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Carsten Knop

Spät erlaubter Muezzin-Ruf : Unsensibel und unangemessen

  • -Aktualisiert am

Freitagsgebet: Der Muezzin rezitiert und singt das Gebet über Lautsprecher der Frankfurter Abu Bakr Moschee. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Frankfurter Integrationsdezernentin Sylvia Weber hat reichlich spät verkündet, dass der Muezzin-Ruf in diesem Jahr in der Stadt erschallen darf. Warum sie diese Erlaubnis in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verkündet hat, bleibt unverständlich.

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          Kirchenglocken läuten seit einer Verlautbarung Karls des Großen im Jahr 802. Der Ruf des Muezzins erschallt seit 1985, als er für die Dürener Fatih-Moschee gerichtlich erstritten wurde. Inzwischen gilt das für paar Dutzend Moscheegemeinden in Deutschland. Der Ruf ist also nicht neu, aber er ist nicht weit verbreitet. Deshalb erregt die Entscheidung Aufmerksamkeit, ihn zu Beginn des Ramadans zur Kompensation der Corona-Einschränkungen für die Gemeinden auch in Frankfurt gutzuheißen. Dies allerdings aus den falschen Gründen: Denn eine Ausnahme wäre im Lichte der Erfahrungen eine unkomplizierte Angelegenheit. Das ist auch unter den Koalitionsparteien im Römer und dem CDU-geführten Ordnungsamt so gesehen worden, als der Antrag auf dem Tisch lag.

          Warum allerdings Integrationsdezernentin Sylvia Weber von der SPD dennoch bis Donnerstagabend gewartet hat, um eine längst getroffene Entscheidung zu verkünden, die schon am Folgetag ihre Wirkung entfaltet hat, erschließt sich nicht. Weder hatten die Gemeinden so die Gelegenheit, die Nachbarn zu informieren, noch war überall die technische Ausrüstung vorhanden. Das Vorgehen Webers ist unprofessionell, unsensibel und unangemessen. Man darf die Dinge im Jahr 2020 gelassen sehen und braucht keine Nacht-und-Nebel-Aktion. Ja, der muslimische Gebetsruf ist ein Glaubensbekenntnis. Die Glocken hingegen läuten nur als Klangsignal, ohne Worte, die eine Botschaft vermitteln würden. Der Ruf des Muezzins dagegen ist Religionsausübung. Davon muss man nicht begeistert sein. Aber: Während fast alle Kirchen über ein Geläut verfügen, haben die Moscheegemeinden bisher wenig Lust verspürt, den Muezzinruf zu erzwingen, da ihnen am gesellschaftlichen Konsens gelegen war und ist.

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