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Jüdische Schulerfahrungen : Zwischen Gedenken und Antisemitismus

  • Aktualisiert am

Wie erleben jüdische Kinder den Schulalltag? Bild: dpa

Kranzniederlegungen, Kerzen, ernste Worte über Verantwortung und Erinnerung und das mahnende „nie wieder“: Die Erinnerung an den Holocaust bleibt präsent. Doch wie sind jenseits des Gedenkens etwa die Alltagserfahrungen jüdischer Schüler?

          An manche unangenehme Erfahrung erinnert sich Mark Krasnov noch aus der eigenen Schulzeit: Wenn im Unterricht von Auschwitz und der Schoah die Rede war und alle sich nach ihm umdrehten. Oder wenn eine wohlmeinende Lehrkraft nachfragte: „Wie war das eigentlich in Deiner Familie?“ Dann war wieder das Gefühl da, eben doch nicht so ganz als zugehörig zu gelten, als „irgendwie anders“, und dass selbst im besten Fall ein etwas verkrampftes Klima aufkam, wenn von Juden die Rede war. „Ich war ja immer der Einzige“, sagt Krasnov beim Blick zurück.

          Inzwischen ist Krasnov selbst Lehrer und unterrichtet in Wiesbaden nicht nur Spanisch, sondern auch jüdische Religion - als einziger Lehrer an staatlichen Schulen und nur einer von drei solchen Pädagogen bundesweit. Trotz Diaspora-Erfahrung - das Gefühl, die Einzigen zu sein, müssen die Schüler seiner Klassen nicht haben: Insgesamt 35 Schüler in drei Gruppen, vom Grundschulalter über die Mittelstufe bis in die Abiturklassen, aus dem ganzen Einzugsgebiet des Schulbezirks und aus verschiedenen Schultypen.

          „Das ist für die eine ganz neue Erfahrung, nicht in der Minderheit zu sein“, sagt Krasnov. Die Klassen könnten ein geschützter Raum sein, etwa um untereinander antisemitische Vorfälle aus dem Alltag zu besprechen und gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie darauf zu reagieren sei. Im Regelunterricht wüssten die Mitschüler häufig nicht, dass es auch einen jüdischen Schüler oder eine Schülerin in der Klasse gebe - teils, weil die Jugendlichen „wie alle anderen“ sein wollen, teils, weil sie Angst vor Anfeindungen haben.

          Vorfälle häufen sich

          Denn die Vorfälle haben sich gehäuft - ob nun auf den Schulhöfen, im Ausbildungsbetrieb, auf dem Sportplatz. Die Anne Frank-Bildungsstätte in Frankfurt berichtet von einer deutlichen Zunahme von Beleidigungen, Beschimpfungen und Aggressionen, die im vergangenen Jahr bei ihrer Beratungsstelle gemeldet worden seien. Dabei sei es nicht unbedingt immer um jüdische Kinder und Jugendliche gegangen, sagt Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte. „Antisemitismus funktioniert auch ganz prima ohne Juden.“

          Lehrer müssten allerdings aufmerksam sein und Sensibilität für das Thema entwickeln, auch wenn kein jüdischer Schüler in ihrer Klasse gemobbt werde. „Das Wort „Jude“ ist als Schimpfwort total salonfähig“, sagt Krasnov. Er selbst habe einmal einen Schüler zur Rede gestellt, der in der Klasse einen Mitschüler aufgefordert hatte: „Sei mal nicht so ein Jude.“ Der Junge habe gar nicht darüber nachgedacht, was er da sagte, meint Krasnov und fügt nachdenklich hinzu: „Ein anderer Lehrer, ohne diesen Hintergrund, wäre aber vielleicht gar nicht darauf eingegangen.“

          Keine zuverlässigen Zahlen zum Antisemitismus

          „Antisemitismus ist nicht an die Anwesenheit von Jüdinnen und Juden gebunden und hat nichts damit zu tun, wie sie sind oder was sie tun“, heißt es in einer Studie der Frankfurter Soziologin Julia Bernstein aus dem vergangenen Jahr. Gerade von Bagatellisierung des verbalen Antisemitismus ist darin die Rede. Doch es kommen auch jüdische Schülerinnen zu Wort, die auf ihrem Platz im Klassenzimmer ein Hakenkreuz aus Büroklammern vorfanden oder auf sozialen Medien entfreundet wurden, als ihre jüdische Identität bekannt wurde.

          Wie verbreitet Antisemitismus an Schulen ist - darüber gibt es keine zuverlässigen Zahlen, wird doch schon über die Frage gestritten, was genau als antisemitisch anzusehen ist. Mendel geht von einer deutlichen Dunkelziffer aus. „Es gibt Schulen oder Jugendeinrichtungen, die melden solche Vorfälle nicht, weil sie Angst haben, dass ihr Ruf leidet.“

          Keineswegs sei Antisemitismus nur auf Schulen begrenzt, die sich nur im Rahmen des Pflichtlehrplans mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen. „Es gibt Schulen, die viel in Sachen Erinnerungskultur machen und Gedenkstättenfahrten organisieren und zugleich zu wenig gegen aktuelle Formen von Antisemitismus unternehmen“, sagt Mendel. „Das hat nicht unbedingt miteinander zu tun.“

          „Erhöhte Sensibilität und Aufmerksamkeit“

          Es sei aber auch nicht so, dass das Problem nicht erkannt werde. Das hessische Kultusministerium hat die Schulämter im vergangenen Frühjahr „um erhöhte Sensibilität und Aufmerksamkeit“ gebeten. Holocaustleugnung solle ebenso gemeldet werden wie die Verteilung antisemitischer Schriften, dämonisierende Behauptungen oder ähnliche Vorfälle.

          Im September startete zudem das Projekt „Netzwerk-Lotsen“: Lehrer, aber auch Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen werden geschult, um Anzeichen von Antisemitismus und Extremismus besser zu erkennen und schnell und konkret zu reagieren. Entsprechende Veranstaltungen bei der Anne Frank-Bildungsstätte sind nach Angaben Mendels regelmäßig ausgebucht.

          Umgekehrt versucht Lehrer Krasnov, seinen Schülern Selbstvertrauen zu vermitteln. „Wir haben keinen Grund, uns zu verstecken und zu verkriechen“, betont er. Wenn nun in den Tagen rund um den 27. Januar auch an vielen Schulen Veranstaltungen zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus laufen, löst das auch durchaus zwiespältige Gefühle aus. Denn die jüdischen Schüler lebten vor allem in der Gegenwart, so Krasnov. „Wir sehen uns heute nicht als Opfer - aber in dem Moment werden wir in eine Opferrolle gedrängt. Die Schüler müssen lernen, damit umzugehen.“

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