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Darmstadt-Trainer Grammozis : „Den richtigen Knopf finden“

  • -Aktualisiert am

Qualitätsentdecker: Dimitrios Grammozis erforscht die „Lilien“. Bild: dpa

Seit einigen Wochen ist Dimitrios Grammozis Cheftrainer des SV Darmstadt 98. Im Interview spricht er über fehlende Toleranz im Nachwuchsbereich, prägende Trainer-Typen und Gänsehautmomente im Stadion.

          4 Min.

          Muss man als Cheftrainer im Profifußball ein Besessener sein?

          Eine positive Besessenheit gehört für mich dazu. Man kann in diesem Job nicht nach Feierabend in eine andere Welt abtauchen. Ich erwische mich manchmal selbst in gewissen Situationen und frage mich: Was machst du da eigentlich gerade? Man liegt hundemüde im Bett, schläft ein – doch plötzlich fährt einem ein Spielzug durch den Kopf. Dann schreibt man ihn direkt auf, aus Angst, dass man sich am nächsten Morgen nicht mehr daran erinnern kann.

          Wie groß ist die Gefahr, als junger Trainer zu Beginn der ersten großen Aufgabe zu viel zu wollen?

          Es ist wichtig, dass man ein Gespür für die Situation entwickelt und nicht von Beginn nur rumschreit und auf Teufel komm raus alles in Frage stellt. Im Trainerteam haben wir nicht den Ansatz verfolgt, direkt einen auf Revolution zu machen. Die richtige Mischung aus Emotionen und Sachlichkeit macht es aus. Dirk Schuster hat eine sehr gute Mannschaft zusammengestellt. Was die Stimmung in der Kabine und den Zusammenhalt angeht, wurde hier gut gearbeitet.

          Revolution nicht, aber ein Reformwerk haben Sie offensichtlich sofort angestoßen, wenn man die deutliche spielerische Steigerung bei den Siegen gegen Kiel und in Hamburg betrachtet. Wie schnell geht Stilwandel?

          Wir haben schon einige Dinge im Spiel mit dem Ball gesehen, die mir gut gefallen haben. Das zeigt, dass die Jungs Qualität mitbringen, die vielleicht nur wachgeküsst werden musste. Ich habe ihnen ja nicht das Fußballspielen neu beigebracht. Natürlich sorgen die positiven Ergebnisse für viel mehr Selbstvertrauen, um spielerische Lösungen zu finden.

          Also war es eine Art Erweckungserlebnis für die Profis nach vielen Monaten des abwartenden, eindimensionalen Spielstils?

          Jeder Trainer hat seine Philosophie. Ich werde hier meinen Stil nicht verherrlichen und den vorherigen Ansatz schlechtreden. Dirk Schuster hat mit der Art, wie er spielen ließ, in Darmstadt große Erfolge gefeiert. Ich bin der Meinung, dass wir mehr Fußball spielen müssen. Ich fordere die Jungs auf, mutiger zu sein. Mut gehört dazu, denn man kann nicht gleichzeitig Angst haben und versuchen, mit spielerischen Mitteln hinten raus zu spielen. Aber wir dürfen nicht vergessen: Wir haben nach wie vor die meisten Gegentreffer aller Zweitligateams.

          Was sind die nächsten Schritte?

          Es braucht eine gute Mischung. Wir wollen rigoros gegen den Ball arbeiten, um so wenige Torchancen wie möglich zuzulassen. Aber wenn wir den Ball haben, sollen die Jungs das Fußballspielen auch genießen.

          Was für ein Typ Trainer sind Sie?

          Das wird sich noch herauskristallisieren. Eine gesunde Autorität gehört natürlich dazu. Ich war ja selber Profi und weiß, wie die Jungs ticken, wie sie versuchen, die Grenzen auszuloten. Ich musste bislang aber noch niemanden in die Schranken weisen.

          Welche Trainer haben Sie während Ihrer aktiven Zeit geprägt?

          Ich hatte das Glück, mit absoluten Originalen zusammenzuarbeiten. Es gab Trainer, die viel mit mir gesprochen haben, und andere, die nur die nötigsten Worte mit mir gewechselt haben. Andi Brehme war aufgrund seiner Vita eine Respektsperson, der einem viel aus der Praxis mitgeben konnte. Otto Rehhagel war ein unglaublicher Menschenversteher und Psychologe. Erik Gerets war knallhart und penibel in den Analysen und auch im Training, wenn du deine Fußspitze ein paar Zentimeter zu weit rechts hattest.

          Hätte der Spieler Grammozis beim Trainer Grammozis ein gutes Standing?

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