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Behörde maßregelt Obdachlosen : Solidarität mit Eisenbahn-Reiner

Hat sein konfisziertes Spielzeug zurück: Eisenbahn-Reiner Bild: Frank Röth

Die Frankfurter Stadtpolizei nimmt einem beliebten Obdachlosen sein Spielzeug weg. Der Ordnungsdezernent sagt: Regeln müssen für alle gelten.

          3 Min.

          Eisenbahn-Reiner hat so gut wie jeder Frankfurter schon einmal gesehen. Jeden Tag sitzt er am Liebfrauenberg vor seinem Spielzeug und hofft auf milde Gaben. Seit zwölf Jahren verbringt er sein Leben in der Fußgängerzone nahe der Zeil. Tag für Tag dekoriert er seinen Stammplatz in der Neuen Kräme zwischen Burger King und Butlers. Auf einer Decke erschafft der Fünfundvierzigjährige aus Schlümpfen und Playmobil, Eisenbahnen und Modellautos, Plastikblumen und allerlei Krimskrams eine kunterbunte Spielzeugwelt, die nicht nur Kinder fasziniert.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Doch damit ist es erst einmal vorbei. Das Ordnungsamt hat das Sammelsurium konfisziert, weil keine „Sondernutzungserlaubnis“ vorliegt. Sie ist vorgeschrieben, um öffentlichen Raum zu belegen. Unter den Passanten am Liebfrauenberg hat sich die Nachricht schon herumgesprochen. Die 42 Jahre alte Jasmina Jovic ist fassungslos. Sie komme auf dem Weg zur Arbeit immer vorbei und freue sich über die Spielsachen. „Der Reiner gehört zur Stadt“, sagt die braungebrannte Frau, die ein Fahrrad schiebt und eine ausladende Sonnenbrille ins lange Haar gesteckt hat. Dass die Ordnungshüter die Sammlung weggenommen haben, sei „absurd“.

          „Der Reiner ist doch kein Krimineller“

          Unter den Umstehenden fallen noch härtere Worte. „Der Reiner ist doch kein Krimineller“, heißt es, die wahren Verbrecher säßen im Römer. Die Stadtpolizei schikaniere einen friedlichen Obdachlosen, traue sich aber nicht, etwas gegen aggressive Bettelbanden und Drogendealer zu unternehmen. Andere vermuten, dass die Zeil gesäubert werden solle, „weil jetzt die Bänker aus London kommen“. Von „Willkür und Diebstahl“ spricht Egon Ernst, der auch auf der Straße lebt. Er habe sich im Internet schlau gemacht und herausgefunden, dass eine Beschlagnahmung von Eigentum nur möglich sei, wenn eine Straftat drohe.

          Schaad schaut sich alles aus ein paar Metern Abstand an. Ab und zu nippt er an einem Pappbecher mit Kaffee - dem Alkohol hat er abgeschworen. Dann kramt er in seiner Gürteltasche, holt eine Schachtel heraus und steckt sich einen Zigarillo in den Mundwinkel. Sehr gesprächig ist er nicht, aber das erledigen ja andere für ihn. Noch lieber wäre es ihm allerdings, er könnte seine Spielzeugsammlung für sich sprechen lassen, so wie früher.

          Doch die Chancen dafür stehen nicht allzu gut: Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) sagt, Schaad sei mehrfach ermahnt worden, für seinen Miniaturenpark eine Erlaubnis zu beantragen. Das müsse jeder, der in der Fußgängerzone mehr aufstelle als einen Becher für Kleingeld und ein Schildchen. „Es muss gleiches Recht für alle gelten“, sagt Frank. Und dauernde Verstöße gegen die Vorschriften müssten irgendwann zu Konsequenzen führen. „Einer Ausnahme für Eisenbahn-Reiner folgt eine für Blumen-Jutta und wer weiß, wer dann noch alles kommt.“

          Die Stadtpolizisten hätten einen schwierigen Job, sagt Frank. Auf der einen Seite erwarteten die Bürger, dass sie das Einhalten von Regeln im öffentlichen Raum kontrollierten, auf der anderen Seite würden in vielen Einzelfällen Ausnahmen verlangt. Etwa, wenn Ortsbeiräte, die sich sonst immer über wild abgestellten Sperrmüll beklagten, auf einmal behaupteten, die gebrauchten Polstergarnituren auf einem Quartiersplatz seien ein wertvolles Nachbarschaftsprojekt.

          Auf die von der Linken-Stadverordnetenfraktion erhobene Forderung, das Ordnungsamt solle für Eisenbahn-Reiner einen „Ermessensspielraum“ nutzen, entgegnet Frank, die Zeil sei in den vergangenen Jahren neu gestaltet worden, und in diesem Zusammenhang hätten die Stadtverordneten sich auf Regeln geeinigt, wie die zentrale Einkaufsstraße und ihre Nebenstraßen genutzt werden sollten. „Wenn die Stadtverordnetenversammlung es jetzt anders will, muss sie neue Regeln machen.“ Es müsse aber dabei bleiben, dass niemand davon ausgenommen werde, „weil wir ihn so gerne mögen“.

          Solche grundsätzlichen Argumente haben es schwer, in der aufgebrachten Stimmung auf der Neuen Kräme gehört zu werden. Jasmina Jovic gesteht zwar zu, dass allgemeine Regeln wichtig seien. „Aber der Reiner ist so speziell - das mit den Spielsachen, das würde ja kein anderer machen.“ Vermutlich nicht, zumindest nicht so liebevoll und beharrlich. Über die Jahre hat der Obdachlose, der aus Kelsterbach stammt und früher einmal Gärtner war, sein Sammelsurium gepflegt und ausgebaut. Immer wieder kam ein neues Stück hinzu, manches geschenkt, manches erworben. Das Playmobil-Karussell hat er im Sommerschlussverkauf erstanden - „da war alles um 20 Prozent runtergesetzt“.

          Immer wieder fragten Passanten, ob sie eine Figur kaufen könnten. Das aber wollte er nicht, und so stellte er irgendwann ein Schild hin, auf dem „Kein Verkauf“ stand. Abends räumte er die Spielsachen zusammen, verstaute sie in einer Tasche, die er in einem Schließfach deponierte, und legte sich im Eingang von Schuh-Jordan schlafen. Und am nächsten Morgen ging es wieder von vorne los.

          Für den Fünfundvierzigjährigen ist das sein Leben - und er möchte es wiederhaben. Bis dahin hat er sich einen kleinen Platzhalter aufgebaut: zwei Minions in einem Holzkistchen, das er mit Küchenpapier ausgelegt hat. Und ein grün-gelber Kunststoffpapagei, der auf einem Bäumchen sitzt und auf Knopfdruck zu sprechen beginnt.

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