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Sommer und die Corona-Krise : Ferien ohne Freizeiten

Bessere Zeiten: Ob Schüler wie im vergangenen Jahr auch in diesem Sommer auf Klassenfahrten gehen können, ist ungewiss. Bild: dpa

Niemand kann im Sommer wie gewohnt in den Urlaub fahren. Wenn auch Reisen für junge Leute ausfallen, ist das ein großer Verlust – nicht nur für die Kinder.

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          Normalerweise würde Lara Schader jetzt Fortbildungen besuchen, Bastelanleitungen studieren und Gruppenspiele planen. Sie ist Teamerin beim Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt (Awo) auf Freizeiten. Sie fährt im Sommer mit ihnen ins europäische Ausland, an die Ostsee oder in die Rhön und unternimmt Wanderungen, besucht Badeseen und sitzt abends mit ihren Schützlingen am Lagerfeuer. Doch ein „Normalerweise“ gibt es wegen der Corona-Pandemie nicht mehr, und Lara Schader sitzt zu Hause in Heppenheim und hofft, dass es in diesem Jahr wenigstens noch ein paar Freizeiten geben wird.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Awo-Jugendwerk in Südhessen bietet für Kinder aus der Region Ferienfreizeiten mit pädagogischer Betreuung an. Die Angebote nehmen Familien aus allen Einkommensschichten an, denn die Vorteile liegen auf der Hand: Die Kinder werden in den Ferien eine Woche lang betreut, während die Eltern arbeiten müssen. Sie erleben etwas Besonderes, und die Kosten bleiben meist im Rahmen, da das Jugendwerk Gruppenrabatte und günstige Unterkünfte wie Schullandheime oder Campingplätze nutzen kann.

          Innerdeutsche Reisen vielleicht möglich

          All das droht nun wegzufallen. Regina Henge, die Leiterin des Jugendwerks, hat gerade mit dem Vorstand besprochen, dass die Auslandsreisen gestrichen werden. Sprachreisen nach England, Freizeiten in Kroatien, Spanien und auf Korsika, alles muss ausfallen. „Es ist schließlich völlig unklar, wie die Grenzen geöffnet sein werden, und außerdem können wir unsere freizeitpädagogischen Angebote nicht ohne Kontakt leisten“, sagt Henge. Die ausgebuchten Reisen, die über Ostern geplant waren, mussten wegen der Corona-Krise schon abgesagt werden.

          Für die innerdeutschen Reisen hält das Jugendwerk derzeit noch an seinem Angebot fest. Aber wenn die Schullandheime nicht öffnen oder passende Hygienekonzepte umsetzen können, müssen diese vielleicht auch ausfallen. Henge befürchtet, dass die Unterkünfte überfordert sein werden: Meist gibt es dort Mehrbettzimmer und gemeinsame Duschen. „Und auch, wenn es möglich wäre, muss viel bedacht werden: Was ist zum Beispiel, wenn ein Kind krank wird?“ Noch fehlt eine Entscheidung der Politik, wie mit den Jugendfreizeiten verfahren wird. Henge gibt aber zu bedenken: „Das ist ein Freizeit- und Kurzzeitpädagogikangebot, da können wir keine Notbetreuung leisten.“

          Hoffen auf den Herbst

          Teamerin Lara Schader sagt trotzdem: „Ich hoffe, dass die innerdeutschen Freizeiten stattfinden. Das ist ein fester Bestandteil für viele Teilnehmer.“ Gerade die Reisen in Deutschland werden, da sie recht günstig sind, von vielen Eltern gebucht, die weniger Geld zur Verfügung haben. „Das trifft dann vor allem die Kinder, die nicht regelmäßig mit der Familie wegkommen oder sonst nicht mit Gleichaltrigen wegfahren können.“ Die Awo hat darum gerade ein Spendenprojekt ins Leben gerufen. So sollen Kindern Ferien finanziert werden, in deren Familien das Geld knapp ist, vielleicht auch durch die Corona-Krise. „Diejenigen, die die Gesellschaft am Laufen halten, Pflege- und Putzkräfte, Menschen die im Supermarkt an der Kasse sitzen oder Regale einräumen, leisten momentan die wichtigste Arbeit. Trotzdem reicht ihr Lohn oft nur für das Nötigste“, sagt eine Sprecherin des Jugendwerks in Frankfurt. 40 Kinder aus ärmeren Familien sollen sich von den Spenden im Herbst für zehn Tage am Schweriner See von der Quarantäne erholen.

          So zumindest der Plan – vielleicht sieht die Welt im Herbst anders aus, und es finden Freizeiten statt. Doch der Sommer ist nah und die Krise nicht überwunden. Sollte es innerdeutsche Reisen geben, fragt sich Teamerin Schader allerdings, unter welchen Bedingungen das klappen kann: „Die Freizeiten leben von der Gruppe. Spiele oder ein Lagerfeuer mit zwei Metern Abstand funktionieren nicht.“ Wenn die Situation sich also in den nächsten Wochen nicht grundlegend ändert, wird es schwierig, passende Konzepte zu erarbeiten. Regina Henge sagt: „Ich hoffe auf den Herbst.“ Vielleicht könnten dann Reisen nachgeholt werden.

          „Traurig“, wenn die Freizeiten ausfielen

          Doch nicht alle fahren weg – Jugendliche können in den großen Städten, etwa in Frankfurt, auch stationäre Angebote für die Sommerferien nutzen. Der Sozialdienst der Ernst-Reuter-SchuleII in der Nordweststadt bietet mit den „Sozialen Lernferien“ zum Beispiel Kanufahrten, Sportkurse und Malereiworkshops an – normalerweise. Ob es in diesem Jahr Angebote geben wird, ist noch nicht klar. Auch der Sozialdienst wartet auf eine Entscheidung der Politik und des Stadtschulamts.

          Wenn es Angebote gibt, dann wird trotzdem vieles anders sein, meint der Sozialarbeiter Bastian Just. Die Ferienprojekte wie Fotografieren oder Tennisspielen können mit Abstand geplant werden, Tanzkurse müssen dagegen wohl ausfallen, und schwierig wird es auch mit den gemeinsamen Mahlzeiten. „Wir arbeiten an Konzepten“, sagt Just. Auch er würde sich freuen, wenn die Angebote stattfinden können. Doch ihn beschäftigt so wie auch Lara Schader die derzeit nötige Distanz: „Die Projekte leben von der Gruppendynamik. Wie die zustande kommen soll, ist noch nicht ganz klar.“

          Wie von den Fahrten profitieren die Jugendlichen und die Eltern auch von den Lernferien. Just hat Nutzerbefragungen aus den vergangenen Jahren parat und sagt: „50 Prozent der Eltern geben an, dass die Freizeiten eine Entlastung darstellen. Das würde wegfallen.“ Auch die Schüler wurden befragt, zum Beispiel, was sie unternehmen würden, wenn die Freizeit ausfiele. „Zocken und schlafen“, schrieben viele. „Sich langweilen“ war auch dabei. Und auf die Frage, wie sie das fänden, hieß es: „traurig“.

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