https://www.faz.net/-gzg-9r14b

Start-ups in Rhein-Main : Wachstum will gelernt sein

Unternehmer aus Leidenschaft: Stefan Knoll, Gründer und Chef der Deutschen Familienversicherung Bild: Wolfgang Eilmes

Wenn Unternehmen schnell groß werden, freut das die Gründer wie auch die Mitarbeiter – sollte man meinen. Doch der Erfolg ist durchaus gefährlich. Experten raten daher, Wachstum lange im voraus zu planen.

          4 Min.

          Solch eine einfache Frage - und trotzdem kommt Peter Moog ins Grübeln. Die Zahl seiner Mitarbeiter? Das haben Unternehmensführer in der Regel schnell parat. Gründer aufgrund der meist überschaubaren Menge des Personals ohnehin. Doch der Geschäftsführer der dreieinhalb Jahre alten Frankfurter Evana AG muss überlegen. Und antwortet dann, er wisse gar nicht so genau, wie viele Menschen derzeit für ihn arbeiteten.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das liege nicht am fehlenden Interesse an den Angestellten, sondern schlicht am schnellen Wachstum des IT-Unternehmens, sagt Moog. „Wenn ich mal zwei Wochen nicht im Büro war, begegne ich wieder etlichen neuen Gesichtern auf dem Flur, die ich bisher nicht kannte.“ In den ersten Wochen nach der Gründung der Firma 2015 wäre ihm das wohl nicht passiert. Damals waren Moog und sein Geschäftsführer-Kollege Sascha Donner noch alleine mit ihrer Idee. Dann ging alles ganz schnell: Aus zwei Gründern wurden zehn Mitarbeiter, dann 20, später 50. Heute zählt das Unternehmen mit Sitz im Frankfurter Westend 85 Beschäftigte, Ende des Jahres sollen es 120 sein. Ein derartiges Wachstum ist beachtlich. Doch birgt es gerade für junge Unternehmen Gefahren.

          Zwischen Struktur und Chaos

          Dass die Evana AG so erfolgreich ist, dass sie ständig Personal aufbaut, hat mit der Immobilienbranche zu tun. Das Unternehmen will mit seiner Software die Arbeitsabläufe in der Branche, in der vieles noch über Papier und E-Mail-Anhänge abläuft, revolutionieren. Mit der Evana-Software wird etwa die Kündigung eines Mieters bei einem Immobilienverwalter digital ausgelesen, und es werden die darauffolgenden Schritte automatisch generiert, etwa die Suche nach einem neuen Mieter und die Terminfindung zur Übergabe der Wohnung. Die Idee hat Potential, glauben die Gründer, und deshalb haben sie von Anfang an auf Wachstum gesetzt – wohlwissend, dass Größe allein nicht zum Selbstzweck werden darf.

          Wachstum organisieren: Die Evana AG-Geschäftsführer Sascha Donner und Peter Moog.

          „Im Wachstum bleibt kein Stein auf dem anderen, und deshalb muss es gut gemanagt werden“, sagt Patrick Merke. Die Frankfurter Agentur des Unternehmensberaters beschäftigt sich mit der Führungskultur im digitalen Zeitalter, also mit Unternehmen, die rasch größer werden müssen, um jene Größenvorteile zu erreichen, die Plattformen wie Amazon oder Google so erfolgreich gemacht haben. Merke unterscheidet in seinen Analysen zwischen schnellem und normalem Wachstum. „Das eine ist eine Herausforderung, das andere ein Risiko.“

          Flexibilität und Geschwindigkeit

          In Start-ups wie Evana sind die Hierarchien in den Anfangsjahren zwangsläufig flach, die Wege kurz, es gibt viele Generalisten; der Chef kann die meisten schwerwiegenden Entscheidungen noch selbst treffen und die wichtigsten Kunden persönlich betreuen. Doch mit dem Wachstum kommt die Notwendigkeit, tragfähige Strukturen und Prozesse einzuziehen. Geht in kleinen Firmen vieles auf Zuruf, sind plötzlich die Aufgaben so umfangreich und komplex, dass Abteilungen entstehen, für Produktentwicklung, für Kundenbetreuung, für IT, für Personal. An dieser Stufe der Professionalisierung jedoch scheitern viele Unternehmen, auch noch Jahre nach der Gründung.

          Hinzu kommt, dass Start-ups oft Angst davor haben, ihre Flexibilität und Geschwindigkeit durch die Schaffung neuer Strukturen aufzugeben. Zu viel Stabilität nimmt einer Firma ihre Innovationsfähigkeit, zu viel Chaos hingegen geht zu Lasten der Effizienz.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump hat sich Erdogan gegenüber benommen wie ein hysterischer Liebhaber.

          Trumps Syrien-Politik : Härte und Liebe

          Trump hat eine Feuerpause für Syrien aushandeln lassen und feiert sich nun als Friedensstifter. Doch seine Siegerpose wirkt lächerlich. Erdogan hat von Amerika alles bekommen, was er wollte.
          Bestens gefüllt – auch am Wochenende: Das britische Parlament am „Super Saturday“.

          „Super Saturday“ : Britische Regierung will Brexit-Verschiebung beantragen

          Das britische Parlament hat eine Entscheidung über den Brexit-Deal verschoben. Premierminister Boris Johnson kündigt an, er werde „weiterhin alles tun, damit wir am 31. Oktober die EU verlassen.“ Trotzdem muss er Brüssel um einen Aufschub bitten.
          Die „People’s Vote“- Bewegung verlangt eine zweite Volksabstimmung über den Verbleib der Briten in der Europäischen Union.

          Protestmarsch in London : „Wir wurden von Anfang an belogen“

          Zum „Super Saturday“ sind auch Hunderttausende Demonstranten nach London gekommen. Viele fühlen sich belogen, wollen Boris Johnson die Zukunft nicht anvertrauen – sondern selbst ein zweites Mal abstimmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.