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Soziale Netzwerke : Poetry Slam und Himmlers Uniform

  • -Aktualisiert am

Teilaspekt: Forscher aus Darmstadt haben untersucht, welche Inhalte die Nutzer in den sozialen Netzwerke teilen und empfehlen. Bild: dpa

Warum liken und teilen wir etwas in den sozialen Netzwerken? Forscher aus Darmstadt haben genau das untersucht - und manch überraschenden Befund gemacht.

          3 Min.

          Sex und Gewalt, aber auch Kinder und Tiere. Das sind die Themen, die beim Leser eigentlich immer „ziehen“, so lernt es jeder Journalist. Oliver Hinz ist kein Journalist, sondern Professor für Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt, und deshalb sucht er nach wissenschaftlichen Belegen für diese populären Vermutungen. Seit 2012 untersucht er zusammen mit seinem Kollegen Thorsten Strufe, der inzwischen an der TU Dresden lehrt, die Verbreitung von Nachrichten im Internet.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kürzlich haben die beiden Forscher veröffentlicht, welche Geschichten im vergangenen Jahr in den sozialen Netzwerken Twitter, Facebook und Google Plus besonders oft geteilt wurden und aus welchen Online-Nachrichtenportalen sie stammen. Darüber hinaus können sie aus ihrer Langzeitstudie schon jetzt einige Trends ableiten, die zeigen, welche Inhalte bei den Internetnutzern eigentlich immer gut ankommen.

          Mehr Bild.de als Spiegel.de geteilt

          Von 476.000 Artikeln, die Hinz und Strufe 2014 auswerteten, wurde auf Facebook ein Beitrag von Stern.de über eine junge Poetry-Slammerin aus Bielefeld mit 288 092 „Likes“ am häufigsten geteilt. Das passt nun gar nicht ins Klischee vom erotik- und krawallaffinen Publikum. Auf Rang zwei der Facebook-Statistik findet sich dann allerdings schon der Bild.de-Text über das „Knastleben“ des „Koma-Schlägers“ Sanel M., der die Studentin Tugçe Albayrak tödlich verletzt haben soll. Dass auch Nazi-Schlagzeilen viele Leute neugierig machen, zeigt der Blick auf die Liste der bei Twitter am häufigsten geteilten Berichte: Auf dem ersten Platz steht ein Stück von Spiegel.de aus Indonesien über „Wahlkampf in Himmlers SS-Uniform“. Harmlos-bunt kommt hingegen die Geschichte mit den meisten Fans auf Google Plus daher. Sie stammte von Bild.de, handelte von Bodypainting und trug die Überschrift: „Model wird zum Paradiesvogel: Guck mal, ich bin ein Mensch“.

          Insgesamt, so die Forscher, handelten doch viele der über Facebook verbreiteten Beiträge von Gewalttaten und anderen Verbrechen. Auf Twitter hingegen seien vor allem politische Themen gut gelaufen. Das passt zu den Vermutungen, die Hinz über die Nutzer der verschiedenen Netzwerke anstellt. Über Facebook, sagt er, hätten sich anfangs vor allem gut ausgebildete Menschen ausgetauscht, da ein neues Medium immer zuerst von einer Elite getestet werde. Inzwischen sei das Facebook-Publikum „durchschnittlicher“ geworden, was vielleicht auch erkläre, dass Bild.de-Artikel dort inzwischen größere Verbreitung fänden als Stücke von Spiegel.de.

          Was fördert die Verbreitung

          Twitter wiederum, das Medium, das für manchen Politiker schon wichtiger zu sein scheint als die klassischen Kommunikationskanäle, hat 2014 bei der Nachrichtenweitergabe gegenüber Facebook an Boden verloren. Der Kurzbotschaftendienst ist nach Ansicht von Hinz bis heute „nicht im Mainstream angekommen“. Anders als in Großbritannien, wo auch Familienbilder über Twitter ausgetauscht würden, bediene sich hierzulande vor allem die „Informations-Elite“ dieses Angebots. Rund 91 Prozent der Nachrichten, die der Professor und seine Kollegen ausgewertet haben, wurden über Facebook empfohlen, nur noch 6,9 Prozent über Twitter (2013: 12,4 Prozent). Konstant niedrig blieb mit 2,6 Prozent der Marktanteil von Google Plus, einer Plattform, die laut Hinz vor allem von technikaffinen Nutzern geschätzt wird.

          Da Facebook so unangefochten an der Spitze liegt, haben sich die Wirtschaftsinformatiker auf diesen Dienst beschränkt, als sie analysierten, was die Verbreitung eines Artikels im Netz fördert. Ungefähr 10.000 Beiträge haben sie ausgewertet; was dabei herauskam, ist teils banal, teils aber auch überraschend. Dass Stücke, die wütend machen oder Ehrfurcht erzeugen, oft geteilt werden, war ebenso zu erwarten wie die attraktivitätssteigernde Wirkung von Bildern. Auch die eher schlechten Quoten von komplex geschriebenen Texten erstaunen nicht. Schon bemerkenswerter ist, dass ein sachlicher Ton offenbar dazu beiträgt, dass ein Bericht mehr Leser findet. Und vollends der landläufigen Meinung widerspricht, dass Artikel mit praktischem Nutzen eher nicht verbreitet werden. Selten empfohlen werden auch Stücke, die auf Meldungen von Presseagenturen beruhen - sie sind laut Hinz offenbar so allgegenwärtig, dass niemand es lohnend findet, sie anderen zur Lektüre zu empfehlen.

          Jene Artikel, die über soziale Netzwerke geteilt werden, müssen nicht dieselben sein, die auch auf den Nachrichtenportalen am meisten gelesen werden - wie es sich genau damit verhält, will Hinz irgendwann in einer eigenen Studie untersuchen. Er selbst hat als Fußballfan im vergangenen Jahr öfter Berichte über die Nationalmannschaft auf Facebook weitergereicht, zum Beispiel, als Miroslav Klose seinen Abschied nahm. Als Nachrichtenquellen nutzt der Professor außer Spiegel.de und Focus.de auch Bild.de. Mit der Boulevardseite hält er sich allerdings meist nicht lange auf: „Die Überschriften reichen mir oft schon.“

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