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Buschpiloten im Training : Die Bibel fliegt immer mit

  • -Aktualisiert am

Trainingsflug in einer Cessna 206: Pilot Jan Classen probt für den Ernstfall. Bild: Wonge Bergmann

Sie haben eine doppelte Mission: Die Buschpiloten, die in Hessen für Einsätze in aller Welt trainieren, wollen Notleidenden helfen – und Gottes Wort verbreiten.

          Die Spitze des Flugzeugs neigt sich nach unten. Landeanflug. Die Landebahn liegt nur noch wenige Meter unter der Cessna, die Jan Klassen heute fliegt. Die Maschine gleitet eine ganze Strecke knapp über dem Boden. Doch anstatt sie nach unten zu steuern, streckt der Fünfundzwanzigjährige seinen Kopf nach oben und blickt über das Armaturenbrett aus der Frontscheibe. Die Hände hält er fest am Steuerhorn des Flugzeugs, das dem Lenkrad eines Rennwagens ähnelt. Klassen hat die Landebahn fest im Blick, sucht nach Unebenheiten. Er kontrolliert, ob sich Menschen oder Tiere dort befinden. Aber hier ist alles sicher. Die Bahn ist frei. Ein paar Meter vor dem Ende der 750 Meter langen Piste zieht Klassen die Nase seiner Cessna wieder nach oben, die Maschine steigt hoch in die Luft. Noch eine kleine Runde drehen, dann kann er landen.

          Klassen trainiert für den Ernstfall. Denn wenn er in einem knappen Jahr für die Organisation Mission Aviation Fellowship (MAF) als Buschpilot fliegen wird, steuert er Pisten an, die anders als in Deutschland nicht von Behörden kontrolliert werden. Selten gibt es einen Tower, der über die Gegebenheiten vor Ort informiert. Stattdessen sind die Landebahnen häufig schon lange ungenutzt. Das liegt auch an den Zielen, die von den Buschpiloten angesteuert werden: „Wir unterscheiden uns von der Businessfliegerei, weil wir nicht dorthin fliegen, wo es Luxus ist, sondern wo es lebensnotwendig ist“, sagt Klassen.

          Stundenlanges Üben

          Dabei eignet sich der Flugplatz Marburg-Schönstadt besonders für die Übungen der MAF, weil die Landebahn nicht betoniert ist, sondern aus Gras besteht. Zudem stellt die leichte Neigung der Piste eine Herausforderung für die angehenden Buschpiloten dar. Dennoch sind die Gegebenheiten nicht hundertprozentig realistisch: Denn in Deutschland ist es verboten, ohne Tower zu fliegen.

          Schulbank drücken: Flugschüler während des Theorieunterrichts im Rahmen eines Flight Camps

          Als einer von neun Teilnehmern und einziger Deutscher absolviert Klassen den gestern zu Ende gegangenen dreitägigen Kursus „airstrip evaluation“ (deutsch: Landebahnauswertung). Stundenlang fliegt er gemeinsam mit seinem Instrukteur Stefan Hageneier immer wieder über die Piste, startet durch und steuert sie abermals an. Hageneier war selbst zehn Jahre für die MAF als Buschpilot in Kenia und in Sudan im Einsatz. Nachts schlafen die Teilnehmer in Zelten am Rande des Flughafengeländes.

          Bibelstunden am Flugplatz

          Nach dem gemeinsamen Abendessen im Restaurant des Flugplatzes findet die Bibelstunde statt. Nicht alle nehmen dieses Angebot wahr. Klassen aber freut sich auf den Gedankenaustausch über Gott und die Bibel. Es sei sein Glaube, der ihm Sinn im Leben gebe, sagt Klassen. Er glaubt an die Bibel und die Schöpfungsgeschichte. Als Buschpilot will er diese Überzeugung mit anderen teilen. Er wolle Menschen nicht nur körperlich und physisch helfen, sagt Klassen. Vielmehr sei er fest davon überzeugt, dass man Naturvölker nachhaltig fördern könne, wenn man ihnen den christlichen Glauben nahebringe.

          Hand anlegen: Ein Pilot entfernt die Schutzhülle für Geschwindigkeits- und Windmesser.

