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Rüsselsheim : Signale des Aufbruchs bei Opel

Herausputzen: 230 Millionen Euro will Opel in das Entwicklungszentrum stecken. Bild: dpa

Opel denkt wieder groß. Der Autobauer investiert viel Geld in den Ausbau seines Entwicklungszentrums in Rüsselsheim. Doch das ist nur ein Punkt auf dem ehrgeizigen Wachstumsplan des Konzerns.

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          Nach Jahren des Niedergangs werden bald weithin sichtbare Zeichen des Aufbruchs am Opel-Werk in Rüsselsheim aufgestellt. Der Autobauer lässt Kräne errichten, um sein Entwicklungszentrum zu erweitern. Vom Spätsommer an soll dort ein Neubau für Teststände hochgezogen werden, auf denen Motoren und Getriebe geprüft werden sollen. Auf diesem Feld wollen die Südhessen verlorenen Boden gutmachen, bis 2016 wollen sie zwei Dutzend neue Modelle auf den Markt bringen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Das ist die erste große Investitionen seit mehreren Jahren“, heißt es am Unternehmenssitz der Tochtergesellschaft von General Motors (GM) mit Blick auf den geplanten Neubau nahe dem Adam-Opel-Hauses am Friedrich-Lutzmann-Ring. Opel denkt wieder groß, zumal die Marktanteile in Deutschland und in Europa endlich wieder steigen – und das erstmals seit rund einem Jahrzehnt. Hinzu kommt viel Schwung durch die Imagekampagne „Umparken im Kopf“, für die Opel beliebte Schauspieler wie Nadja Uhl, Joachim Król und Fahri Yardim gewonnen hat – und natürlich Fußballtrainer Jürgen Klopp. Sie alle nehmen gängige Vorurteile gegenüber der Marke mit dem Blitz aufs Korn. „Ich dachte immer, Opel hat keine schönen Farben – ein Opel wird grundsätzlich in Beige geliefert“, lästert Yardim in einem Werbeclip am Lenkrad eines Insignia, bevor er das Erfolgsmodell aus Rüsselsheim ausführlich lobt.

          Opel-Autos als rollende Hotspots

          Als Kopf hinter der Kampagne gilt die Marketingchefin Tina Müller, die seit August 2013 dem Unternehmen angehört. Die Frau mit den dunklen Locken und den knallrot geschminkten Lippen hatte sich zuvor beim Waschmittelkonzern Henkel einen Namen gemacht, indem sie eine erfolgreiche Haarpflegelinie entwickelte.

          Erklärt gern den neuen Wirtschaftsplan für Opel: Vorstandschef Karl-Thomas Neumann.

          Pfiffiges Marketing ist das eine, doch eine gute Modellpalette ersetzt es nicht. 230 Millionen Euro wird Opel angesichts dessen in das Entwicklungszentrum stecken, das zweitgrößte des Konzerns nach jenem von GM nahe Detroit. Weitere 245 Millionen Euro sollen in das Stammwerk fließen. Das sind aber nur zwei Teile des ehrgeizigen Wachstumsplans, wie Vorstandschef Karl-Thomas Neumann nicht müde wird zu verkünden. Hatte er erst im April auf Einladung einer Unternehmensberatung in Kronberg den Plan umrissen, so legte Neumann am Donnerstagabend beim Forum „Das digitale Auto“ des Arbeitgeberverbands Hessenmetall nach. Dass Hessenmetall das Opel-Werk für seine Veranstaltung ausgesucht hatte kam nicht von ungefähr. Der Autobauer will seine Fahrzeuge als rollende Hotspots ausrüsten, indem er schnelles Internet an Bord ständig verfügbar macht. Es soll dafür spezielle Online-Anwendungen (Apps) geben und einen Notruf, der automatisch nach einem Unfall abgesetzt wird. „Wir werden die ersten sein, die das tun“, sagt der Vorstandschef selbstbewusst.

