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Sport für Blinde : Mit verbundenen Augen an der Platte

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Pioniere: Eli Osewald (zweite von links) und Hermann Schladt (rechts) haben den Sport nach Frankfurt gebracht. Bild: Fiechter, Fabian

Tischball ist ein Sport ähnlich dem Tischtennis. Er wird aber nur nach Gehör gespielt. Ursprünglich ein Spiel für Blinde, entdecken es auch immer mehr Sehende. Der SV Blau-Gelb bietet ein offenes Training an.

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          Rechts oder links? Eli Osewald muss sich blitzschnell entscheiden. Rasselnd rollt ein hart geschlagener Ball auf sie zu. Das Geräusch der Stahlteilchen, mit denen der Ball gefüllt ist, ist nicht zu überhören. Trotzdem ist es bei diesem Tempo schwer, den genauen Kurs vorherzusagen – selbst mit dem Gehör einer Blinden.

          Osewald konzentriert sich, ändert leicht den Winkel ihres Schlägers. Als sie den Aufprall spürt, weiß sie, dass sie es geschafft hat. Kurz bevor er in ihr Tor laufen konnte, hat sie den Ball ausgebremst. Zeit zum Verschnaufen bleibt ihr nicht. Länger als zwei Sekunden darf sie nicht abwarten, sonst setzt es Strafpunkte.

          Während des Spiels wird eine Dunkelbrille getragen

          Tischball ist ein rasantes, lautes Spiel. Wenn die Bälle fliegen und rollen, bleibt es nicht bei Zimmerlautstärke. Der Lärm ist das Wichtigste: Das metallische Rasseln, wenn die tennisballgroße Kugel über die Platte fegt; der Knall von Holz auf Plastik, wenn ein Spieler den Ball wegschlägt. Diese Geräusche sind der Rhythmus des Spiels, sie sind das Einzige, woran sich die Spieler orientieren können.

          Tischball wird blind gespielt. Das heißt aber nicht, dass ausschließlich Blinde an der Platte stehen. Alle Spieler, egal ob blind, stark sehbehindert oder sehend, tragen während des Duells eine Dunkelbrille. Der Sichtschutz ist Vorschrift beim Tischball, erklärt Hermann Schladt, Trainer und Leiter der Abteilung Tischball beim Sportverein Blau-Gelb Frankfurt. Es müsse Chancengleichheit herrschen, nur so könne ein faires Spiel garantiert werden.

          Gleichberechtigt neben Judo und Fußball

          Auch Osewalds Gegner ist sehend. Doch jetzt ist die Platte für ihn unsichtbar. Vor seinem geistigen Auge versucht er, sie sich vorzustellen: Ein Spieltisch, ungefähr so groß wie eine Tischtennisplatte, aber mit abgerundeten Ecken und einer 14 Zentimeter hohen Bande. Statt eines Netzes ist in der Mitte eine Querplatte über dem Tisch angebracht. Unter ihr muss der Ball durchgespielt und in das Tor des Gegners geschlagen werden. Die Tore an den Stirnseiten der Platte müssen die Spieler mit schlanken, rechteckigen Schlägern verteidigen.

          Der SV Blau-Gelb im Niddapark ist der erste Sportverein für Sehende, der außer vielen anderen Sportarten auch Tischball anbietet. Das ursprünglich von Blinden für Blinde entwickelte Spiel steht gleichberechtigt neben Fußball und Judo. Das Training ist offen für jeden, egal wie gut oder schlecht er sieht. Man könne nicht pauschal sagen, ob Sehende oder Blinde die besseren Tischballspieler seien, meint Schladt. Sehende hätten eine genauere Vorstellung vom Aufbau der Platte. Dafür falle es blinden Spielern meist leichter, dreidimensional zu hören, was bei Tischball äußerst wichtig sei. Gutes Richtungshören können aber auch Sehende trainieren, genauso wie es viele Blinde mit exzellentem räumlichem Vorstellungsvermögen gebe.

