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Spiegel deutscher Geschichte : Geheime Schätze der Deutschen Bank

Hat viele Lieblingsstücke: Dr. Martin L. Müller, Leiter des Historischen Instituts der Deutschen Bank Bild: Wolfgang Eilmes

Das Archiv von Deutschlands größter Bank ist in Eschborn gut versteckt. In seinen Regalen findet sich eine Vielzahl zeitgeschichtlicher Dokumente – und Stoff für ungewöhnliche Geschichten.

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          Das Langzeitgedächtnis ist versteckt, und das soll auch so bleiben. Weil das Archiv der Deutschen Bank als wertvolles Kulturgut gilt, soll niemand wissen, wo genau es sich befindet. Eine Hintertür öffnet sich an einem schmucklosen Gebäude in Eschborn, so viel sei gesagt. Martin Müller hat die weißen Handschuhe schon bereitgelegt, die er stets benutzt, wenn er die alten Akten zur Hand nimmt. Müller leitet das Historische Institut der größten deutschen Privatbank seit 2006. Die langen Regalreihen und schweren Aktenordner sind sein zweites Zuhause, aus der Geschichte seines Arbeitgebers zitiert er, als sei es seine eigene.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In den vergangenen Monaten war für Müller und seine drei Mitarbeiter in dem Archiv mehr zu tun als sonst. Die Deutsche Bank ist vor 150 Jahren in Berlin gegründet worden, weshalb drei Historiker anlässlich des Jubiläums einen schweren, knapp 800-seitigen Geschichtsband erstellt haben. Große Teile ihrer Recherche fußen auf jenen Unterlagen, die hier seit fast 60 Jahren gesammelt werden. Würde man die Regalbretter mit ihren Aktenordnern aneinanderreihen, die Strecke würde von der Paulskirche zum Terminal 1 am Frankfurter Flughafen reichen.

          Mehr als die Historie einer Bank

          Was man dort findet, ist mehr als die Historie einer Bank. Tausende von Geschäfts- und Personalakten, Depot- und Kontounterlagen, Zeitungsartikel, Briefe, Fotos und Filme spiegeln politische und kulturelle Ereignisse und Entwicklungen in der Geschichte Deutschlands wider. Es sind Staatsprojekte wie die Bahnverbindung zwischen Istanbul und Bagdad im Osmanischen Reich, die von der Deutschen Bank finanziert wurde, aber auch Zeugnisse der Industriegeschichte, etwa Unterlagen zur Gründung von Konzernen wie AEG und Mannesmann.

          Die schwere Tresortüre ist geöffnet, als Martin Müller hindurchgeht in jenen Raum, der durch eine Sauerstoffabzugsanlage vor Feuer geschützt ist. Dann zeigt er auf einige Regale: K1 zum Beispiel, erzählt Müller, das sind die Unterlagen der Norddeutschen Bank, 1856 gegründet, die 1928 vollständig in der Deutschen Bank aufging; K7 erinnert an die Deutsch-Asiatische Bank, die unter Führung unter anderem der Deutschen Bank 1889 mit Sitz in Schanghai gegründet wurde; und unter dem Kürzel V1 stehen Akten, die aus dem Büro des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Hermann Josef Abs stammen.

          Gemeinsame Reise: Der damalige Kanzler Helmut Kohl lädt den Bankchef Alfred Herrhausen zu einer Polen-Reise im November 1989 ein – während dieser Reise fiel die Mauer, wenige Wochen später wurde Herrnhausen von der RAF ermordet.

          Als Martin Müller die weißen Handschuhe zum ersten Mal überstreift, präsentiert er einen Brief des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer an Abs aus dem Jahr 1957. Die Führungsrolle im deutschen Kreditwesen, die die Deutsche Bank schon bald nach ihrer Gründung beanspruchte, hatte ihre Topmanager immer schon mit den Mächtigen der Politik zusammengebracht. So galten einst die Gründer Ludwig Bamberger und Adelbert Delbrück als enge Vertraute von Preußens Ministerpräsidenten Otto von Bismarck, der 1870 der Gründung der Bank zugestimmt hatte.

          Auch Abs gehörte zu den engsten Finanz- und Wirtschaftsberatern des damaligen Kanzlers, und Adenauer bedankte sich am 5. November 1957 in einem Brief für die Glückwünsche zur Wiederwahl mit der Bitte um ein Gespräch. Mit der Hand notierte sich Abs den Termin dafür auf dem Blatt Papier: 11.11., 18 Uhr.

          Auch später suchten deutsche Kanzler immer wieder die Nähe zu den Vorstandssprechern der Bank, wie ein weiteres Schreiben belegt, das Müller hervorholt. Am 25. Oktober 1989 bat Helmut Kohl den damaligen Vorstand Alfred Herrhausen in einem mit „Lieber Alfred“ überschriebenen Brief darum, ihn doch auf seiner Polen-Reise vom 9. bis 14. November zu begleiten. Es war eine historische Reise, die wegen des Falls der Mauer abgebrochen wurde; wenige Tage später wurde Herrhausen am 30. November 1989 Opfer eines Terroranschlags.

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