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125 Jahre Siemens in Frankfurt : Telegrafenlinie, Knochenmühle und Industrie 4.0

Siemens prägte Rhein-Main aber schon zu einer Zeit, als der ursprünglich Berliner Konzern noch gar keine Niederlassung am Main betrieb. So machte von Februar 1884 an das Unternehmen in Frankfurt mit der ersten elektrischen Tram im Regelbetrieb von sich reden – zuvor gab es nur eine Versuchsstrecke in Berlin und eine Überlandroute in Wien. Die Straßenbahn fuhr zwischen Frankfurt-Sachsenhausen, wo sie in Höhe der Alten Brücke hielt, und dem Offenbacher Mathildenplatz.

Längste Telegraphenlinie in Europa

Knapp sieben Kilometer lang war die Strecke – und offenbar nicht jedermann geheuer: Der Volksmund nannte die Tram bald „Knochenmühle“. Deren Nutzung war nicht billig, eine Fahrt kostete 20 Pfennig, an Sonn- und Feiertagen wurde ein Aufschlag fällig. Gleichwohl transportierte die Straßenbahn allein im ersten Jahr eine Million Fahrgäste.

Veteran: Länger als Bernhard Schwalm aus Sossenheim arbeitet niemand für Siemens in Frankfurt.
Veteran: Länger als Bernhard Schwalm aus Sossenheim arbeitet niemand für Siemens in Frankfurt. : Bild: Marcus Kaufhold

Bereits 1879 hatte Siemens im Frankfurter Zoo eine elektrische Beleuchtung eingerichtet, im Jahr darauf illuminierte die Firma dann die Bühne der Oper per Strom, kurze Zeit später folgte der Hauptbahnhof. Und schon 1848 hatte Siemens & Halske, wie der Konzernvorläufer einst hieß, von Frankfurt nach Berlin die damals längste Telegraphenlinie in Europa eingerichtet.

Profitieren vom Aufschwung in der digitalen Infrastruktur

Geht es heute um Hochtechnologie von Siemens, dann fällt Michael Döcke zum Beispiel zeitgenössische Gebäudetechnik ein. Kosten für Heizung und Kühlung senken lautet ein Ziel. Je mehr Bürotürme Siemens entsprechend ausrüsten kann, desto besser ist es fürs Geschäft. Deshalb hofft der Sprecher der Niederlassung Frankfurt auf Vorteile für Frankfurt durch den Brexit, das Ausscheiden der Briten aus der Europäischen Union, durch den Hunderte neuer Büroarbeiter nach Frankfurt am Main kommen könnten. Aber schon jetzt ist die Niederlassung mit 3900 Lieferanten und einem Einkaufsvolumen von einer Milliarde Euro ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Rhein-Main.

Die Fechenheimer Siemens-Fabrik, in der gut 1500 Mitarbeiter tätig sind und die spezielle Schaltanlagen herstellt, profitiert nach den Worten von Döcke derweil vom Aufschwung in der digitalen Infrastruktur. Im Zentrum steht dabei der Internetknoten De-Cix. Die Rechenzentren mit Hochleistungsrechnern, die Daten durchleiten, verarbeiten und speichern, benötigen viel Strom und damit Schaltanlagen aus Fechenheim. Bedeutend sei für Siemens auch die zwischen Marburg und Ingelheim stark vertretene Pharmabranche. Siemens kümmere sich für sie um die Verfahrenstechnik.

Ständiger Wandel

Gefragt, welche Entwicklung er für den Konzern in der Region erwarte, zeigt Döcke mit der Hand nach schräg oben. Potential sieht er im Internet der Dinge: „Wir müssen der Welt zeigen, dass wir Industrie 4.0 können“, also die Vernetzung der Produktionsmaschinen, wodurch diese noch schneller, individueller und ohne zusätzliche Eingriffe produzieren sollen.

Bernhard Schwalm aus Sossenheim wird Siemens auf diesem Weg nur noch ein kleines Stück begleiten. Von August an ist er Rentner. Aus dem ständigen Wandel hat er den Schluss gezogen: „Wer sich dagegen sträubt, bleibt auf der Strecke.“

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