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Kindesmisshandlung : „Es geht uns darum, die Kinder zu schützen“

  • Aktualisiert am

In der Medizinischen Kinderschutzambulanz werden Kinder und Jugendliche behandelt, bei denen der Verdacht auf Misshandlung, Vernachlässigung oder sexueller Missbrauch vorliegt. Bild: dpa

Wird das Kind geschlagen oder bekommt es nur schnell blaue Flecken? Kinderschutzambulanzen gehen solchen Fragen auf den Grund. Von der Antwort hängt viel ab.

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          Babys mit Schütteltrauma, missbrauchte Kleinkinder, verprügelte Jugendliche - hunderte solche Fälle kommen Jahr für Jahr in die beiden Kinderschutzambulanzen in Frankfurt und Kassel. Die Ärzte dort behandeln die Opfer nicht nur in der akuten Situation. Sie dokumentieren auch die Verletzungen für Polizei und Justiz. Und sie beraten Jugendämter bei ihren schwerwiegenden Entscheidungen.

          Mit welcher Wahrscheinlichkeit handelt es sich hier um eine Kindesmisshandlung? Muss das Kind in staatliche Obhut genommen werden? Wird ein Elternteil angezeigt? „Um die richtige Entscheidung zu treffen, brauchen Sie harte Fakten“, sagt Prof. Matthias Kieslich, der Leiter der Medizinischen Kinderschutzambulanz am Frankfurter Universitätsklinikum. Je mehr unterschiedlich qualifizierte Fachärzte das Kind begutachten, desto objektiver der Befund - das ist die Idee.

          Vertrauen schaffen

          Je nach Fall schauen sich nicht nur Kinderärzte das Kind an, sondern auch Gynäkologen, Hautärzte oder Zahnärzte. Für Hirnschäden ist der Kinderneurologe der Spezialist, bei Knochenbrüchen der Radiologe. Und immer ist ein Psychologe beteiligt. Oft geht es dabei um die Frage: Ist die Geschichte, wie die Verletzungen zustande kamen, plausibel?

          Kinder werden eher Opfer von sexuellem Missbrauch als Opfer eines Verkehrsunfalls.

          „Wir nehmen uns viel Zeit, wir lassen uns ein und übernehmen Verantwortung - nur Mitleid hilft den Kindern nicht“, sagt Kieslich. Anfangs ist die Situation im Behandlungszimmer im Untergeschoss von Haus 32C manchmal angespannt. Dann nutzen die Ärzte zwei Bauchredner-Puppen. „Die schaffen Vertrauen und erklären den Kindern dann stellvertretend, was gemacht wird.“

          Die erste Kinderschutzambulanz Hessens war die Einrichtung am Klinikum Kassel. Sie besteht seit 1998. Leiter Bernd Herrmann ist als Oberarzt Spezialist für Neugeborene und Kinderheilkunde. Er habe im Rahmen der Kinderschutzambulanz von 1998 bis Ende vergangenen Jahres über 3600 Kinder untersucht, sagte Inga Eisel, Sprecherin der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH), zu der die Einrichtung gehört. In den ersten Jahren habe Herrmann 10 bis 20 Patienten jährlich angesehen. Die Zahl stieg auf mittlerweile 250 Verdachtsfälle pro Jahr.

          Im Wesentlichen handele es sich um Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch (rund 50 pro Jahr), von körperlichen Misshandlungen (40), die Beratungen von Kollegen aus anderen Kliniken (50) und kindergynäkologische Untersuchungen (100). Bei letzteren wird geklärt, ob zum Beispiel eine blutige Scheideninfektion oder ein bestimmter Keim auf einen Missbrauch zurückgeht oder eine andere medizinische Ursache hat. Hinzu kämen noch Nachuntersuchungen von bereits diagnostizierten Fällen.

          Zehn Prozent der Fälle falscher Alarm

          Das Frankfurter Zentrum gibt es seit November 2010. Die Zahl der dokumentierten Fälle steigt von Jahr zu Jahr. 2011 verzeichnete die Ambulanz 107 Fälle, 2018 waren es 271 Fälle, wie aus der Antwort des Wissenschaftsministeriums auf eine Kleine Anfrage der FDP hervorgeht. Bis Ende 2018 wurden insgesamt 1784 Kinder und Jugendliche behandelt. „Bei den meisten der Kinder (ca. 90 Prozent) lag eine Kindeswohlgefährdung vor“, heißt es im Ministerium. „Es dominieren die Fälle körperlicher Misshandlung, gefolgt von sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung.“ In 30 Prozent der Fälle waren Kinder so stark gefährdet, dass sie aus den Familien herausgenommen wurden. Zehn Prozent der Fälle waren falscher Alarm.

          „Es geht uns nicht darum, Eltern zu überführen, sondern die Kinder zu schützen“, betont Kieslich. Bisweilen trügen die Untersuchungen auch dazu bei, die Eltern am Ende zu entlasten und einen falschen Verdacht zu zerstreuen. Von den 271 Kindern des vergangenen Jahres wurden 170 vom Jugendamt in die Ambulanz gebracht, wie das Wissenschaftsministerium berichtet. 54 wurden von anderen Ärzten überwiesen, 27 von Angehörigen gebracht und 20 von Gerichten. „Immer wieder stellen sich auch Kinder und Jugendliche selbst vor, teilweise direkt nach der Tat, oder werden von der Polizei direkt vom Tatort in die Kinderschutzambulanz gebracht“, berichtet das Ministerium.

          Weiterbildung für Kinderärzte

          „Die Arbeit der Kinderschutzambulanzen ist sehr wertvoll“, sagt Verone Schöninger, Vorsitzende des Kinderschutzbundes in Hessen. „Es wird genau hingeschaut und das ist der entscheidende Faktor.“ Es müsste viel mehr solcher Einrichtungen geben, findet sie und fordert „flächendeckend Kinderschutzambulanzen an allen Kinderkliniken“.

          Kieslich sieht den Kinderschutz in der Medizin auf einem guten Weg. Das Thema sei in die Weiterbildungsordnung für Kinderärzte aufgenommen worden, politisch stelle niemand mehr den Bedarf in Frage, die bestehenden Stellen hätten sich etabliert. Wo es keine Ambulanzen gebe, gründeten sich sogenannte Kinderschutzgruppen - kleinere Ärzteteams mit spezieller Expertise. Noch besser allerdings könnten Kinder geschützt werden, wenn es „ein vergleichbares Angebot mit einheitlichen Standards in allen Städten“ gäbe, sagt Kieslich.

          Generell habe man beim Thema Kinderschutz aber „immer noch einen langen Weg vor uns“, glaubt Verone Schöninger vom Kinderschutzbund. Die Dunkelziffern seien nach wie vor sehr hoch.

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