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Jahreswechsel : „Der ganz normale Wahnsinn“

Jetzt erst recht: Das milde Klima der Silvesternacht und die große Polizeipräsenz machten solche Auftritte vor der Alten Brücke möglich. Bild: Marcus Kaufhold

In der Silvesternacht am Main herrscht eine Atmosphäre zwischen fröhlichem Trotz und banger Erwartung. So werden Sicherheitsvorkehrungen im Enthusiasmus sogar zur Attraktion.

          Es gibt sie noch: Vater, Mutter, Kind, die das Silvesterfeuerwerk am Frankfurter Mainufer erleben wollen. Sie kommen aus Sossenheim und parken das Auto in der zweiten Reihe an der Kurt-Schumacher-Straße. Es ist schon Viertel vor Zwölf, sie sind spät dran. Ob sie keine Angst haben vor dem, was sie erwartet? „Wird schon nicht so schlimm werden“, sagt der Vater. Es muss jetzt fix gehen. Geht es aber nicht, weil der Junge, vielleicht zehn Jahre alt, seine Mütze nicht aufziehen will. Ihm ist jetzt schon zu warm, bei zehn Grad und der ganzen Hektik.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vielleicht haben die drei tatsächlich noch einen guten Platz mit freier Sicht auf das Feuerwerk vor der Skyline bekommen. Auf dem Eisernen Steg, dem Wahrzeichen bürgerlichen Gemeinsinns, allerdings wohl kaum. Die Polizei hat die Fußgängerbrücke – wie später auch den „Geheimtipp“ Holbeinsteg – längst wegen Überfüllung geschlossen.

          Schon um 23 Uhr sitzen in dieser fast mediterranen Nacht dort junge Mädchen auf dem Boden, ganz gechillt, die Sektflasche neben sich, eine Portion Pommes auf dem Schoß, um sich zu stärken für das, was der Jahreswechsel noch so bringen mag. Ein paar Meter weiter tanzt eine Gruppe junge Männer zu arabischer Musik, die aus einer kleinen Anlage dröhnt.

          Präventionskampagne als Teil des Sicherheitskonzepts

          Es wird, wie die Polizei am nächsten Morgen bilanziert, eine relativ friedliche Silvesternacht bleiben. Es sei eben der „ganz normale Wahnsinn“ gewesen, sagt eine Sprecherin. Was, gemessen an dem, was in Zeiten von Terror und Aggression bei solchen Massenveranstaltungen drohen kann, fast schon eine beruhigende Nachricht ist. Wie hoch die Gefahr eines Anschlags von den Behörden nach wie vor eingeschätzt wird, davon künden die Betonklötze an den Mainufer-Straßen. Und die Transparente am Eisernen Steg: „Mein Nein meint Nein“, steht da gereimt und gleich in mehrere Sprachen übersetzt. Und: „Respekt stoppt Sexismus“.

          Die Polizei hat in den Tagen zuvor, auch in Flüchtlingsunterkünften, Flugblätter mit ähnlichen Mahnungen und einfachen Erklärungen verteilt. Etwa jener, dass in Deutschland Männer und Frauen die gleichen Rechte haben und ihre Ehre und Würde zu achten seien. Der Wunsch, nicht noch einmal später erfahren zu müssen, dass nur wenige Meter von Polizisten entfernt im Gedränge Frauen und Mädchen Opfer von Männern wurden, die sie als Objekte betrachten, hat auch in diesem Jahr das Sicherheitskonzept von Polizei und Stadt geprägt.

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          Mehr als tausend Ordnungskräfte sind am Main, auf der Zeil, auf dem Willy-Brandt-Platz und an der Hauptwache unterwegs, wenn man Bundes-, Landes- und Stadtpolizei sowie die privaten Security-Leute an den Kontrollpunkten zusammenrechnet. Noch immer wirkt die Nacht vor zwei Jahren nach, als in Köln, Hamburg und eben auch hier in Frankfurt Mädchen und Frauen im Gedränge begrapscht und bestohlen wurden. Mehr als 60 Anzeigen gingen damals in den folgenden Tagen ein, aber kein Täter konnte gefasst werden.

          Leichtsinn oder Enthusiasmus?

          Diesmal herrscht in der Stadt in der letzten Stunde des Jahres eine Atmosphäre zwischen fröhlichem Trotz und banger Erwartung. Unterwegs sind – mehr als noch vor einem Jahr – Paare in gediegener Kleidung und sogar junge Familien mit Kinderwagen; nicht immer tragen die Kleinen Ohrenschützer. Vielleicht gehört selbst solcher Leichtsinn zu der Haltung, sich die Freude und den Enthusiasmus in dieser Nacht nicht nehmen lassen zu wollen. Auch wenn viele skeptisch blicken auf die Gruppen junger Männer, die seit Stunden über die Zeil und durch das Bahnhofsviertel Richtung Fluss ziehen. Keiner kann sagen, woher sie kommen und was sie zusammenführt. Ob sie nur Spaß haben wollen und wie dieser Spaß aussieht.

          In dieser Nacht beschränkt sich dieser Spaß weitgehend darauf, Böller zu werfen und mit Raketen querzuschießen, gerne auch in Richtung Polizisten und Feuerwehrleute. Und natürlich werden Selfies gemacht. Das Bild mit dem Wasserwerfer der Polizei an der Alten Brücke im Hintergrund wird in dieser Nacht zum beliebtesten Motiv.

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