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Welt der Kriminalromane : Im Zweifel für die Dramaturgie

  • -Aktualisiert am

Im F.A.Z.-Bürgergespräch diskutieren die Teilnehmer, was bei Krimiromanen Fiktion und was Wirklichkeit ist. Bild: Wonge Bergmann

Psychopathen, brutale Morde, Ermittler mit schwierigem Privatleben: In Kriminalromanen sieht die Welt oft düster aus. Wie viel hat das noch mit der Realität zu tun?

          3 Min.

          Wenn sich Nele Neuhaus an den Schreibtisch setzt, haben es ihre Figuren nicht immer leicht. „Wenn ich schlecht gelaunt bin, lasse ich meine Figuren leiden“, gestand die 52 Jahre alte Krimiautorin. In Neuhaus’ Krimis wird gemordet, was das Zeug hält, oft sterben gleich mehrere Personen in einem Roman. Wie viel Phantasie in einem Krimi steckt und wie weit Fiktion von der Realität abweichen darf, diesen Fragen widmete sich am Mittwochabend das F.A.Z-Bürgergespräch zum Thema „Ist doch alles nur erfunden!“. Im Holzfoyer der Oper Frankfurt diskutierten dazu die Autoren Nele Neuhaus und Matthias Altenburg, der besser bekannt ist unter seinem Pseudonym Jan Seghers, gemeinsam mit dem Frankfurter Polizeipräsidenten Gerhard Bereswill.

          Dass Literatur und Realität unweigerlich zusammenhängen, da waren sich alle einig. Das fange schon bei der Themenfindung an, sagte Altenburg, der durch seine Romane um den Kommissar Marthaler bekannt wurde. „Ich brauche die Realität als Sprungbrett. Ich finde lieber etwas, als etwas zu erfinden.“ Seine Kollegin Neuhaus ergänzte, auch ihre Inspiration stamme meist aus einem Zeitungsartikel oder einer Dokumentation. Doch bei der Entwicklung der Geschichte lasse sie dann lieber ihrer Phantasie freien Lauf. „Wenn ich etwas Reales erzähle, fühle ich mich verpflichtet, mich an die Fakten zu halten“, sagte sie. „Das will ich nicht.“

          Unter der Moderation der F.A.Z.-Redakteure Manfred Köhler und Katharina Iskandar berichteten die Autoren von ihren Ideen und Geschichten, während sich Polizeipräsident Bereswill immer wieder einschaltete und die Romane einem „Faktencheck“ unterzog. Sein Fazit lautete: Meistens sei der Polizeialltag weit langweiliger als in den Büchern geschildert. Als junger Beamter der Schutzpolizei sei er zum Beispiel in eine Sonderkommission gerufen worden, um den Mord an einer jungen Anhalterin aufzuklären. „Wir haben damals alle schwarzen Golfs in Deutschland durch Inaugenscheinnahme geprüft“, erinnerte er sich. „Das war Ermittlerarbeit durch und durch.“

          Ermittlerarbeit nur am Rande

          In Romanen werde die bürokratische und aufwendige Ermittlerarbeit oft nur kurz geschildert. Altenburg stimmte ihm zu: „Im Zweifel für die Dramaturgie.“ So müssen es in den Romanen schon ausgefallene Todesarten sein. Eine erstochene Leiche sei schon lange nicht mehr genug. Neuhaus wählt für ihre Bücher einen eher praktischen Ansatz: „Welche Mordart ich wähle, hängt auch davon ab, was ich noch nicht hatte“, sagte sie. Es klinge zwar kaltblütig, aber man müsse zu dem, was man schreibe, eine Distanz herstellen. „Sonst könnte ich das auch nicht.“ Mittlerweile bediene sie sich aus einem Handbuch für Rechtsmediziner. „Da steht wirklich jede erdenkliche Art, zu sterben, drin.“

