Mit „Demut“ stand Sirigu vor dem Darmstädter Kultobjekt im Anschluss an das letzte Heimspiel dieses Jahres. Vor der Begegnung erinnerte er sich an seinen „persönlichen Moment“ mit der spezifischen SVD-Institution, schließlich war sie die letzte unüberdachte Tribüne in den beiden obersten deutschen Spielklassen. „Das war nach dem Tor gegen Frankfurt. Danach wollte ich eigentlich einen Jubellauf die komplette Tribüne entlang starten, aber dafür hat meine Kraft nicht mehr gereicht“, sagte er. Sirigu fiel deshalb „zwischen Gästeblock und Heimbereich auf die Knie“.

          Die Gegengerade, von der sich die Anhänger im Dunklen mit leuchtenden Fackeln nach dem Zweitliga-Spiel stimmungsvoll verabschiedeten, ist Vergangenheit. Der Blick geht in die Zukunft. Ziel des Traditionsvereins ist es, sich mit moderner Infrastruktur langfristig im Profifußball zu etablieren. Der Abriss der Gegengerade bedeute einen „unverzichtbaren Schritt hin zu einem weiteren Meilenstein auf dem Weg zu einem neuen Stadion“, sagte Präsident Rüdiger Fritsch, der dennoch auch von „ein wenig Wehmut“ sprach. Die Trennung von der Gegengerade erfolge zwar „mit einem weinenden, melancholischen Auge, aber eben auch mit einem lachenden und zukunftsorientierten“.

          Beschränkte spielerische Mittel

          Sportlich müssen die Südhessen der Realität ins Auge schauen. Mit ihren beschränkten spielerischen Mitteln und nur einem Punkt aus den zurückliegenden vier Partien mühen sie sich weiter durch den Spielbetrieb. Ja, ihr Wille ist da, auf dem Weg zum gegnerischen Tor Positives zu bewirken. Nur bei der technischen Umsetzung geraten die „Lilien“, die von der 63. Minute an aufgrund der Gelb-Roten Karte für den Ingolstädter Offensivspieler Thorsten Röcher in Überzahl spielten, viel zu oft selbst verschuldet auf Abwege. Heraus kam ein zähes Unterfangen von außen betrachtet. „Ich glaube, dass Darmstadt aus dem Spiel heraus kein Tor gemacht hätte“, sagte der neue Ingolstädter Trainer Jens Keller und brachte das Manko auf der Gegenseite auf den Punkt.

          Der eingewechselte SVD-Offensivspieler Marvin Mehlem hätte ihn Lügen strafen können, wenn sein Schuss aus aussichtsreicher Position kurz vor Spielende nicht über das Tor der Oberbayern gegangen wäre. So resultierte das Remis aus einem Foulelfmeter, der offensichtlich keiner war. Der Darmstädter Linksverteidiger Fabian Holland hatte sich wohl selbst zu Fall gebracht. Darmstadt habe einen Elfmeter „geschenkt bekommen“, beschwerte sich der an der Situation beteiligte Sonny Kittel. „Ich habe weder was gesehen, noch etwas gespürt.“ Holland habe in der Vorsaison „genau das gleiche gemacht. Das muss er wissen, ob er mit dem Gewissen leben kann“.

          Reichlich Diskussionsstoff

          Keine Skrupel hatte Tobias Kempe, vom Elfmeterpunkt das 1:1 in der 83. Minute zu erzielen. Auch der schnelle Ingolstädter Führungstreffer nach zwei Minuten durch einen verwandelten Foulelfmeter von Dario Lezcano barg reichlich Diskussionsstoff im Kreis der Duellanten. Beim Zusammentreffen mit dem ehemaligen Eintracht-Profi Kittel, so behauptete der Darmstädter Torhüter Daniel Heuer Fernandes, habe er sich regelkonform verhalten. Er plädierte ebenfalls auf Fehlentscheidung durch Schiedsrichter Alexander Sather, der sich einen schwachen Tag leistete.

          Für „Lilien“-Trainer Dirk Schuster machte der dritte Trainerwechsel innerhalb weniger Tage die Ingolstädter zu einer „Wundertüte“. In eigener Sache musste sich Schuster dann nicht wundern, dass es mit der Darmstädter Durchschlagskraft in dem nicht allzu niveauvollen Nostalgiespiel nicht weit her war. Selbst die Standardsituationen missglückten den „Lilien“ vor 16.580 Zuschauern. Statt Anerkennung gab es vereinzelt Pfiffe, weil Kempe zum Beispiel einen Freistoß ohne jegliche Präzision ins Toraus schlug. Auch Flügelspieler Joevin Jones ließ es ein paar Mal deutlich an Zielorientiertheit mangeln.

          Der Darmstädter Mangel an Punkten – der Klub ist mit 18 Zählern nach 16 Spieltagen Tabellendreizehnter – hat daher Bestand. Dem schmucklosen Unentschieden gegen den Tabellenletzten konnte Sirigu trotzdem etwas abgewinnen. „Der Trainer sagt immer, jeder Punkt kann am Ende wichtig sein“, berichtete der Defensivspieler über Schusters „Eichhörnchenprinzip“. Zu Souvenirjägern wurden einige „Lilien“-Anhänger am Sonntag. Unter Zuhilfenahme schwerer Werkzeuge sicherten sie sich auf der altehrwürdigen Tribüne Wellenbrecher und Betonstufen als Erinnerungsstücke.

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