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Sperrung der U-Bahn : Tausende auf Umwegen

  • -Aktualisiert am

Fahrzeugwechsel: An den U-Bahn-Stationen wie an der Heddernheimer Landstraße stehen Busse bereit. Bild: Helmut Fricke

Der erste Tag der großen U-Bahn-Sperrung ist für die meisten Fahrgäste in Frankfurt reibungslos verlaufen. Einige müssen sich aber erst noch zurechtfinden. Sie haben dazu sechs Wochen Zeit.

          Bianca Nüchem ist an diesem Morgen sehr gefragt. Die Fahrgäste stehen um sie herum Schlange. Es ist der erste Tag, an dem auf Frankfurts meistbefahrener U-Bahn-Strecke kein Zug mehr rollt. Eine Dame schimpft, als sie von Nüchem erfährt, dass ein Busfahrer ihr zuvor eine falsche Information gegeben hat. Nüchem bekommt den Frust ab, aber das lächelt die Mitarbeiterin der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) einfach weg. „Ich bin ein höflicher Mensch“, sagt sie. „Ich sage den Leuten dann, dass es morgen bestimmt besser läuft.“

          Seit morgens um halb sechs steht die VGF-Mitarbeiterin mit ihrer weißen Weste an der U-Bahn-Station Heddernheimer Landstraße. Es ist für viele Fahrgäste das Tor nach Süden, in Richtung Innenstadt. Denn von hier fahren die Busse des Schienenersatzverkehrs ab, die bis zur U-Bahn-Station Eschenheimer Tor jede Station anfahren und die Fahrgäste dann bis zur Konstablerwache bringen. Seit dieser Woche ist die Nord-Süd-Verbindung – die U1, U2, U3 und die U8 – sechs Wochen lang wegen Bauarbeiten vollständig gesperrt. Rund 120.000 Fahrgäste sind üblicherweise auf der Route unterwegs. Wegen der Sommerferien dürften es derzeit weniger sein, aber immer noch Zehntausende sind von den Bauarbeiten betroffen und müssen neue Wege finden. Dafür planen die meisten aber nicht genug Zeit ein, meint Nüchem. Die Folge ist Stress.

          Vieles muss sich noch einpendeln

          Ein paar Menschen rennen zum Bus, aus Angst, er könne jede Sekunde losfahren. Dabei stehen jeweils zwei Gelenkbusse im Fünf-Minuten-Takt bereit. Zwei weitere VGF-Mitarbeiterinnen machen sich Notizen zum generellen Ablauf. Die Beschilderung an der Station sei gut, stellen sie fest, nur die Leuchtanzeige am Bus funktioniere noch nicht richtig, sie zeigt nicht die Fahrtrichtung an. Vieles scheint sich erst noch einpendeln zu müssen.

          Eine Frau wartet im Bus auf die Abfahrt. Ihr Name ist Alex, den vollen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Die Rechtsanwaltsfachangestellte kommt vom Riedberg und muss zum Grüneburgweg. Sie ist zufrieden: Ihr Arbeitsweg verlängere sich durch die Umbauarbeiten nur um 15 Minuten, und außerdem funktioniere dieses Jahr die Klimaanlage in den Bussen. Das sei letztes Mal beim Ersatzverkehr anders gewesen.

          Die Sommerferien nutzen

          Viele Fahrgäste haben Verständnis für die Bauarbeiten – auch wenn diese ihren Fahrtweg teilweise drastisch verlängern. An der S-Bahn-Station Eschersheim gibt es einen weiteren Schienenersatzverkehr für die U2 in Richtung Riedwiese. Dort steht der Bornheimer Sebastian Lipp und wartet. „Ich bin schon seit anderthalb Stunden unterwegs. Und das für eine Strecke, die normalerweise 25 Minuten dauert“, sagt der Architekt. Trotz langer Fahrtzeit hat Lipp ein Lob für die VGF übrig: „Ich profitiere ansonsten von dem sehr guten U-Bahn-Netz in Frankfurt.“

          Die VGF will die Sommerferien für eine ganze Reihe an Arbeiten nutzen: Sie ersetzt alte Gleise und Weichen, erneuert Kabel und Beleuchtungen sowie Überwege. Studenten wie Teresa Elenz haben allerdings Pech. Die Semesterferien beginnen für die Lehramtsstudentin erst am 19. Juli. „Ich finde es blöd, dass der Schienenersatzverkehr genau in die Prüfungszeit fällt“, sagt sie. Unmut ist auch bei einigen Rentnern zu spüren. „Die ganze Stadt ist lahmgelegt. Man könnte das doch Stück für Stück machen“, klagt eine ältere Dame aus Nieder-Erlenbach. Ihr Mann sei krank, morgen habe er einen Arzttermin. Anderthalb Stunden Fahrzeit sei für ihn zu viel, Autofahren schon lange keine Option mehr.

          An der U-Bahn-Station Ginnheim ist ebenfalls einiges los. Dorthin können Fahrgäste aus dem Norden mit der U9 fahren und dann in die Straßenbahn Linie 16 oder in den Bus der Linie 64 umsteigen, um beispielsweise zum Hauptbahnhof zu gelangen. Ein Dutzend Menschen rennen aus der U-Bahn direkt über die Gleise zur Straßenbahn. Der Fahrer hupt, den Reisenden scheint es egal zu sein. Ein Mann schaut auf sein Handy und springt im letzten Moment noch in den vollen Zug.

          Viele Fahrer der Ersatzbusse müsse Rede und Antwort stehen. Busfahrer Krasniqi Safet spürt die Verzweiflung. „Sehr viele sind verärgert, weil sie nicht wissen, wo vorne und hinten ist“, sagt er. Unzählige Male sei er heute schon nach dem Weg gefragt worden. Aber das mache ihm nichts aus. Der Ersatzverkehr sei eine schöne Abwechslung von seiner gewöhnlichen Buslinie 551. So hilfsbereit wie Safet sind nicht alle Busfahrer. Am Eschenheimer Tor wollen Reisende in den Bus Richtung Konstablerwache einsteigen. „Der Bus ist kaputt“, sagt der Fahrer. Und wann es weitergeht, das weiß er nicht.

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