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Online-Knigge : Wo Politikern die sozialen Kompetenzen fehlen

„Zerstörung der CDU“: Welche Regeln sollten für Politiker gelten, um sich im Netz nicht zu blamieren? Bild: Rezo

Julia Klöckner schimpft über „Hatespeaker“, Annegret Kramp-Karrenbauer erntet Spott für biblische Plagen und Staatssekretärs Thomas Bareiß kritisiert Erstwähler. Manche CDU-Politiker tun sich schwer mit sozialen Medien. PR-Profis erklären, wie sie es besser machen könnten.

          In Amerika ist es schon längst Realität, dass Präsident Donald Trump wie selbstverständlich in etwa 280 Zeichen Millionen seiner Befürworter und Kritiker manchmal sogar als Erste über weitreichende politische Entscheidungen informiert. In Deutschland hingegen tun sich Politiker mit der Wirkung und den Regel sozialer Medien noch immer schwer.

          Alexander Davydov

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für Politiker bleiben sie ein notwendiges wie auch gefährliches Schlachtfeld im Kampf um die Wählergunst der nächsten Generation, die viel Zeit auf Facebook verbringt, über Whatsapp kommuniziert und Youtube konsumiert. Aber eben diese Form des Austausches ist es auch, auf die sich Politiker in Deutschland künftig einstellen müssen.

          „Wer 2019 seine Kommunikationsziele hat, wird nicht um soziale Medien herum kommen“, erklärt Christian Muth, Gründer der Frankfurter Agentur für Filmproduktionen und digitales Marketing Muthmedia GmbH. Und das ginge nicht ohne eine Strategie. Zwar optimiert Muths Agentur ausschließlich die Kommunikation von Unternehmen, dennoch sieht der Unternehmer Parallelen zu Politikern und Parteien. „Sie wollen, dass ihre Botschaften besser wahrgenommen werden in einem Wahlkreis oder sie wollen vielleicht eine jüngere Zielgruppe erreichen,“ so Muth. Besonders soziale Medien könnten dabei helfen, da sich über diese Daten sammeln lassen. Wie werde man in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Welche Wahlversprechen oder Themen interessierten potentielle Wähler besonders und würden kommentiert, geteilt oder positiv bewertet? Das alles könne man in sozialen Medien sehr gut herausfiltern und auswerten. Das setze allerdings voraus, dass die Politiker und Parteien sich über ihr Profil im Klaren seien und auch aktiv und regelmäßig Inhalte über Kanäle generierten, mit denen sie umgehen könnten.

          Authentisches Auftreten

          Doch egal, ob man seine Botschaft über Twitter, Instagram oder Facebook verbreitet, wichtig ist laut Muth die Authentizität: „Man spürt deutlich, ob das die Person selbst ist oder ein fremd-gemanagtes Profil. Das sieht man, wenn man sich damit beschäftigt, relativ schnell.“ Man dürfe nicht die Kommunikation komplett abgeben. Im schlimmsten Fall würde man nicht nur weiterhin der gewünschten Zielgruppe fernbleiben, sondern auch die bereits bestehende treue Anhängerschaft abstoßen.

          Wer auch immer das digitale Alter-Ego bediene, müsse im richtigen Umgang mit sozialen Medien geschult und geübt sein. Das musste auch die CDU kürzlich feststellen, als der Youtuber Rezo in einem Video die Partei scharf kritisierte. Die Gegenreaktion aber wirkte unbeholfen. Erst wurde abgewartet, dann wurde ein Gegenvideo produziert, aber nicht veröffentlicht, letztlich gab es eine Erklärung – in Form einer mehrseitigen PDF-Datei. Bis dahin war der Spott gegenüber der Hilflosigkeit der Volkspartei in der digitalen Welt mindestens genauso weit verbreitet, wie Rezos Abrechnung mit der CDU. „Das war einfach ein Schlag, das hat gesessen“, stellt Muth fest. „Da hätte man präventiv reagieren müssen, bevor solche Videos kommen.“ Aus Muthts Sicht ist der Zug aber genau dann abgefahren, wenn man über Jahre hinweg diese Kanäle vernachlässigt und niemanden habe, der auf so etwas angemessen reagieren könne.

          Klöckner vs. Kritiker

          Auch Wigan Salazar, Geschäftsführer der PR-Agentur MSL Germany, rät Politikern von einer wackeligen Kommunikation im Internet dringend ab. „Die Politik lebt noch immer zu sehr in einer klassischen Welt der abgestimmten Zitate und Pressekonferenzen“, sagt Salazar und sieht da bei den Parteien Nachholbedarf. „Man muss zeigen, wofür man steht, in den Kanälen, in denen man sich aber auch auskennt.“ Dabei müsse man nicht unbedingt auf eine Jugendsprache zurückgreifen, um ein frisches Zielpublikum zu erreichen. Dies wirke aus dem Mund gestandener Politiker ohnehin eher befremdlich – so wie es kürzlich auch Julia Klöckner ergangen ist.

          Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft hatte wegen eines kontroversen Videos mit einem Nestlé-Manager viel Unmut im Netz heraufbeschworen. Kritiker, die darin Werbung für den Lebensmittelkonzern sahen, bezichtigte Klöckner über Twitter als „Hatespeaker“, ein Wort, das eigentlich Personen bezeichnet, die sich hasserfüllt diskriminierend äußern. Dem Abschluss des Beitrags folgte ein Emoji mit rollenden Augen. Eine provokante Reaktion, die auf wenig Gegenliebe im Internet stieß und durchaus vermeidbar gewesen wäre.

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