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Farbenpracht in der Antike : Eine Kunstwelt, so bunt wie das Leben

Von wegen graue Vergangenheit: In der Antike nutzte man durchaus gerne Farben. Bild: Liebieghaus Skulpturensammlung

Ein bisschen Spekulation ist immer dabei. Aber Forschungsergebnisse lassen keine Zweifel übrig. Die Antike war voller Farben. Wie das ausgesehen haben mag, zeigt die Ausstellung „Bunte Götter – Golden Edition“ im Frankfurter Liebieghaus.

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          Die Faszination für Gold ist ungebrochen. Sie zieht sich durch alle Zeiten und Kulturkreise. Wenn man durch Indien reise, sehe man, was für eine wichtige Rolle Gold dort spiele, sagt Vinzenz Brinkmann. Auf den einfachen Farbflächen läge noch einmal eine goldene Schicht, berichtet der Leiter der Antikensammlung im Frankfurter Liebieghaus, wo nun nach der Schau im Jahr 2008 zum zweiten Mal „Bunte Götter“ gezeigt werden. Mit dem Zusatz „Golden Edition“. Denn im Unterschied zu vorigen Versionen der durch Museen und Universitäten auf der ganzen Welt getourten Ausstellung steht die edelste aller Farben und das begehrteste aller Materialien dieses Mal besonders im Mittelpunkt. Weil Brinkmann, der seit 40 Jahren zur Farbigkeit der antiken Skulpturen forscht, zu der Überzeugung kam, dass Gold auch in der griechischen Skulptur von großer Bedeutung war. So hätten er und seine Mitarbeiter sich skythische Stoffe etwas genauer angeschaut und schnell begriffen: goldene Pailletten überall. Und dann der Blick auf die Vasen. Was hatte es mit den Knubbelchen und ihren Lichtreflexen auf sich? Was ist das da bei den Skythen und Amazonen? „Und jetzt sagen wir wohlgemut: Gold.“ Deshalb wurde für die jetzige Ausstellung noch einmal ein neuer Bogenschütze hergestellt, die dritte Variante, dieses Mal mit Gold besetzt. „Was zeigt, dass immer gewisse Unsicherheiten bleiben.“

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Gold ist nicht das einzige Thema, das neu ist in der Schau. Mehr als doppelt so viele Ausstellungsstücke als vor 12 Jahren sind jetzt zu sehen. „Wir mussten uns von der Archaik und Klassik emanzipieren und haben uns dem Hellenismus zugewandt“, sagt der Altertumswissenschaftler. „Wir können jetzt den Weg zeigen, den die Skulptur in der Antike genommen hat. Auch die Farbigkeit sei Moden und Veränderungen unterworfen. „Man kann sich als Besucher jetzt besser aussuchen, was einem gefällt.“ Vorher lag der Fokus auf den frühen griechischen Arbeiten, denn da hätten präzisere Ergebnisse vorgelegen. Die gibt es jetzt aber auch für die späteren Zeiten.

          „Immer neue Funde sind hinzugekommen“

          Das Wissen sei in den letzten Jahren ungemein gewachsen, sagt Brinkmann. Ein letzter Rest an Spekulation bleibe jedoch immer: „Wir sind eine historische Wissenschaft und müssen Modelle entwickeln. Wichtig ist, dass man mehrere Modelle entwickelt und sie auch gegeneinander ins Feld führt.“ Man müsse sich klar machen, dass die Forschung schon früh eingesetzt habe. „Winckelmann beginnt 1762 in Pompeji mit der Beobachtung von Farben.“ Die Asche des Vesuv habe die Figuren geschützt.

          Experimentelle Farbrekonstruktion des sogenannten Panzertorsos von der Athener Akropolis

          Im ganzen 19. Jahrhundert sei die Farbigkeit das große Thema gewesen. „Immer neue Funde sind hinzugekommen, zuletzt die ausgegrabenen Skulpturen von der Akropolis.“ Die archaischen Bildhauerwerke, die von den Persern zerstört und von den Griechen nicht wieder aufgestellt worden waren, sind laut Brinkmann in der Erde des Heiligtums beigesetzt worden und haben sich auf diese Weise so gut erhalten. „Die Ausgräber haben die ganzen frischen, knalligen Farben gesehen.“ Ende des 19. Jahrhunderts sei die Sache klar gewesen. Man habe sich nur um die Nuancen gestritten. Dann kam dieses komische 20. Jahrhundert, das die Thematik erst einmal verdrängt hat.“ In den sechziger Jahren kümmerte sich dann der Frankfurter Archäologe Volkmar von Graeve um die antike Farbigkeit. Seine Schüler, allen voran Vinzenz Brinkmann, begannen 1980 mit einer intensiven Forschung. „Wir haben nie aufgehört, auf die Originale zu gucken, mit unendlich viel Methodik und Analytik. Und wir haben auch einen Impuls gegeben: Es gibt mittlerweile viele internationale Forschungsteams. Wir sind extrem eng vernetzt, alles, was man neu herausbekommt, tauscht man sofort aus.“ Es gebe wirklich viele Objekte, deren Farbigkeit exzellent erhalten sei. „Wir bewegen uns in einem Rahmen, in der die Evidenz und das Wissen schon sehr dicht sind. Ganz ungewöhnlich für die historischen Wissenschaften.“ Es gehe oft nur noch um Feinheiten, um die Finessen, um das Finish, das ein Künstler seiner Skulptur gegeben habe.

          Überall kann man Entdeckungen machen

          Die Ausstellung geht über das gesamte Liebieghaus, überall kann man Entdeckungen machen, und sie ist auch eine Einführung in die Forschung. Interaktive Lichtspiele etwa verdeutlichen unterschiedliche Varianten der farbigen Rekonstruktion der Muse, die das Liebieghaus besitzt.

          Experimentelle Farbrekonstruktion der Grabstatue der Phrasikleia

          Man müsse sich etwas Zeit nehmen, sagt Brinkmann. „Aber man kann anfangen, wo man will.“ Das Ganze sei eine Intervention: Die Ausstellungsstücke sind integriert in den dauerhaft zu besichtigenden Bestand des Museums. Los geht es mit einer, so der Wissenschaftler, „klaren Ansage“: „Learning from Egypt“. Junge griechische Künstler seien nach Ägypten geschickt worden, um von den dortigen Bildhauern zu lernen.

          Buntes Gewand: Statue der Muse

          Wie der Schöpfer der Grabstatue der Phrasikleia, die 515 in Athen aufgestellt worden war und 1972 mit all ihren Farbresten in Leinwand gehüllt gefunden wurde. Sie hat eine geschlossene Lotosblüte in der Hand. Ein Symbol des Todes. Die Rekonstruktion kommt aus dem 3-D-Drucker. Ein aufwendiges und teures Verfahren liegt ihr zugrunde. So wirkt sie ausgesprochen zeitgenössisch. Und birgt doch viele Geheimnisse.

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