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: Soziale Kälte?

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Der Jahreswechsel fällt in eine Zeit, in der die täglichen Sorgen klein werden angesichts des Elends, das in Südasien derzeit Hunderttausende bedrängt. Wie so oft spiegelt sich in Frankfurt die große ...

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          Der Jahreswechsel fällt in eine Zeit, in der die täglichen Sorgen klein werden angesichts des Elends, das in Südasien derzeit Hunderttausende bedrängt. Wie so oft spiegelt sich in Frankfurt die große Welt im Kleinen: Am Flughafen kamen und kommen die allermeisten Deutschen an, die die Katastrophe überlebten. Wenn der Eindruck nicht täuscht, haben hier ehren- und hauptamtliche Helfer den Leidtragenden auf beeindruckende Weise zur Seite gestanden. Auch sonst regt sich überall im Rhein-Main-Gebiet die Hilfs- und Spendenbereitschaft: In öffentlichen Gebäuden werden Sammelboxen aufgestellt, die Landesregierung bittet um Unterstützung für ein konkretes Projekt in Indien, bei Oxfam und einer Fluggesellschaft können mißliebige Weihnachtsgeschenke abgegeben werden, die "Komödie" wird am nächsten Sonntag den Erlös einer spontan organisierten Matinee spenden - und solchen Initiativen werden bald noch viele folgen.

          Soziale Kälte? Wer immer dieses Schlagwort erfunden hat - es gibt doch allenfalls einen kleinen Teil unserer Wirklichkeit wieder. Die Spendenbereitschaft der Deutschen ist ungebrochen hoch und bezieht sich auf Karitatives ebenso wie auf die Förderung von Kunst oder Wissenschaft. Sie zeigt sich neben vielem anderen auch bei der Aktion dieser Zeitung "Leser helfen", der in schöner Verläßlichkeit alle Jahre wieder kleine und große Summen zufließen. Längst jenseits der Seebeben-Katastrophe erweist sich auch in angeblich so anonymen Großstädten wie Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, Offenbach oder Mainz immer wieder ein großes Maß an tätiger Nächstenliebe. Die Statistik müßte noch geführt werden, die einmal all das auflisten würde, was an organisierter Mitmenschlichkeit jenseits der Arbeit des Staates oder der Kirchen geleistet wird.

          Aber in keiner Statistik sind die vielen zu erfassen, die nicht lange warten und ohne Ruhm die Ärmel hochkrempeln: Zum Beispiel nicht die Frau, die nach der Beerdigung einer jungen Mutter die kleine Halbwaise Tag für Tag zum Mittagessen einlud und ihr bei den Hausaufgaben half. Und nicht die alte Dame, die für den Kirchenbasar häkelt. Und nicht der Rentner, der im Altenheim Patienten zum Spaziergang ausführt. Lauter Kleinigkeiten, gewiß. Aber in der Summe wird was Großes daraus.

          PETER LÜCKEMEIER

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