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Visa, Zoll und Währungstausch : So umständlich waren damals Reisen durch Europa

Kontrolle am Schlagbaum: Eine Szene aus den siebziger Jahren vor der deutsch-österreichischen Grenze. Bild: INTERFOTO

Vier Visa, ein Zollformular für das Auto und keine langen Haare: Reisen in Europa war nicht immer so einfach wie heute. Ein Blick in alte ADAC-Magazine gewährt eine nostalgische Perspektive.

          Eine Autofahrt nach Portugal? Wie sagt der Frankfurter: Bis zum hessischen Neu-Isenburg geht’s, aber dann zieht es sich. Für die mehr als 2000 Kilometer lange Strecke sollte man zwei Zwischenübernachtungen einplanen. Ansonsten aber wird der Reisende von heute höchstens im Kalender nach Feiertagen oder Ferienterminen Ausschau halten, um stauträchtige Tage zu vermeiden. Überfüllte Autobahnen sind seine einzige größere Sorge. Diese komfortable Ausgangssituation hat viel mit Europa zu tun, das sich in Zeiten des Brexits gegen manche nationalstaatliche Träumerei behaupten muss. Wer Reisefreiheit und freien Warenverkehr als selbstverständlich nimmt, dem sei ein Blick zurück in die Zeit des unvereinten Europas empfohlen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Ein verlässlicher Zeuge ist der „Reiseonkel“. Unter dieser Rubrik beantwortete ein Mitarbeiter der Mitgliederzeitschrift „Motorwelt“ des Automobilclubs ADAC in den fünfziger Jahren Leseranfragen. Der „Reiseonkel“ empfahl zum Beispiel der Abwechslung halber verschiedene Strecken für Hin- und Rückfahrt. Er gab aber auch praktische Tipps, was der Automobilist zu beachten hatte. So erfuhr Dr. E. aus M. im Mai 1952, wie er am besten von Münster nach Lissabon komme.

          Der „Reiseonkel“ klärt auf über die Routen

          Der „Reiseonkel“ nannte für den Hinweg die Route über Aachen, Paris, Orléans, Bordeaux, San Sebastián, Salamanca und Tomar nach Lissabon, zurück ging es über Madrid, Barcelona und Straßburg. Diese Strecke durch mehr als halb Europa liegt heute komplett im Schengen-Raum, alle durchquerten Länder haben 1995 die Grenzkontrollen aufgehoben. Es reicht, zur Sicherheit den Personalausweis einzustecken. 1952 sah die Vorbereitung etwas anders aus. Beim Auto angefangen, für das ein Carnet de Passages erforderlich war, um den Wagen zollfrei ein- und wieder ausführen zu können. Alle mitreisenden Personen benötigten Visa für Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal. Mit den Transitvisa für Frankreich und Spanien sei es nicht so einfach, weil die Länder zweimal durchquert würden, warnte der „Reiseonkel“. Die Konsulate stellten die Dokumente aber ohne Schwierigkeiten aus, wenn das Aufenthaltsvisum für Portugal schon im Pass eingetragen sei.

          Ach ja, Geld benötigte man auch noch. Deshalb galt es, zuvor „die Devisenfrage zu klären“. Der Reisende musste zu jener Zeit auf eine „Zuteilung von Reisekostenmitteln“ hoffen, andernfalls war eine Einladung oder sonstige Bescheinigung von Bekannten oder Verwandten im Ausland nötig. Diese mussten zusichern, für den Aufenthalt von Grenze zu Grenze aufzukommen. Meist werde sogar eine Beglaubigung der Kostenübernahme-Erklärung durch Behörden am Wohnort des Ausstellers verlangt, wusste der „Reiseonkel“, dessen Antworten man in alten „Motorwelt“-Heften nachlesen kann, die auf der Online-Plattform www.zwischengas.com archiviert sind. Damals setzte er übrigens für die Lissabon-Reise vier Wochen an, wolle man die Sehenswürdigkeiten am Wegesrand einigermaßen genau ansehen. Zustand und Ausbau des überwiegend aus Landstraßen bestehenden Straßennetzes dürften sich sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ebenfalls mäßigend auf das Tempo ausgewirkt haben.

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