https://www.faz.net/-gzg-7duf3

Spessart : Asylsuchende statt Sommergäste

  • -Aktualisiert am

Wartezimmer: Eine Arbeitserlaubnis und die Anerkennung als Asylbewerber fehlen den Menschen weiterhin. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Rund 170 Flüchtlinge sind im Spessart in Pensionen untergebracht. Die Einheimischen bemühen sich um die Integration der neuen Nachbarn.

          3 Min.

          Ihre Heimat haben die 23 Flüchtlinge aus Pakistan und Äthiopien verlassen, angekommen sind sie zumindest vorläufig in der Ferschenmühle in Dammbach, einem knapp 2000 Einwohner zählenden Ort im Hochspessart. „Wild und Forellen“ verkündet ein großes Schild vor dem Ausflugslokal am Ortseingang. Draußen auf der Terrasse können Gäste unter Sonnenschirmen an einem kleinen Bach sitzen, rundherum ist Wald. Pensionen und Gasthöfe gibt es in dem sechs Kilometer langen Ort, der abseits der A 3 in einem engen Tal liegt und in der Mitte vom gleichnamigen Bach durchzogen wird, eine ganze Menge. Doch die Zeiten mit Urlaubern, die vor allem aus dem Ruhrgebiet in die Spessartidylle reisten, sind lange vorbei. Ende der achtziger Jahre habe das mit den Sommergästen aufgehört, dann seien nur noch Kurzurlauber gekommen, sagt Ursula Brand, die Wirtin der Ferschenmühle, die 1959 eröffnet wurde. Die Wirtsleute Brand haben den Pensionsbetrieb eingestellt und die Ferschenmühle dem Landkreis Aschaffenburg als Unterkunft zur Verfügung gestellt.

          Rund 170 Asylbewerber sind im Landkreis in neun Unterkünften, vor allem im Spessart in Pensionen oder ehemaligen Jugendherbergen untergebracht, da die staatliche Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in Aschaffenburg, in der rund 350 Flüchtlinge leben, belegt ist.

          Dialoge üben - einkaufen und Bus fahren

          Er habe nichts zu tun, sagt Mubashir Sadio Ahmed. Der Geschäftsmann aus Pakistan hat vor elf Monaten mit Frau und Sohn die Heimat, in der er aus religiösen Gründen verfolgt wurde, verlassen. Seitdem lebt die Familie in zwei Doppelzimmern mit Bad und Balkon. Hinter dem Spiegel klemmen eine Plastikrose und ein Brief, die Betten sind gemacht, die Koffer verstaut, und es heißt vor allem warten - auf eine Arbeitserlaubnis und auf die Anerkennung als Asylbewerber. Der Pakistaner hat einen Deutschkurs besucht, dafür ist er mehrmals wöchentlich mit dem Bus von Dammbach ins rund 20 Kilometer weit entfernte Aschaffenburg gefahren. Sein 13 Jahre alter Sohn Sabih ist dagegen vollauf beschäftigt. Der Junge hat den Sprung von der Übergangsklasse für ausländische Schüler an der Aschaffenburger Pestalozzischule auf ein Gymnasium geschafft und spielt außerdem im örtlichen Tennisclub.

          Auch Saleem Sajid aus Pakistan wartet nach fast einem Jahr in der Ferschenmühle darauf, arbeiten zu dürfen. Sein fünf Jahre alter Sohn Hussain hat schon deutsche Freunde in Dammbach, die er im Kindergarten kennengelernt hat. Sein zwei Jahre alter Bruder Hassan wird ebenfalls nach den Sommerferien in den Kindergarten gehen. Saleem Sajid hat ebenfalls Deutschkurse besucht, doch die Busfahrten nach Aschaffenburg waren ihm auf Dauer zu teuer, seitdem nimmt er gemeinsam mit Ehefrau Maria und anderen Flüchtlingen Deutschstunden bei Brigitte Brang-Röders. Die Lehrerin kommt ein- bis zweimal in der Woche in die Ferschenmühle. „Wir üben vor allem Dialoge, da wird eingekauft, Bus gefahren, ein Arzt besucht oder übers Wetter geredet“, berichtet sie. Darüber hinaus erfährt die Englisch- und Sportlehrerin viel aus dem früheren Leben ihrer Schützlinge. Ein Bewohner der Ferschenmühle, der der islamischen Religionsgemeinschaft Ahmadiyya, die in Pakistan verfolgt wird, angehört, habe ihr erzählt, dass er seine jüngste Tochter verloren habe weil ihr die notwendige medizinische Versorgung verweigert worden sei.

