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Soziologin über Banker : „Das ist ein gegenseitiges Belauern“

  • -Aktualisiert am

Arbeitsthema Arbeitswelt: Sabine Flick auf dem Campus Westend der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt Bild: Marcus Kaufhold

Viel Geld und Party? Eine Soziologin widerlegt jedes schillernde Klischee: Banker haben kaum Freunde, suchen im Job vergeblich nach dem Menschlichen und flüchten erschöpft in traditionelle Beziehungen.

          Frau Flick, im Film haben Banker immer total viele Freunde und total viel Spaß in teuren Bars. Was ist davon wahr?

          Nicht viel. Alle Leute, die ich befragt habe, haben sehr kleine Freundeskreise und an Party ist bei deren Arbeitsalltag gar nicht zu denken. Dafür orientieren sie sich stark an ihren eher klassischen Paarbeziehungen, weil ein Sozialleben so am einfachsten zu organisieren ist. Da kommt man abends irgendwann nach Hause und dann hängt man da gemeinsam herum. Viel mehr passiert nicht.

          So stelle ich mir eher das Leben der Eltern derer vor, die Sie befragt haben. Die Befragten sind doch noch jung, zwischen 28 und 48 Jahre alt.

          Das stimmt. Aber sie sind nach mindestens zwölf Stunden im Büro einfach zu erschöpft. Es gibt allenfalls Paarrituale: am Freitagabend gemeinsam einen Sekt aufmachen und etwas Schönes kochen zum Beispiel. Ansonsten gehört zur Freizeit eigentlich nur noch Sport. Den kriegen die Leute unter, indem sie sich morgens um sechs auf den Crosstrainer stellen. Auch eine Art Arbeit: Nur so bleibt man schließlich gesund für den Job.

          Denken die jemals: „Oh Gott, ich bin, wie ich nie sein wollte“?

          Das hat niemand thematisiert. Sie sehen sich als sehr potente Leistungsträger in einer internationalen Stadt: Sie sind gut bezahlt, machen beim Ironman mit und zumindest die Männer sind verheiratet und haben Kinder. Sie haben also alles, was in ihren Augen ein erfolgreiches Leben ausmacht.

          Viele Menschen würden dieses Leben nicht als cool oder urban wahrnehmen.

          Das ist Ihre Perspektive. Ich denke, da gibt es vielleicht gerade unter Bankern eine Art Leistungsfetisch, so einen Spirit, bei dem man sich gut fühlt, wenn man die viele Arbeit schafft und sich noch für mehr anbietet.

          Haben Sie auch Klagen gehört?

          Alle bemängeln, dass sie zu wenig Zeit haben für Dinge, die ihnen eigentlich wirklich wichtig sind. Mehr Zeit für ihre persönlichen Beziehungen zum Beispiel. Aber es hat mich erstaunt, dass das Leute sagen, von denen ich dachte, bei denen ist das vielleicht nicht so.

          Warum?

          Weil diese Menschen ihre Arbeit eigentlich selbst organisieren können. Theoretisch müssen sie nicht neun oder zehn Stunden am Stück im Büro sein, weil sie flexibel arbeiten können.

          Ein Ziel vieler arbeitsmarktpolitischer Bemühungen der vergangenen Jahre.

          Ja, das hört sich auch erst einmal toll an, gerade für die Idee, so den Alltag besser bewältigen zu können. Aber in dem Moment, in dem man den Menschen überlässt, sich ihre Arbeit selbst zu organisieren, überlässt man ihnen noch mehr Arbeit. Zum Teil wurde ja genau aus diesem Grund die flexible Arbeitsorganisation eingeführt: um die Überstunden unsichtbar zu machen. Wer zeitlich nicht mehr kontrolliert wird, kann auch keine Mehrarbeit beklagen.

          Heißt das, wir überfordern uns selbst?

          Ganz klar nein. Es sind nach wie vor die Unternehmen, die die Anforderungen stellen. Nur, dass da nicht mehr jeden Tag der Chef im Büro steht und Anweisungen gibt. Dafür gibt es die Zielvereinbarungen. Alle arbeiten damit, keiner hält sie für realistisch, aber alle halten sich daran. Und das Ganze mit der Illusion, man würde das alles ganz selbstbestimmt erledigen.

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