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Studium in Corona-Zeiten : Und plötzlich fliegt der ganze Kurs aus dem Anruf

  • -Aktualisiert am

Eine andere Zeit: ein voller Vorlesungssaal vor der Corona-Krise. Bild: Klein, Nora

Reinkommen ist einfach, Drinbleiben schon schwerer: Die ersten zwei Wochen Online-Studium haben Zeit und Nerven gekostet. So verläuft der Universitätsalltag während der Corona-Krise.

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          Die Semestereinführung im Studiengang Online-Journalismus läuft noch chaotischer ab als sonst. Normalerweise können die Lehrenden Fragen ihrer Studenten wenigstens persönlich beantworten – in Corona-Zeiten wird das sechste Semester mit einer Videokonferenz eröffnet. Eine Nervenprobe für die rund 80 zugeschalteten Teilnehmer: Bei einem Dozenten funktioniert das Mikrofon nicht, bei einem anderen hapert es mit der Bildübertragung. Es rauscht, knistert, mal hört man den Sprecher doppelt, und plötzlich fliegt praktisch der ganze Kurs aus dem Anruf und kommt nicht wieder hinein. Dieser erste Anlauf zum neuen Lernalltag während der Pandemie macht nicht viel Mut für die nächsten Wochen.

          Im März hatte die Hochschule Darmstadt als eine der ersten Hochschulen in Hessen ein Digital-Semester ausgerufen. Es gilt ein Aufenthaltsverbot auf dem Campus, und alle Kurse sollen soweit möglich online stattfinden. Über die Kursplattform Moodle können Dozenten Texte, Aufzeichnungen von Vorlesungen und Präsentationen teilen. Zwar gab es diese Möglichkeit schon vor der Krise, sie wurde aber bisher nicht von allen Lehrkräften genutzt. Jetzt entwickelt Moodle sich zu einer zentralen Anlaufstelle für alle wichtigen Inhalte, die für den Unterricht benötigt werden. Um Videokonferenzen abhalten zu können, hat die Hochschule Lizenzen für die Programme Adobe Connect und Zoom erworben. Letzteres steht wegen angeblich mangelnden Datenschutzes in der Kritik; auch meine Mitstudenten haben Bedenken. Allerdings hat Zoom einen großen Vorteil: Es funktioniert nahezu einwandfrei.

          Das erste „Zoom-Meeting“

          In meinem ersten Zoom-Meeting gibt es keine Probleme mit Bild oder Ton und keine Verzögerungen im Chat. Es dauert zwar eine Weile, bis alle Teilnehmer sich eingefunden haben und endlich der Inhalt des Kurses besprochen werden kann, aber es läuft erstaunlich gut. Zumindest so lange, bis eine Studentin einen Anruf annimmt und dabei vergisst, ihr Mikrofon abzuschalten. In die Liveschalte zu kommen ist sowohl bei Zoom als auch bei Adobe Connect immerhin recht einfach. Der Dozent verschickt eine E-Mail, in der ein Einladungslink samt Passwort enthalten ist. Der Link führt zur Startseite des Programms. Hat man dort seinen Namen und das vom Dozenten festgelegte Passwort eingetragen, landet man in einer Art digitalem Warteraum. Wer vom Dozenten eingelassen wird, nimmt an der Sitzung teil und kann – wenn alles nach Plan läuft – den Vortragenden hören und sehen.

          Doch nicht nur die Programme stellen Dozenten und Studenten vor Herausforderungen. Sich die Zeit selbst einzuteilen und die Motivation zu finden, sich mit dem Stoff auseinanderzusetzen, wenn keine Kommilitonen dabei sind, fällt vielen schwer. Das stellt auch Mathias Ihrig fest. Der Leiter der Studienberatung an der Hochschule Darmstadt fürchtet, dass es besonders in der Prüfungsphase für viele Studenten zu einem Problem wird, Struktur in den Alltag zu bringen: „Ich befürchte, dass es da Menschen gibt, die dann vielleicht das Handtuch werfen oder jetzt einfach mal pausieren.“ Für diese und andere Schwierigkeiten aus dem Studienalltag versucht das Team vom Student Service Center rund um Ihrig Lösungen zu finden.

          Dabei hat sich die Arbeit der Studienberatung ebenfalls sehr verändert, wie Ihrig sagt. Vor der Krise war der sogenannte Help Desk im Hochhaus auf dem Campus die erste Anlaufstelle für viele Studenten: „Alle, die die Hochschule zum ersten Mal betreten, landen dort. Sie verstehen sofort, dass sie da Hilfe bekommen und ihre Anliegen dort erledigen können.“ Jetzt, wo der Campus gesperrt ist, sind aus persönlichen Beratungen Telefonate geworden. Das war für das achtköpfige Team auch eine Umstellung, so Ihrig: „Wir als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mussten uns natürlich auch mit manchen Tools erst mal auseinandersetzen und haben geguckt, was für welchen Zweck am besten funktioniert.“

          Eins mussten sie dabei feststellen: Es dauert alles ein bisschen länger. „Der Bedarf an Kommunikation steigt, und gleichzeitig ist die Kommunikation erschwert“, bemerkt Ihrig und ergänzt: „Das ist vielleicht die größte Herausforderung.“

          Kommunizieren über eine App

          Um innerhalb des Studiengangs zu kommunizieren, nutzen wir für dieses Semester die Software Slack. Damit können Nachrichten innerhalb von Gruppen und zwischen Einzelpersonen verschickt werden. Wie nützlich diese schnelle Methode des Austauschs ist, zeigt sich immer wieder. Bei Fragen zum Kursinhalt können Dozenten und Kommilitonen sofort antworten und weiterhelfen. Und wenn beim Online-Meeting etwas schiefgeht, dauert es nicht lange, bis eine Nachricht vom Dozenten eingeht, die erklärt, wie es weitergehen soll.

          So war es auch vergangene Woche bei einem Kurs, der um neun Uhr über Adobe Connect stattfinden sollte. Noch bevor es richtig losgehen kann, meldet sich der Dozent mit einer Nachricht bei uns. Erst habe er niemanden für den Anruf zulassen können. Als es dann doch endlich funktioniert, bahnt sich ein neues Problem an: Die Audio- und Videofunktionen lassen sich nicht einschalten. Eine Viertelstunde später folgt die nächste Nachricht samt Einladung zu einem Zoom-Meeting.

          All das kostet Zeit und Nerven. Doch mit etwas Übung und Planung laufen die nächsten Videokonferenzen besser ab, und die Rücksicht der Teilnehmer untereinander wächst. Letztlich wünschen wir uns alle nur eines: Dass wir uns so bald wie möglich wieder auf dem Campus sehen können.

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