          Es werde zu wenig Geld bereitgestellt

          Karin Brand, die von den meisten Flüchtlingen einfach „Mama“ genannt wird, kennt ebenso viele dieser Geschichten. Besonders berührt hat sie das Schicksal eines jungen Mannes, der zu Fuß aus Pakistan flüchtete. Er sei sieben Jahre unterwegs gewesen und habe „furchtbares Heimweh“ gehabt. Begeistert ist die Wirtin, die vor 41 Jahren ebenfalls als Fremde in den kleinen Ort gekommen ist, vom Engagement der Dammbacher. „Sie rufen hier an, um die Flüchtlinge einzuladen, wenn im Dorf ein Fest gefeiert wird, oder kommen vorbei.“ Gleich am Anfang seien zwölf Fahrräder gespendet worden. Die Vereine integrierten Neuankömmlinge, wie etwa Amyad, der im Fußballverein spielt. Die Sozialpädagogin Merve Kilian, die seit April für alle Bewohner der neun dezentralen Unterkünfte des Landkreises zuständig ist und dort regelmäßig Sprechstunden anbietet, kann das ebenfalls bestätigen. Die Menschen seien sehr aufgeschlossen und versuchten, die Flüchtlinge in die dörflichen Gemeinschaften einzubinden. Die Mitarbeiterin des Landratsamtes ist Ansprechpartnerin für die Flüchtlinge, sie kümmert sich um Alltagsprobleme wie Unterbringung, Verpflegung oder Zimmerverteilung. Außerdem pflegt sie die Kontakte zu Ehrenamtlichen, auf deren Unterstützung sie bei ihrer Arbeit nicht verzichten möchte.

          Der Landkreis kooperiert bei der Betreuung der Flüchtlinge mit der Caritas Aschaffenburg. Deren Geschäftsführer Dieter Fuchs kritisiert, dass der Freistaat Bayern für diese Arbeit zu wenig Geld bereitstelle. Der Caritas wurden zwei Vollzeitstellen für die Flüchtlingsbetreuung in der Gemeinschaftsunterkunft und in den dezentralen Unterkünften bewilligt. Die Hälfte der Personalkosten müsse sie jedoch aus eigenen Mitteln aufbringen. Angesichts steigender Flüchtlingszahlen würden drei Vollzeitstellen benötigt, einen entsprechenden Antrag werde die Caritas bei der Regierung von Unterfranken stellen, kündigte Fuchs an. Caritas-Sozialarbeiterin Karola Hofer ist für die Menschen in den drei dezentralen Unterkünften im Spessartort Heigenbrücken zuständig. Dort bietet sie auch einmal in der Woche im Rathaus Sprechstunden an. Die Sozialarbeiterin behält darüber hinaus auch immer die jeweiligen Asylverfahren im Blick, erklärt Bescheide, schaltet, wenn notwendig, Anwälte ein und informiert Asylbewerber über sozialhilferechtliche Angebote.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Verleger Holger Friedrich hat sich gleich in mehreren Punkten verrechnet.

          „Berliner Zeitung“ : Verleger Friedrich hat sich verspekuliert

          Stasi-Vorwürfe, Interessenkonflikt und nun auch noch eine Abfuhr des Berliner Senats. Für den IT-Millionär Holger Friedrich erweist sich sein Investment in den Berliner Verlag als echtes Problem. Sein Geschäftsmodell steht in Frage.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.