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Soirée mit Barbara Klemm : Die Freiheit, zu sehen, wie es heute zu sehen ist

Aus dem Werk einer Lichtbildnerin: Der Palatin in Rom, aufgenommen 2013 Bild: Barbara Klemm

Barbara Klemm hat zunächst gezögert, sich mit der Kamera auf Goethes Spuren zu begeben. Jetzt hat die Fotografin erzählt, warum sie sich eines Besseren besonnen hat.

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          Der Mond ist an allem schuld. Nicht dass Barbara Klemm den Sternen und Planeten ganz im Allgemeinen und Frau Luna im Besonderen am Ende hörig wäre. Doch erst, als sie Goethes Zeichnungen in Weimar im Original habe sehen können, habe sie gewusst, sie werde es machen. Trotz alledem. „Dieser hinreißende Mond, diese Sichel, da war’s passiert. Da ist mir das Herz übergelaufen, und ich habe ja gesagt.“ Ja gesagt zu einer Reise auf den Spuren Goethes also nach Weimar, in die Schweiz und an den Gotthard und naturgemäß nach Rom, freilich statt wie der Olympier mit Papier und Feder im Tornister mit der analogen Kamera über der Schulter, die sie seit Jahrzehnten durch die ganze Welt begleitet.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die „Reisenotizen“, so der Titel des Ausstellung gewordenen Projekts mit Goethes Zeichnungen und Klemms Fotografien in klassischem Schwarzweiß, sind derzeit im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg zu sehen. Anlass genug für diese Zeitung, zu einer Soirée mit Barbara Klemm ins Historische Museum einzuladen, um im ausverkauften Sonnemann-Saal auf eher selten vergleichbar aufmerksam begangenen Pfaden lyrisch, fotografisch und anekdotisch auf den Spuren Goethes zu wandeln. Mit Manuel Harders ebenso hin- wie mitreißendem „Ritt durch den ganzen Goethe in 25 Minuten“ zum Auftakt des anregenden Abends etwa, wie es Moderatorin Eva-Maria Magel formulierte.

          Fassen, was kaum zu fassen scheint

          Ein Parforceritt, in der Tat, doch wie das Ensemble-Mitglied des Frankfurter Schauspiels Gedichte, Passagen aus den „Schriften zur Kunst und Literatur“, aus „Dichtung und Wahrheit“ und aus dem „Werther“ vortrug, das machte nicht nur Lust, die Originale im Sinclair-Haus zu sehen. Vor allem stimmte es trefflich auf das anschließende Gespräch mit Barbara Klemm ein, auf deren Wunsch hin der Erlös des Abends dem Frankfurter Fotografie Forum zugutekommt. Lenkte die Rezitation doch den Blick auf die im Kern immergleichen Fragen jeder Kunst. Und auf eine Haltung. Zu jeder Zeit, an jedem Ort.

          Wenn etwa Goethe nach eigener Auskunft „nach Art des Dilettanten“ zeichnete, „was nicht zu zeichnen war, und noch weniger ein Bild geben wollte“, dann mochte man hier Reiz wie Zauber und zugleich auch das Dilemma aller Landschaftsschilderung gespiegelt finden, gleich ob das Medium hier die Sprache, Papier und Zeichenstift oder Klemms Blick durch den Sucher ihrer Leica sei. Immer geht es um Licht und Schatten und Struktur, um Tiefe und Kontraste und Komposition, kurzum: dass ein Bild sei. Darum zu fassen, was kaum zu fassen scheint, hier wie dort.

          Auf das Licht kommt alles an

          In der Landschaft, sagte Klemm, zeige sich denn auch deutlicher denn je, „dass wir Fotografen Lichtbildner sind“. Denn auf das Licht kommt alles an. Und doch hat sie zunächst gezögert, den Auftrag der Altana Kulturstiftung anzunehmen.

          Nicht nur, weil Frankfurt sich nach Goethes frühen Skizzen, weil selbst das ewige Rom und auch Natur und Landschaft sich mehr als 200 Jahre nach seinen Wanderungen zum Rheinfall und zum Gotthard deutlich verändert zeigen und weil es mithin nicht nur darum gehen konnte in dem Projekt, getreulich abzubilden, wie Goethe die Schauplätze zu seiner Zeit gesehen hat. „Ich wollte die Freiheit haben, es so zu sehen, wie ich es heute sehe.“ Vor der Natur, doch aus eigener Perspektive, mit ganz eigenem Blick. Vor allem aber, so die langjährige Redaktionsfotografin dieser Zeitung, „war die Landschaftsfotografie schon ein bisschen neu“, drehen sich die Bilder, mit denen sie als Bildberichterstatterin berühmt geworden ist, doch um Politik, Gesellschaft, Alltag und mithin um den Menschen.

          Die Landschaft, das war dagegen eher ein Thema nebenbei, „für die Ferien“ etwa und einen schönen, unverhofften Augenblick. Gerade hier, etwa in den nachgerade beglückenden, äußerst malerischen Baum- und Wolkenstudien, scheint sie dem Dichterfürsten seltsam nah. Und schaut und wartet geduldig auf das rechte Licht. Denn immerhin, „die Landschaften bewegen sich ja nicht“. Ein wunderbarer Abend also, allein es hilft ja nichts. Nicht nur Goethes Mond auf blauem Grund, auch Klemms Bilder sollte man im Original gesehen haben. Nach Homburg also, dann passiert’s. Das Herz läuft über, und hier und da will es tatsächlich scheinen, als flüstere es leise „ja“. Sonst nichts. Das aber ist die ganze Kunst.

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