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Softwaretester : Personalvermittler für Autisten will nach Frankfurt

Stellt gezielt Autisten ein: Auticon-Chef Dirk Müller-Remus Bild: dpa

Der Softwareentwickler SAP will gezielt Autisten anstellen. In Rhein-Main könnte das Beispiel Schule machen. Denn einen Personalvermittler, der sich auf Menschen mit dieser Behinderung spezialisiert hat, zieht es nach Frankfurt.

          Noch stellen Autisten als Mitarbeiter in Unternehmen in der Rhein-Main-Region die große Ausnahme dar. Anders als der Software-Konzern SAP verfolgt der Mitbewerber Software AG aus Darmstadt keine gezielte Strategie, Mitarbeiter mit Autismus anzuwerben, wie es bei dem börsennotierten Konzern heißt. Ob dessen ungeachtet Autisten schon in seinen Reihen sind, lässt ein Sprecher offen. Die Software AG erfasse nicht die Krankheiten ihrer Mitarbeiter.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vom nächsten Jahr an könnten Autisten gleichwohl vermehrt in Betrieben in der Region eingesetzt werden - und zwar speziell in Softwareunternehmen. Denn die in Berlin ansässige Auticon GmbH will in Frankfurt 2014 eine Niederlassung eröffnen, wie ein Sprecher sagt.

          Kräftereservoir Mainmetropole

          Auticon stellt selbst Autisten ein und vermittelt diese Beschäftigten als Softwaretester an andere Firmen weiter. Bisher sind die Berliner außer in ihrer Heimatstadt in München und Düsseldorf vertreten. Im nächsten Jahr soll außer Frankfurt auch Hamburg als Standort hinzukommen, wie der Sprecher sagt. „Wir brauchen Wirtschaftsmetropolen, um Softwaretester rekrutieren zu können.“

          Autisten eigneten sich aufgrund ihrer hohen Konzentrationsfähigkeit sehr gut für wiederkehrende Aufgaben, die andere Personen bald als monoton empfänden. Dies komme ihnen beim Erproben von Computerprogrammen zugute. Zudem zeige so mancher Autist ein gesteigertes Interesse an Informationstechnik und Computern und verfüge schon über gute Programmierkenntnisse. Derzeit seien sieben der 22 Mitarbeiter Autisten; vier von ihnen seien in Düsseldorf angestellt und arbeiteten dort für das Telekommunikationsunternehmen Vodafone.

          Jobcoaches als Unterstützer

          „Die Schwierigkeiten von Autisten liegen eher im Zwischenmenschlichen, aber das fangen wir über unsere Jobcoaches ab“, erläutert der Auticon-Sprecher. Bei diesen ebenfalls bei Auticon angestellten Kräften handele es sich um Mitarbeiter, die schon früher mit Autisten zusammengearbeitet sowie Erfahrungen als Coach im Arbeitsleben gesammelt hätten.

          Dass Angestellte mit autistischen Symptomen besondere Betreuung am Arbeitsplatz bekommen, hält auch Andreas Schadt für wichtig. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung der Praunheimer Werkstätten, die in ihren Einrichtungen in Frankfurt 800 Menschen mit Behinderung beschäftigt. Unter ihnen sind auch Autisten. „Manche von ihnen haben besondere Fähigkeiten, können etwa ganze Fahrplanbücher auswendig lernen“, sagt er. Gerade weil sie sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen schwertäten, können sie sich sehr gut auf bestimmte Aufgaben konzentrieren, meint Schadt.

          Die Herausforderung sei, diese Potentiale auch sinnvoll einzusetzen. Ob sich Autisten auch in Unternehmen wie SAP zurechtfänden, hänge davon ab, welche sonstigen Eigenschaften sie mitbrächten. Manche von ihnen würden es allein nicht schaffen, morgens aufzustehen und pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Für sie sei es daher wichtig, feste, auf sie zugeschnittene Regeln und Ordnungen vorzufinden. „Meine Sorge ist, dass die Unternehmen nicht genug Kenntnisse über die Autisten haben“, sagt Schadt. SAP will mit einer dänischen Initiative zusammenarbeiten, die sich „Specialisterne“ nennt und ähnlich wie der Personaldienstleister Auticon schon jetzt Autisten beschäftigt und an Unternehmen vermittelt.

          Ob und wie Autisten Unternehmen weiterhelfen könnten, hänge auch davon ab, wie früh die Symptome erkannt würden und wann die Förderung beginne, sagt Schadt. Deshalb sei es wichtig, dass ihre Integration schon im Kindergarten und in der Schule beginne. Grundsätzlich hält er die SAP-Initiative für ein gutes Zeichen. „Menschen an ihren Stärken zu messen ist besser, als sie als Ansammlung von Defiziten zu sehen.“

          Keine Zahlen zu joblosen Autisten

          Bislang haben es Autisten auf dem Arbeitsmarkt aber schwer. Wie viele Autisten von den Agenturen für Arbeit in Rhein-Main und Hessen bisher an Unternehmen vermittelt worden sind, muss die Regionaldirektion mit Sitz in Frankfurt offenlassen. Wie eine Agentursprecherin sagte, weist die Arbeitslosenstatistik zwar gesondert Menschen mit Behinderungen aus, schlüsselt aber nicht nach Autismus auf. Entsprechende Gutachten von Ärzten zu Arbeitslosen seien vertraulich und in den Arbeitsagenturen nur den jeweiligen Betreuern der Kunden bekannt. Deshalb gebe es keine Zahlen zu arbeitslosen Autisten.

          Auch große Unternehmen aus der Rhein-Main-Region, bei denen viel gerechnet und programmiert wird, die Deutsche Börse und die R+V Versicherungen zum Beispiel, haben nach eigenem Bekunden keine Erkenntnisse darüber, ob bei ihnen Autisten beschäftigt sind. „Erkrankungen jeglicher Art sind Privatsache und müssen nicht beim Arbeitgeber angezeigt werden“, sagt eine Sprecherin der R+V Versicherungen in Wiesbaden. Auch in Bewerbungsgesprächen dürfe darüber nicht gesprochen werden. Ähnlich lautet die Auskunft der Deutschen Börse.

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