          Opel gewinnt wichtige Prozente

          Insgesamt will Opel in den nächsten Jahren vier Milliarden Euro aufwenden für die Entwicklung 23 neuer Modelle, für neue Motoren und Getriebe und das vernetzte Auto. In der Motorenentwicklung „waren wir hinterher“, wie Neumann es formuliert. Als Grund führt er die Insolvenz an, in die GM im Jahr 2009 gerutscht war, aus der der Konzern aber wiederauferstanden ist. Im Herbst 2010 kehrte der zwischenzeitlich verstaatlichte Autoriese an die New Yorker Börse an der Wall Street zurück. Seitdem hat GM wieder an Boden gewonnen und im April auf dem Heimatmarkt die Verkäufe deutlich gesteigert. Auch die deutsche Tochter befindet sich im Aufwind: In den ersten drei Monaten dieses Jahres erreichte sie in Europa einen Marktanteil von 6,7 Prozent – den besten Wert seit Mitte 2011. In Deutschland trugen zuletzt sogar 7,5 Prozent der Neuzulassungen einen Blitz auf dem Kühlergrill.

          Im Jahr 2000 hatte der Marktanteil zwar schon einmal bei deutlich besseren zwölf Prozent gelegen. Aber die Talfahrt ist gestoppt. Zudem, und das ist im Zweifelsfall die wichtigere Nachricht: Opel verkauft auch mehr Fahrzeuge als noch vor Jahresfrist. Die neu zugelassenen Autos summierten sich im März europaweit auf 133.700 – ein Plus von 9,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im ersten Quartal verkauften die Rüsselsheimer einschließlich der britischen Schwestermarke fünf Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

          Ausbau der Teststrecke für 28,5 Millionen Euro

          Der Autobauer interpretiert diese Zahlen als erste Erfolge der Modelloffensive – trotz des operativen Verlusts von 284 Millionen Euro im ersten Quartal, der aber weitgehend der geplanten Werkschließung in Bochum angelastet wird. Und Opel kann auch schöne Zahlen vorweisen: Für seinen sportlichen Geländewagen Mokka liegen bisher 215000 Bestellungen vor, während sich für das City-Auto Adam bisher 85000 Käufer begeistern konnten, ebenso viele wie für die überarbeitete Version des Mittelklassewagens Insignia, der in Rüsselsheim gebaut wird. Dort läuft auch die Fünftürerversion des Astra vom Band; nach der Schließung des Werks in Bochum soll der Familien-Van Zafira hinzukommen. Mittelfristig will GM zudem ein neues Modell in Rüsselsheim etablieren, das aber noch geheim gehalten wird. Die Arbeiter sind an dem Standort im Übrigen in der Minderheit. 3500 Beschäftigte sind in der Fabrik tätig, ebenso viele sind in der Verwaltung – 7000 im Entwicklungszentrum.

          Doch nicht nur dort wird der Autobauer kräftig investieren, sondern auch auf der Teststrecke in Rodgau-Dudenhofen. Im Februar stimmte die Regionalversammlung dem auf 28,5 Millionen Euro veranschlagten Ausbau zu, für den 17 Hektar Kiefernwald weichen müssen. Nicht nur bei Opel ist die Freude über die Zustimmung groß: Rüsselsheims Rathauschef Patrick Burghardt (CDU) nannte sie eine hervorragende Nachricht für seine Stadt und die Opel-Mitarbeiter.

          Auch aus dem Betriebsrat kommen selbstbewusste Worte. Der gerade wiedergewählte Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug rechnet mit mehr Mitarbeitern in Rüsselsheim. Das sei nötig, wenn Opel in der Heimat wachsen wolle. Fortgesetzter Stellenabbau ist ohnehin ausgeschlossen. Firma und Arbeitnehmervertreter haben den Ausschluss von Kündigungen bis 2018 verlängert.

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