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Software-Firma aus Bad Camberg : Vom Hintertaunus an die Börse

Große Pläne: Dirk Martin will mit Serviceware den nächsten Schritt machen. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Firma Serviceware macht Software für Unternehmen. In den vergangenen Jahren ist man stets gewachsen, jetzt geht der Betrieb an die Börse. Und hat ein großes Vorbild.

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          Es gibt diesen einen Moment, an den sich Dirk Martin dieser Tage immer wieder erinnert. Vor 20 Jahren saß er mit seinem Freund Harald Popp auf einer Parkbank mitten in New York. Gemeinsam beschlossen sie damals, ein Unternehmen gründen und aufzubauen. Es war der erste Schritt zu dem Betrieb, der heute unter dem Namen Serviceware als einer der führenden Anbieter von Softwarelösungen gilt, die Prozesse in Unternehmen verbessern sollen. Martin denkt gerade jetzt so häufig an diesen Entschluss in New York, weil der nächste wichtige Schritt bevorsteht: Das Unternehmen wird in Kürze an die Börse gehen. Der Streubesitz wird nach dem Börsengang bei rund 35 Prozent liegen; der Zeitraum, in dem Anleger die 2,5 Millionen neu angebotenen Aktien zeichnen können, beginnt am Montag und endet voraussichtlich am 18.April, die Preisspanne für eine Aktie wurde auf 22,50 bis 27,50 Euro festgelegt.

          Daniel Schleidt
          Stellvertretender Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es kommt in Deutschland nicht häufig vor, dass sich Software-Betriebe an die Börse wagen. Die Branche wird von Konzernen aus den Vereinigten Staaten dominiert. Dennoch gibt es für Serviceware, das derzeit 285 Mitarbeiter beschäftigt und seinen Hauptsitz in Bad Camberg nahe Idstein hat, auch ein großes deutsches Vorbild: SAP.

          Die Softwarebranche aufmischen

          Betrachtet man die Erfolgsgeschichte des Software-Konzerns aus Walldorf, der heute Milliardenumsätze macht, drängen sich die einige Parallelen zu Serviceware durchaus auf: ein paar Freunde, die in jungen Jahren beschließen, die Softwarebranche aufzumischen; eine gute Idee, deren Grundlage die Standardisierung ist, die ihrer Zeit aber noch voraus ist, weil das betreffende Software-Segment erst entsteht; eine Kleinstadt als Nukleus des Unternehmens.

          Das Geschäftsmodell der Serviceware SE, die 2017 einen Umsatz in Höhe von 44,3 Millionen Euro und einen Gewinn nach Steuern von 4,6 Millionen Euro verzeichnete, lässt sich am Beispiel eines Kunden des Unternehmens gut erklären. Eine Immobiliengesellschaft, in deren Besitz rund 30.000 Mietwohnungen sind und bei der täglich Mails und Anrufe von Mietern eintreffen, hat diese lange eher unstrukturiert bearbeitet. Jeder Auftrag wurde einzeln abgewickelt, mit kleinen Zettelchen, ohne fest vorgeschriebenen Prozess, und die entstandenen Kosten wurden in Excel-Listen eingetragen. Die Gründer von Serviceware hingegen setzen auf sogenannte Enterprise-Service-Management-Software, was soviel heißt wie: Sie haben eine Plattform mit eigenen Softwareprodukten entwickelt, in der solche Prozesse, zum Beispiel bei dem Immobilienunternehmen, nun digital gesteuert, vereinheitlicht und auch abgerechnet werden. Laut Serviceware werden die Abläufe dadurch effizienter, die Kosten sinken.

          Der Börsengang ist logisch

          „Service wird für Unternehmen immer wichtiger und stellt zunehmend einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz dar“, sagt Dirk Martin, der auch Vorsitzender des hessischen Verbandes der Familienunternehmer ist. Vor dem Hintergrund des starken Drucks, der durch die Digitalisierung in Unternehmen entstehe, lasse sich so nicht nur die Effizienz, sondern auch die Qualität von Serviceprozessen verbessern, ist er überzeugt. Mehr als 500 Kunden setzten die Softwarelösungen heute schon ein, heißt es aus dem Unternehmen, in den vergangenen 15 Monaten habe man allein drei der sieben größten deutschen Konzerne gewonnen. Für den nächsten Wachstumsschritt hält Martin den Börsengang im regulierten Markt („Prime Standard“) der Frankfurter Wertpapierbörse für geradezu logisch. Das Unternehmen erwartet einen Mittelzufluss in Höhe von rund 60 Millionen Euro.

          Mit dem Geld will Serviceware die Marktführerschaft in Europa ausbauen, sagt Martin. Die Software-Schmiede will internationaler werden und blickt dabei auf Märkte in Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlande und auf nordische Staaten in Europa. Auch Akquisitionen sind geplant. Die größte Konkurrenz gebe es in Übersee, berichtet Martin, der in Bad Camberg aufgewachsen ist. Doch gebe es international noch keine Lösung, die die Prozesse im Service digitalisiere und gleichzeitig die finanzielle Steuerung der Dienstleistungen übernehme. Die Wettbewerber böten jeweils nur das eine oder das andere an, „das ist unser Alleinstellungsmerkmal“.

          Das Unternehmen, das zu 97 Prozent in Besitz der beiden Gründer ist, sieht sich für den Börsengang gut aufgestellt, schließlich gilt der Markt im Segment Enterprise Service Management als Zukunftsbranche. Serviceware beruft sich mit dieser Einschätzung auf Untersuchungen des Marktforschungsunternehmens Gartner, wonach in den nächsten drei Jahren der Markt um durchschnittlich zwölf Prozent im Jahr wachsen soll.

          Seit Gründung des Unternehmens ist man laut eigenen Angaben durchschnittlich um 25 Prozent im Jahr gewachsen und in Bad Camberg dreimal umgezogen. Neben Firmensitzen in Österreich, in der Schweiz und in den Niederlanden hat das Unternehmen kürzlich eine Dependance in Palma de Mallorca gegründet, weil man dort leichter Entwickler finde als in Deutschland, so Martin. Obwohl die Idee für das Unternehmen einst in New York entstand und Mallorca als Arbeitsort durchaus Vorzüge hat, ist sich Serviceware in einer Sache treu: Der Hauptsitz bleibt in Bad Camberg im Hintertaunus.

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