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Sport für Blinde : Mit verbundenen Augen an der Platte

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Die Platte ist Marke Eigenbau

Osewalds Aufschlag ist hart und präzise. Als der Ball auf den Schläger prallt, spürt ihr Gegenspieler das im ganzen Arm. Die Spieler tragen dicke Handschuhe, denn ein Treffer mit dem harten Ball kann schmerzhaft sein. Berührt die Kugel das Querbrett oder springt über die Bande, gibt es einen Strafpunkt. Als Schiedsrichter muss Schladt entscheiden, wer den Fehler begangen hat. Eine Aufgabe, die höchste Konzentration erfordert. Das Spiel nimmt Fahrt auf, der Ball flitzt hin und her. Schließlich passiert es: Eine Lücke in Osewalds Verteidigung, und schon klingelt das Glöckchen unter dem Netz auf ihrer Seite – Tor! Schladt pfeift zweimal kurz. Ein Tor bringt zwei Punkte, ein Gewinnsatz wird bis elf Punkte gespielt.

Die Platte, auf der sich die Spieler des SV Blau-Gelb schon so manch heißes Duell geliefert haben, ist Marke Eigenbau. Ihr Mann habe die Spielfläche aus Sperrholz gezimmert, erzählt Eli Osewald. Hersteller von Tischballzubehör gebe es nicht. Schon die Ausstattung ist daher Pionierarbeit. Ohne die Lust am kreativen Tüfteln hätte es Tischball wohl nie nach Deutschland geschafft, geschweige denn nach Frankfurt.

Ein noch junger Sport

Ein blinder Kanadier hat Tischball in den sechziger Jahren erfunden. Joe Lewis schwebte ein Sport vor, den Blinde ganz ohne sehende Hilfe ausüben können. Das Ergebnis war eine Mischung zwischen Tischtennis und Air-Hockey, die unter dem Namen Showdown schnell populär wurde. In Europa wird Tischball heute in mehr als zwanzig Ländern betrieben. Hochburgen sind die Niederlande und Skandinavien.

Die Geschichte von Tischball in Deutschland begann vor zehn Jahren in der Werkstatt des Cottbussers Reinhard Winkelgrund, eines erblindeten Bauingenieurs. Ein Freund, der die Paralympics 1992 in Barcelona besucht hatte, habe begeistert von einer Art Blinden-Tischtennis geschwärmt, die dort vorgestellt worden sei. Von dem Konzept angetan, baute Winkelgrund eine solche Platte nach. Als blinde Jugendliche aus Berlin auf das Spiel aufmerksam wurden, verbreitete sich Tischball auch überregional.

Noch immer ein Geheimtipp

Durch Eli Osewald kam Tischball schließlich auch nach Frankfurt. 2009 hatte sie das Spiel auf dem Louis-Braille-Festival in Hannover kennengelernt. Seitdem ist Showdown ein wichtiger Teil ihres Lebens. Osewald erinnert sich noch an die langwierige Suche nach passenden Räumen, die beim SV Blau-Gelb ihr erfolgreiches Ende fand. Schladt und Osewald erkannten das Potential dieser Sportart: Eine Sportart, für Blinde und Sehende gleichermaßen ansprechend und herausfordernd. So funktioniert Inklusion.

Obwohl die Nachfrage wächst, ist Showdown noch immer ein Geheimtipp. Blindenverbände und Sportvereine für Behinderte behandeln das Spiel oft nur stiefmütterlich, namhafte Blindenschulen zeigen sich an Tischball völlig desinteressiert. Schwer verständlich, denn gerade für Jugendliche kann Tischball eine spannende und herausfordernde Freizeitbeschäftigung sein.

Der SV Blau-Gelb bereitet sich auf die Deutsche Meisterschaft im Showdown vor, die der Verein 2014 ausrichten wird. Bisher sind sehende Spieler für die Meisterschaft nicht zugelassen, doch beim SV Blau-Gelb weht ein anderer Wind. Jeden Mittwoch von 19.30 Uhr an ist offenes Training. In einer lockeren, unverbrauchten Atmosphäre holt sich jeder Tischballspieler das, was er will – sportliche Herausforderung oder Spaß. Gemeinsam entdecken Blinde und Sehende ein Spiel, dessen Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind.

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