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Schäfer-Gümbel und Juso-Chef : Schwierig oder schwieriger

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Mienenspiel: Juso-Chef Kühnert und Hessen-SPD-Chef Schäfer-Gümbel (links) Bild: dpa

In Oberursel diskutieren der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel und der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert mit der Parteibasis. Viele Mitglieder wissen noch nicht, ob sie für die große Koalition stimmen sollen.

          Eher selten steht der konservativ dominierte Hochtaunuskreis im Blickpunkt, wenn es um richtungsweisende SPD-Politik geht. Das ist an diesem Sonntagnachmittag anders: Sieben Fernsehteams, drei Radiosender, Journalisten von der Lokalzeitung bis zum Berliner „Tagesspiegel“ füllen die Pressebank in der Stadthalle Oberursel, die bis auf den letzten Stehplatz besetzt ist. Trotz Wochenend und Sonnenschein wollen 400 der insgesamt 1500 Sozialdemokraten aus dem Landkreis Pro- und Contra-Argumente zur Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und den Unionsparteien in Berlin aus erster Hand erhalten. Thorsten Schäfer-Gümbel, Landesvorsitzender, Fraktionsvorsitzender im Landtag sowie stellvertretender Bundesvorsitzender, und Kevin Kühnert, der Bundesvorsitzende der Jusos, touren derzeit als Duo durch die Republik und machen diesmal Station in Oberursel.

          „Ich bin schon gut informiert und glaube nicht, dass sich durch diese Veranstaltung etwas an meiner Haltung ändern wird“, sagt Wilma Aden-Großmann aus Kronberg. Die emeritierte Professorin für Sozialpädagogik will beim Mitgliederentscheid mit einem „ Ja“ für die Fortsetzung der großen Koalition stimmen. Bundesweit können 463.000 Sozialdemokraten von Dienstag an bis zum 2. März abstimmen, das Ergebnis wird am 4. März bekanntgegeben. In Hessen sind rund 52.000 Mitglieder stimmberechtigt, allein 2160 sind in den ersten Wochen des Jahres neu hinzugekommen.

          „Ich bin ziemlich unentschlossen“

          Die innerparteiliche Debatte scheint Generationen zu trennen, doch hier bringt sie sie zusammen. Schon eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn diskutiert die 81 Jahre alte Professorin im Foyer der Stadthalle heftig mit dem 16 Jahre alten Niklas Küßner aus Bad Homburg. Als Mitglied der Jusos ist er als Saalordner eingeteilt, erhofft sich aber auch ein wenig Orientierung. „Ich bin ziemlich unentschlossen und habe Sorge, dass unsere schlechten Umfragewerte von jetzt 16 Prozent bei der nächsten Wahl noch weiter sinken werden, wenn wir in eine große Koalition gehen“, sagt er. Auch wenn sich „ziemlich viele gute Punkte“ in der Koalitionsvereinbarung fänden.

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          Stephan Wetzel, Vorsitzender der SPD Hochtaunus, freut sich, dass seit dem 1. Januar die Mitgliederzahl der SPD im Landkreis um acht Prozent gestiegen ist. Allein in Oberursel sind 21 Männer und Frauen eingetreten. Das seien nicht nur „#NoGroKo-Jusos“, das Durchschnittsalter liege vielmehr bei 51 Jahren. Im Saal liegt es schätzungsweise deutlich darüber, graues bis nicht-vorhandenes Haar dominiert.

          Für den neuen Medienliebling Kühnert ist die Stadthalle seit vergangenem Freitag der zehnte Saal, den er mühelos füllt, noch am Sonntagabend wartet in Darmstadt ein weiterer auf ihn, deshalb ist nach gut zweieinhalb Stunden in Oberursel Schluss. Er beobachte „ein riesiges Diskussionsinteresse an Inhalten, nicht an Personalfragen“, sagt er auf dem Podium. Der Parteieintritt von 25 000 Menschen seit Januar beweise, dass die SPD gebraucht werde. Der Achtundzwanzigjährige beklagt, dass das Profil der SPD in acht Jahren großer Koalition unter Merkel so sehr gelitten habe, dass sie kein Alleinstellungsmerkmal mehr habe und der jüngeren Generation keine Antworten auf deren Zukunftsfragen geben könne. Das Vertrauen von Mitgliedern und Wählern, dass sich die Partei in einer Koalition mit den Unionsparteien erneuern könne, sei gering. Das aber müsse sie dringend tun.

          Genossen giften sich an

          Kühnert und Schäfer-Gümbel versichern sich gegenseitig wortreich „großen Respekt“ vor den Argumenten des anderen. Der stellvertretende Bundesvorsitzende gibt unter Applaus „große Fehler“ in den vergangenen Wochen zu. „Die Parteiführung hat das versenkt, nicht die Basis“, sagt er mit Blick auf Martin Schulz und seine Kehrtwende in Bezug auf das Außenamt. „Unser eigentliches Problem ist nicht die Groko, das sind wir selbst“, bilanziert er unter Beifall. Er lässt die vergangenen Monate Revue passieren, erläutert, was an welcher Stelle falsch war, und appelliert an die Anwesenden, für den Koalitionsvertrag zu stimmen: „Wir werden nicht von den Wählern dafür belohnt, wenn wir jetzt nein sagen zu einem Vertrag, der unsere Politik enthält.“ Die unterschiedlichen Positionen der Diskutanten fasst er als „Wette auf die Zukunft“ zusammen. „Kevin glaubt, dass der Weg in die Opposition es leichter macht, dass wir uns erneuern, ich glaube das nicht. Ich bin dafür, den schwierigen Weg zu gehen, nicht den noch schwierigeren.“

          Das wäre ein dialektisches Schlusswort gewesen. Doch mehr als 40 Wortmeldungen folgen. Nach eineinhalb Stunden Debatte kommt die erste Frau zu Wort. Einige Genossen im Publikum giften sich an, streiten über die zu lange Redezeit des jeweils anderen. Gründe für eine grundlegende Erneuerung der Partei gibt es viele, das zumindest bleibt an diesem Nachmittag unbestritten.

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