          Ist der gut geplante Mord erst einmal geschehen, geht es in den Krimis vor allem um die Frage: Wer war der Täter? Dass am Ende alles aufgeklärt und der Mörder überführt wird, gehört schließlich zum befriedigenden Leseerlebnis. Altenburg sagte, für ihn sei das zwingend. „Wir bauen ein Riesenrätsel auf, wenn dann am Ende alles offenbleibt, wären wir wahrscheinlich ein bisschen faul gewesen.“ Eine Zuschauerin wollte wissen, ob ein offenes Ende, bei dem der Täter entkommt, nicht viel realistischer sei. „Bei Kapitalverbrechen wird das gesamte Knowhow der Polizei eingesetzt“, erklärte Bereswill. „Etwa 95 bis 100 Prozent der Fälle werden aufgeklärt.“ Das habe die Realität mit der Romanwelt demnach gemeinsam.

          Anders sei das bei den Tätern selbst. „Wir haben in Frankfurt etwa 40 Tötungsdelikte pro Jahr, einschließlich der Versuche“, sagte Bereswill. „Darunter sind viele Beziehungstaten.“ Schon allein bei dem Wort schauderte es Neuhaus. „Wir Kriminalautoren können genau das nicht gebrauchen. Eine Beziehungstat mit dem blutbeschmierten Ehemann im Nebenraum wäre kein Roman, sondern eine Kurzgeschichte“, sagte sie lachend. Neuhaus ist in ihren Romanen nicht nur mit Blick auf Mörder und Mordart kreativ, sondern auch bei der Anzahl der Todesopfer. Ihre Charaktere leben nicht unbedingt sicher und manchmal auch nicht sehr lange. Bereswill sagte, in der Praxis sei oft das Gegenteil der Fall. „Die Tötungsdelikte, die wir bearbeiten, sind in der Regel Einzeltaten“, sagte er. Mehrere Opfer seien die Ausnahme. Viel öfter komme dies bei Bränden oder schweren Unfällen vor.

          Respekt vor der Arbeit

          Dass Romane auch Auswirkungen auf das Leben realer Menschen haben können, haben sowohl Neuhaus als auch Altenburg schon selbst erlebt. „Ich wurde schon von Angehörigen gebeten, den Fall ihrer getöteten Mutter aufzuklären“, sagte Neuhaus. „Es hat mich Respekt gelehrt vor dem, was ich schreibe.“

          Polizeipräsident Bereswill kann die Angehörigen gut verstehen. „Sie sind in ihrer Verzweiflung Getriebene. Es wundert mich nicht, dass sie sich auch an Autoren wenden.“ Auch Altenburg hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Etwa im Zusammenhang mit seinem Roman „Menschenfischer“, der den Mord an dem Frankfurter Schüler Tristan Brübach thematisiert; angereichert mit Fiktion. Bei einer Lesung sei einmal ein Mann auf ihn zugekommen und habe ihm gesagt, er habe Informationen zu dem Fall. Altenburg zögerte nicht lange und schickte den Mann zur Polizei. „Wir Kriminalautoren dürfen nie den Hochmut haben, zu glauben, Ermittlungsarbeit zu leisten“, sagte er.

          Das Publikum wollte auch wissen, inwiefern technische Neuerungen den Polizeialltag, aber auch das Schreiben von Kriminalromanen verändern. „Für die Realität ist die Digitalisierung gut, aber für die Dramaturgie eine Herausforderung“, sagte Altenburg. Neuhaus ergänzte: „Die Taten werden komplizierter, unsere Romane bekommen ein ganz anderes Tempo.“ Auch im realen Leben seien die Neuerungen angekommen, sagte Bereswill. „Es gibt außergewöhnliche Ermittlungsmethoden. Ich würde aber keine einzige hier ansprechen, das wäre unklug.“ Kaum hatte er das ausgesprochen, wurden Neuhaus und Altenburg für einen Moment still. Wahrscheinlich waren sie in Gedanken schon bei ihrem nächsten Buch.

          Frankfurter Allgemeine Bürgergespräch

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