          Die Platte ist Marke Eigenbau

          Osewalds Aufschlag ist hart und präzise. Als der Ball auf den Schläger prallt, spürt ihr Gegenspieler das im ganzen Arm. Die Spieler tragen dicke Handschuhe, denn ein Treffer mit dem harten Ball kann schmerzhaft sein. Berührt die Kugel das Querbrett oder springt über die Bande, gibt es einen Strafpunkt. Als Schiedsrichter muss Schladt entscheiden, wer den Fehler begangen hat. Eine Aufgabe, die höchste Konzentration erfordert. Das Spiel nimmt Fahrt auf, der Ball flitzt hin und her. Schließlich passiert es: Eine Lücke in Osewalds Verteidigung, und schon klingelt das Glöckchen unter dem Netz auf ihrer Seite – Tor! Schladt pfeift zweimal kurz. Ein Tor bringt zwei Punkte, ein Gewinnsatz wird bis elf Punkte gespielt.

          Die Platte, auf der sich die Spieler des SV Blau-Gelb schon so manch heißes Duell geliefert haben, ist Marke Eigenbau. Ihr Mann habe die Spielfläche aus Sperrholz gezimmert, erzählt Eli Osewald. Hersteller von Tischballzubehör gebe es nicht. Schon die Ausstattung ist daher Pionierarbeit. Ohne die Lust am kreativen Tüfteln hätte es Tischball wohl nie nach Deutschland geschafft, geschweige denn nach Frankfurt.

          Ein noch junger Sport

          Ein blinder Kanadier hat Tischball in den sechziger Jahren erfunden. Joe Lewis schwebte ein Sport vor, den Blinde ganz ohne sehende Hilfe ausüben können. Das Ergebnis war eine Mischung zwischen Tischtennis und Air-Hockey, die unter dem Namen Showdown schnell populär wurde. In Europa wird Tischball heute in mehr als zwanzig Ländern betrieben. Hochburgen sind die Niederlande und Skandinavien.

          Die Geschichte von Tischball in Deutschland begann vor zehn Jahren in der Werkstatt des Cottbussers Reinhard Winkelgrund, eines erblindeten Bauingenieurs. Ein Freund, der die Paralympics 1992 in Barcelona besucht hatte, habe begeistert von einer Art Blinden-Tischtennis geschwärmt, die dort vorgestellt worden sei. Von dem Konzept angetan, baute Winkelgrund eine solche Platte nach. Als blinde Jugendliche aus Berlin auf das Spiel aufmerksam wurden, verbreitete sich Tischball auch überregional.

          Noch immer ein Geheimtipp

          Durch Eli Osewald kam Tischball schließlich auch nach Frankfurt. 2009 hatte sie das Spiel auf dem Louis-Braille-Festival in Hannover kennengelernt. Seitdem ist Showdown ein wichtiger Teil ihres Lebens. Osewald erinnert sich noch an die langwierige Suche nach passenden Räumen, die beim SV Blau-Gelb ihr erfolgreiches Ende fand. Schladt und Osewald erkannten das Potential dieser Sportart: Eine Sportart, für Blinde und Sehende gleichermaßen ansprechend und herausfordernd. So funktioniert Inklusion.

          Obwohl die Nachfrage wächst, ist Showdown noch immer ein Geheimtipp. Blindenverbände und Sportvereine für Behinderte behandeln das Spiel oft nur stiefmütterlich, namhafte Blindenschulen zeigen sich an Tischball völlig desinteressiert. Schwer verständlich, denn gerade für Jugendliche kann Tischball eine spannende und herausfordernde Freizeitbeschäftigung sein.

          Der SV Blau-Gelb bereitet sich auf die Deutsche Meisterschaft im Showdown vor, die der Verein 2014 ausrichten wird. Bisher sind sehende Spieler für die Meisterschaft nicht zugelassen, doch beim SV Blau-Gelb weht ein anderer Wind. Jeden Mittwoch von 19.30 Uhr an ist offenes Training. In einer lockeren, unverbrauchten Atmosphäre holt sich jeder Tischballspieler das, was er will – sportliche Herausforderung oder Spaß. Gemeinsam entdecken Blinde und Sehende ein Spiel, dessen Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind.

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