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Darmstadt 98 : Retro-Protest auf „Lilien“-Art

  • -Aktualisiert am

Früher war alles älter: Ein Bild vom Spiel Darmstadt (mit Gerhard Kleppinger (r.) und Edwin Westenberger) gegen Bayern (mit Paul Breitner) im Jahr 1979 Bild: Imago

Darmstadt 98 erklärt die Partie gegen die neureichen Leipziger zum „Traditions-Spieltag“ – inklusive der Spielstandsanzeige. Den Hessen gelingt eine kluge Form des Protests.

          An diesem Samstag dreht der SV Darmstadt 98 die Zeit zurück. Aus Anlass des Bundesliga-Heimspiels gegen RB Leipzig (15.30 Uhr/live bei Sky und F.A.Z.-Liveticker) schaut bei den „Lilien“ vieles im besten Sinn alt aus. Mit Retro-Plakaten wurde zu dem außergewöhnlichen Aufeinandertreffen eingeladen. Das Stadionmagazin erscheint extra in einer Old-School-Ausgabe. Auch die Wappen und die Bilder auf der Anzeigetafel werden nostalgische Gefühle beim SVD-Anhang wecken. Und am Marathontor wird diesmal per manueller Anzeige der Spielstand präsentiert, ein Vereinsmitglied übernimmt wie früher die Handarbeit.

          Im Oktober 2016 lassen die Darmstädter auf Initiative der aktiven Fanszene die alten Zeiten wieder aufleben. Den neunten Spieltag gegen den Erstliga-Neuling aus Leipzig haben sie zum „Traditions-Spieltag“ erklärt. „Hier treffen mit die unterschiedlichsten Fußballkulturen aufeinander“, sagte Vereinspräsident Rüdiger Fritsch am Freitag dieser Zeitung. Die Südhessen blicken auf eine bewegte 118-jährige Geschichte zurück, „wir sind stolz auf unsere Tradition“, sagt Fritsch.

          „Mehr Sinn als gegen Pauli“

          Der Überraschungs-Tabellenzweite aus dem Osten hingegen ist 111 Jahre jünger. Als Provokation wollen die Darmstädter ihre sichtbare Abkehr von den modernen Zeiten nicht verstanden wissen. „Da würden mir ganz andere Sachen einfallen“, sagte Fritsch. „Es gibt keinen einzigen negativen Aspekt gegen Leipzig. Wir sind auf uns fokussiert und wollen unsere Fußballkultur nach vorne stellen. Zum Nachdenken und Diskutieren“ wollten die Darmstädter mit ihrem Wechselspiel der Zeiten anregen. Aus ihrer Sicht könnte es dafür kaum einen besseren Zeitpunkt geben. „Das macht gegen Leipzig mehr Sinn als gegen den FC St. Pauli“, sagte Fritsch.

          Knapp 50 Millionen Euro sollen die finanzstarken Leipziger nach dem Aufstieg in ihren Kader investiert haben. Offensivspieler Oliver Burke von Nottingham Forest ließen sie sich, so hieß es, gut 15 Millionen Euro kosten. Bei Mittelfeldspieler Naby Keita (RB Salzburg) waren es offenbar auch stolze 15 Millionen Euro. Zahlen aus einer anderen Welt für die sparsamen Darmstädter, bei denen der gesamte Personalkosten-Etat 25 Millionen Euro beträgt. Im Vergleich zur Vorsaison ist er immerhin um sieben Millionen Euro gestiegen. Mit der Verpflichtung des Slowenen Roman Bezjak für etwa zwei Millionen Euro stellte der SVD einen neuen Transferrekord auf. Insgesamt soll der Traditionsverein vier Millionen Euro zur Verstärkung seiner Mannschaft ausgegeben haben.

          Dem standen Einnahmen in Höhe von rund fünf Millionen Euro gegenüber. Im Hinblick auf das finanzielle Ranking in der Bundesliga seien die Darmstädter „dermaßen abgeschlagen“, sagte Fritsch. „Es ist eine wunderschöne Sache, dass wir da mitspielen können und dürfen.“ Der SVD steckte zwei Millionen Euro in sein neues Nachwuchsleistungszentrum. Im Vergleich dazu basiert die Leipziger Fußball-Akademie auf Investitionen in Höhe von 40 Millionen Euro. „Leipzig ist ein mit Millionen ausgestattetes Fußball-Unternehmen“, sagt Fritsch. „Eingedenk dieser finanziellen Möglichkeiten ist Leipzig kein klassischer Aufsteiger.“

          Retro-Look: Das Spieltagsplakat sieht gewollt alt aus

          Der Präsident und Jurist betont ausdrücklich, nicht neidisch zu sein. Genauso habe er keine Schadenfreude empfunden, als den Leipzigern in der Saison 2014/2015 nicht der Erstliga-Aufstieg gelang und stattdessen die „Lilien“ überraschend den Sprung nach oben schafften. „Als reine Feststellung von mir war das, glaube ich, in Leipzig weder sportlich noch wirtschaftlich eingeplant“, sagte Fritsch und blickte in die Zukunft: „Wir brauchen uns als Darmstadt nicht zu schämen, dass die Leipziger uns auf Dauer von dannen ziehen werden. Die völlig anderen finanziellen Möglichkeiten werden sich zum Schluss auszahlen.“

          Auch für „Lilien“-Trainer Norbert Meier sind die Leipziger, die mit dem jüngsten Team der Liga (Altersdurchschnitt 23,8 Jahre) zehn Punkte vor dem SVD liegen, ein „untypischer“ Aufsteiger. „Sie spielen aggressiv nach vorne. Nach jetzigem Stand sind sie die Bayern-Jäger Nummer eins.“ An diesem Samstag auf dem Platz aber sollen die Sachsen den Atem der kampfstarken Darmstädter spüren. „Mentalität kann ab und zu Klasse schlagen“, meint Meier. „Für uns ist es daher von großer Bedeutung, dass wir unsere Mentalität zeigen.“ Diese war im mit 0:1 verloren gegangenen Zweitrunden-Pokalspiel gegen Walldorf (Regionalliga) abhanden gekommen. Insofern haben die „Lilien“ wieder etwas gut zu machen.

          Spieler wie Victor Obinna oder Peter Niemeyer dürften daran nicht beteiligt sein. Die Akteure aus der zweiten Reihe konnten sich für Bundesliga-Aufgaben nicht empfehlen, sie suchen weiter nach ihrer Form. Gespannt darf man derweil darauf sein, ob das Polizeipräsidium Südhessen, das für die Sicherheit am Spieltag sorgt, fündig werden wird. „Wir schauen mal, ob wir für Samstag noch eine alte Uniform auftreiben können“, twitterte die Polizei. Das wäre ihr Beitrag zur SVD-Aktion.

          jörg daniels

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