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Darmstadt 98 : Zwischen Schuldenerlass und Argumentationsnot

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Neu in der dritten Liga aber klamm wie die Stadt selbst: Der SV Darmstadt 98 (Hier Stürmer Marcus Stegmann) will gegen Bielefeld den ersten Heimsieg einfahren. Bild: dpa

Der SV Darmstadt 98 profitiert von städtischer Fürsorge, die andere Klubs für den Breitensport auch gerne hätten. Doch die finanzielle Lage der Stadt ist mehr als angespannt.

          Lothar Leder nimmt selten ein Blatt vor den Mund. Vor einigen Tagen war der Darmstädter Triathlet Gast einer Talkrunde des SV Darmstadt 98. Leder muss nach einer Weile genervt gewesen sein, also sprach er sinngemäß in den Saal, dass man nicht so ein Geschrei machen solle, weil die „Lilien“ jetzt von der vierten in die dritte Fußball-Liga aufgestiegen sind. Schließlich gebe es in Darmstadt noch andere Spitzensportler - die sogar die Olympischen Spiele im Blick haben.

          Das sorgte bei den Lilien für schmale Lippen. Doch wer als Athlet über ein Jahrzehnt zur Weltspitze seiner Sportart gehörte, reagiert sensibler bei der Einschätzung von sportlicher Wertigkeit. Dass die besten Darmstädter Fußballspieler seit dem Aufstieg Stadtgespräch sind, ist unstrittig. 8000 Besucher kamen zum Saisonauftakt gegen Osnabrück (0:1). Beim Ligakonkurrenten Wehen-Wiesbaden, sogar beim Zweitligaklub FSV Frankfurt träumt man von solchen Zahlen. Und auch das nächste Heimspiel der Lilien an diesem Samstag gegen Arminia Bielefeld dürfte wieder ein Volksfest werden.

          Musealen Sportstätte

          Weniger gut kommt in Darmstadt bei manchem an, dass die Lilien eine massive Unterstützung von der Stadt erhalten. Alexander Pfeiffer, Vorsitzender des Sportkreises 33, ist als Wächter über den Breitensport auf der Hut, wenn er Begünstigungen für den Profisport wittert. Den Lilien sollen bekanntlich 537 000 Euro Schulden bei der Stadt erlassen werden, zusätzlich sollen 220 000 Euro in die Flutlichtanlage des Stadions am Böllenfalltor sowie 30 000 in die zwei ramponierten Kunstrasenplätze fließen. Der Renovierungsbedarf dieser städtischen, aber musealen Sportstätte ist unübersehbar.

          Pfeiffer sagt, dass er respektiere, wenn sich die Stadt aus erhofften Imagegründen für die Förderung des Profifußballs entscheide, „aber dann soll auch das Geld dafür aus dem Stadtmarketingetat bereitgestellt werden“. Städtische Sportförderung ist für ihn vor allem die Förderung des Breitensports. Sollten das die Behörden anders sehen, dann würde Pfeiffer beispielsweise dafür kämpfen, dass sämtliche Amateurfußballvereine Darmstadts ebenfalls Kunstrasenplätze bekommen. Finanziert vom Steuerzahler. Folglich wird ihn die Stellungnahme von André Schellenberg erhitzen. „Flutlicht und Kunstrasenplätze werden aus dem Sportetat bezahlt“, teilt der neue Kämmerer von Darmstadt auf Anfrage mit.

          Lilien und Stadt pochen darauf, dass am Böllenfalltor eben nicht nur Profi-, sondern auch Amateur- und Jugendsport betrieben werde. Auf diese Argumentationskrücke stützte sich vor einem Jahrzehnt auch der frühere Oberbürgermeister Peter Benz (SPD), weil die Insolvenz des damaligen Darmstädter Hauptsponsors den Verein in Existenznot brachte und zwei städtische Bankbürgschaften notwendig waren, um den Klub am Leben zu halten.

          Kritik am geplanten Schuldenerlass

          Das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt folgte dieser Begründung, hatte auch die anderen Abteilungen des Vereins im Blick und bewilligte die Bürgschaften, „mit Bauchschmerzen“, wie es RP-Sprecher Gerhard Müller heute formuliert. Die Behörde hat der hochverschuldeten Stadt ein Spardiktat auferlegt, weswegen sie jetzt auch die Zulässigkeit des beabsichtigten Schuldenerlasses prüft. Möglicherweise muss die Stadt in weiteren Unterlagen darlegen, wo für den Schuldenerlass Geld eingespart werden soll. „Vielleicht bitten wir Vertreter der Stadt auch noch zu einem Gespräch“, sagt Müller. Ende August könnte dann das Ergebnis der Prüfung vorliegen.

          Lilien-Vizepräsident Klaus-Rüdiger Fritsch sieht der Prüfung gelassen entgegen. Entspannt nimmt er gleichfalls zur Kenntnis, dass auch der hessische Steuerzahlerbund Kritik am geplanten Schuldenerlass zugunsten von Profisport übt. Fritsch versichert, dass nicht beabsichtigt sei, mit öffentlichen Mitteln kommerziellen Fußball zu alimentieren. Auf beiden Kunstrasenplätzen (finanziert über Bankdarlehen) würden Jugend- und Amateurteams des Vereins trainieren. Und die Termine, an denen dort auch die Profis übten, „kann man an einer Hand abzählen“.

          Für Pfeiffer ist Jugendfußball bei den Lilien aber der Unterbau für den Berufssport und nicht vergleichbar mit dem eines kleinen Vereins wie etwa der TG Bessungen, wo die Kinder auf kargen Rasen- oder Hartplatzflächen spielen. Der neue Darmstädter Bürgermeister und Sportdezernent Rafael Reißer (CDU) fürchtet trotzdem nicht, dass sämtliche Vereine der Stadt sich künftig auf die Finanzspritze für die Lilien berufen werden, um ebenfalls bessere Bedingungen zu erlangen. Alexander Pfeiffer dürfte das anders sehen.

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