          Für ihn, wie für die ganze MAF, gehört der christliche Glaube untrennbar zu seinem Einsatz. Mit Gottes Anwesenheit begründet Peter Schmidt, der Leiter der Botschafterarbeit der MAF Deutschland, die Tatsache, dass seit 2003 kein Flugzeug mehr verunglückt sei. „Kein Pilot kann bei uns starten, wenn wir uns nicht sicher sind, dass er Gott an seiner Seite hat“, sagt Schmidt.

          Gefährliches Operieren an Orten, wo es kaum oder keine Sicherheitsbestimmungen gibt: Umso besser muss die Checkliste verinnerlicht werden.

          Sein Glaube half Klassen auch, die harte Ausbildung zum Buschpiloten zu vollenden. Bereits im Alter von 19 Jahren fasste er das Ziel ins Auge. Seitdem absolviert er immer wieder physische und technische Tests. Er nahm Flugstunden und machte seine Pilotenlizenzen, das alles parallel zu seiner Berufsausbildung zum Kaufmann für Spedition und Logistik. Zuletzt war er gemeinsam mit seiner Frau beim Ehepsychologen. Der untersucht, ob man für den Aufenthalt im Ausland geeignet ist. „Ich wusste auch nicht, dass es so etwas gibt“, sagt Klassen.

          „Man hat wenig Freizeit“

          Neben der Ausbildung zum Buschpiloten arbeitet Klassen seit Jahresbeginn als Beauftragter für Flugaufsicht und Flugleiter in Worms. Außerdem engagiert er sich bei der Hagelabwehr und setzt Fallschirmspringer ab. Alle zwei Wochen besucht er als Vollzugshelfer verurteilte Pädophile im Gefängnis. „Man hat wenig Freizeit“, sagt Klassen. Dennoch habe er noch genug Zeit für seine Freunde. Schade sei, dass man bei jeder Anschaffung darüber nachdenke, ob man das Stück mit ins Ausland nehmen könne. Ein Haus oder ein schickes Auto kommen daher für ihn nicht in Frage.

          Für künftige Missionen: Rund 50.000 Euro kostet der luftige Auslandseinsatz, welcher von Spenden finanziert werden soll.

          Bevor er zur Bibelstunde geht, muss Klassen seine Maschine noch betanken. Randvoll, denn am nächsten Tag will er wieder starten. Wenn er das Training in Mittelhessen erfolgreich absolviert, ist er seinem Traum vom humanitären Einsatz in einem Entwicklungsland wieder ein großes Stück näher gekommen. Dann geht es nur noch darum, Spenden für seinen Auslandseinsatz zu sammeln. Klassen rechnet mit Kosten von 50.000 Euro jährlich, und er ist optimistisch, dass er das Geld zusammenbekommt. Wo er hingeschickt wird, weiß er noch nicht. „Am liebsten nach Papua-Neuguinea, weil das fliegerisch besonders anspruchsvoll ist.“

          Als Klassen mit dem Betanken fertig ist, läuft er über den Flugplatz zur Bibelstunde. Plötzlich bleibt er stehen. „Ich habe mein Handy im Flugzeug vergessen“, sagt er. „Da ist meine Bibel drauf.“

          Christliche Flieger

          Sie landen auf sandigen Feldwegen und in Büschen: Zurzeit sind weltweit acht deutsche Buschpiloten der internationalen, christlichen Organisation Mission Aviator Fellowship (MAF) im Einsatz. Gemeinsam mit ihren 300 Kollegen aus der ganzen Welt steuern sie schwer erschließbare Ziele in 34 Ländern an. „Wir fliegen dahin, wo es keine anderen Möglichkeiten zum Transport gibt“, sagt Stefan Hageneier vom MAF. Die Einsätze sind vielfältig: Buschpiloten holen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen aus Bürgerkriegsländern und transportieren Medikamente zu den Aborigines in Nordaustralien. Nachdem Zyklon Idai im Frühjahr dieses Jahres in Moçambique gewütet hatte, brachten die Flieger Lebensmittel und Wasser in die Region. Ziel der 1944 gegründeten MAF ist es, Gottes Wort mit Hilfe von Luftfahrt und Technologie zu verbreiten. (hamt.)

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